Der Schauspieler Clemens Schick
Foto: Markus Wächter

BerlinWir sind in seiner Nachbarschaft verabredet, Clemens Schick wohnt in Kreuzberg. Überpünktlich kommt er zum Treffpunkt am Berliner Landwehrkanal, in dunklen Jeans, Basecap und einer Goldrandbrille. Ein jungenhaft smarter Typ, den man auf den ersten Blick nicht zusammenbringt mit dem Kommandanten Johannes von Reinhartz, der in einem schweren Ledermantel ein U-Boot im Zweiten Weltkrieg befehligt. 

Der 48-Jährige ist der Neuzugang in der 2. Staffel der Serie „Das Boot“, die derzeit auf Sky zu sehen ist. Kein Remake des Films von Wolfgang Petersen, aber daran anknüpfend. Es gibt verschiedene Handlungsstränge, und nur der kleinere Teil spielt im U-Boot unter Wasser. Es ist Clemens Schicks erste Soldatenrolle.

„Kennen Sie sich aus hier?“, fragt er. Dann schlägt er vor, am Wasser entlang zu gehen. Er selbst kam vor fast 30 Jahren nach Berlin, da hatte er gerade seine erste große Enttäuschung hinter sich. Und er meint damit nicht die Absagen der staatlichen Schauspielschulen, bei denen er sich beworben hatte: Die härteste Enttäuschung kam von den Mönchen eines Klosters in Taizé, Frankreich.

Nach dem ersten Jahr an einer privaten Schauspielschule in Ulm war er in eine Krise geraten und hatte im Kloster eine Woche lang schweigen wollen. „Danach war für mich klar, dass das meine Vision vom Leben ist: Dass man sich mit anderen Leuten einer Idee hingibt, es nicht um eigenen Reichtum und Besitz geht. Und dann habe ich denen das mitgeteilt.“ Nur sei es den Mönchen immer um Berufung gegangen. Jetzt bleibt Clemens Schick stehen, so als könne er dadurch ein Ausrufezeichen hinter die Worte setzen, die er auf Französisch sagt: „La vocation de dieu.“ Die Berufung durch Gott. „Sie haben gesagt, dass sie glauben, dass ich die nicht habe.“

Es waren die 90er-Jahre damals in Berlin, aber Clemens Schick ging nicht in die Clubs. Er besuchte  noch einmal eine kleine Schauspielschule, diesmal in Friedrichshain, und ging jeden Morgen zur Messe in einer katholischen Gemeinde an der Greifswalder Straße. „Da gab es einen Pfarrer, drei Nonnen um die siebzig, achtzig und mich.“ Es war eine Art Doppelleben, das er führte, zwischen Messe, Schauspiel-Training und dem damals wahrscheinlich angesagtesten Italiener der Stadt, dem „Cantamaggio“ an der Alten Schönhauser Straße. Dort kellnerte er, um Geld zu verdienen. „Jeden Abend war Schlingensief da, jeden Abend Castorf.“ Die Messe ließ er irgendwann sein und setzte alles auf eine Karte: die Schauspielerei.

Schwer zu sagen, ob ohne den Berliner Italiener Clemens Schicks Karriere denselben Verlauf genommen hätte. Ohne den Italiener und das, was er selber Chuzpe nennt. Den Leuten am Theater in Stendal schwindelte er mal eine einjährige Tanzausbildung vor, um eine Rolle in „West Side Story“ zu ergattern, und Casting-Agenten in München ein Vorsprechen bei den Kammerspielen, das es nie gegeben hat, nur um sich begehrter erscheinen zu lassen, als er damals tatsächlich war. Der Schweizer Schauspieler Robert Hunger-Bühler, den er aus dem Cantamaggio kannte, verschaffte ihm sein erstes Vorsprechen am Theater. So ging es los. Auch Nan Goldin lernte er beim Kellnern kennen, die amerikanische Fotografin, die ihre Freunde beim Feiern, beim Sex, beim Drogennehmen und beim Abstürzen fotografierte.

Eine Zeit lang lebte er mit ihr in New York, begegnete all den Menschen, die Nan Goldin um sich scharte: Transgender, Drags, Künstler. „Diese ganzen Lebensentwürfe. Das war für mich so ein Durchatmen nach dem Struggle in Berlin.“ Er hat dann nochmal alles auf eine Karte gesetzt, da war er 31, hatte ein festes Engagement am Schauspiel in Hannover, und dachte, er würde es gern noch mit dem Film probieren, bevor er dafür zu alt sei. Ein Angebot für einen kleinen Bösewicht im James Bond „Casino Royale“ schien möglich, er kündigte in Hannover, bevor er es in der Tasche hatte.

Das war 2006. Seitdem hat Schick in ungefähr 70 Spiel- und Fernsehfilmen mitgewirkt, auch mal in einem Erotikfilm mit dem Titel „Hotel Desire“. In „Praia do Futoro“, der 2014 auf der Berlinale lief, spielte er einen schwulen Mann, wenig später hatte er sein eigenes öffentliches Coming-out. Im Fernsehen war er zuletzt als eigenwilliger Kommissar im „Barcelona-Krimi“ zu sehen. Die Bandbreite seiner Rollen ist groß. In seiner ersten Szene in „Das Boot“ versenken sie ein feindliches Schiff, im U-Boot wird gefeiert, bis der Kommandant merkt, dass es gar kein Frachter war, sondern ein Passagierschiff mit Frauen und Kindern an Bord. „Das konnten Sie nicht wissen, Herr Kapitän“, sagt einer seiner „Männer“.

Aber das genügt ihm nicht. „Die Krise ist die Geschichte meiner Rolle“, sagt Schick. „Dass da jemand erkennt, wie sinnlos es ist, Soldat zu sein.“ Es ist wohl auch das, was ihn daran gereizt hat. Wie jemand seine Überzeugung ändern kann und am Ende doch wieder zu denselben unmenschlichen Mitteln greift.

Clemens Schick wurde in Tübingen geboren, als er im entsprechenden Alter war, gab es die Wehrpflicht noch. Aber er wurde nicht eingezogen – weil zwei seiner Brüder schon bei der Bundeswehr waren. „Ich habe nicht gedient“, sagt er. Er wählt wirklich dieses Wort, und er meint es wohl genauso.

Dass die Wehrpflicht abgeschafft worden ist, hält er für einen Fehler. „Wenn man in einer Demokratie lebt, finde ich es nicht schlecht, wenn es ein paar Monate gibt, in denen man etwas zurückgibt.“ Es müsse nicht die Bundeswehr sein, man könne auch in einem Behinderteneinrichtung arbeiten, im Altersheim. Wofür er dankbar ist? „Das Leben, das ich lebe, ist nur in einer freien Gesellschaft wie dieser möglich. Dass ich einen Beruf frei wählen kann, dass ich sagen kann, was ich denke.“

Man könnte vielleicht sagen, dass Clemens Schick auf seine Art dient. Er engagiert sich bei der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und gegen Atomkraft, er ist in die SPD eingetreten, und er war dann doch noch bei der Bundeswehr. Vor Soldaten in Afghanistan ist er mit einem Soloprogramm aufgetreten, das er auch mal in den Sophiensälen gezeigt hat. Er war sozusagen Truppenunterhalter.

Clemens Schick erklärt das so: Er habe versucht, damit umzugehen, dass die Regierung, die er gewählt hatte, die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr nach dem Zweiten Weltkrieg beschloss. 2012 war er das letzte Mal in Kabul. Bei einem seiner Besuche habe es auf den Konvoi vom Flughafen zum Nato-Hauptquartier eine Anschlagswarnung gegeben. Er sei von seinem Team getrennt worden, sie saßen in verschiedenen Panzerfahrzeugen, und er habe beim Blick aus dem schmalen Fenster gebetet: Bitte lass deren Fahrzeug nicht in die Luft gehen. „Dieses Ausgeliefertsein, dieses Warten, was passiert.“ Daran habe er denken müssen bei den Dreharbeiten für „Das Boot“, in den Szenen, in denen sie still stehen und flüstern, aus Angst, die Radarwellen eines feindlichen Schiffs könnten sie erfassen. 

Trailer zu „Das Boot 2“

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Wie er zur Zeit seine Tage verbringt? Clemens Schick krempelt die Ärmel hoch, zeigt seine zerkratzten Unterarme. „Das ist keine Selbstzerstörung, das ist Landarbeit“, sagt er. Vergangenes Jahr hat er all sein Geld zusammengekratzt und einen kleinen Hof in Brandenburg gekauft. Da ist er gerade von morgens bis abends, schreibt an seinem ersten eigenen Drehbuch. Und er geht joggen, begegnet Füchsen, sieht Bäume, die die Biber abgenagt haben. „Wissen Sie, dass Rehe bellen können?“, fragt er. „Das hört sich unheimlich an.“

Zur Zeit wäre für ihn ohnehin Drehpause gewesen. „Das Stillsein und Für-mich-sein entspricht eh meinen Bedürfnissen.“ Ungewissheit gehöre zu seinem Beruf. „Dass ich oft nicht weiß, was ich in zwei Monaten mache, damit lebe ich seit Jahrzehnten.“ Bemerkenswert findet er, dass es jetzt der ganzen Gesellschaft so geht.

Und was seine Branche betrifft? „Sie existiert im Moment nicht, die Kunstszene steht gerade nackt da.“ Aber im nächsten Satz spricht er schon von Afrika, von Ländern ohne Gesundheitssystem. Er habe in diesem Jahr noch keinen Pfennig verdient, sagt er. Aber wenn auch nur die Möglichkeit bestehe, dass die Einschränkungen Leben retten, nehme er das gern in Kauf.