Ai Weiwei war von 2015 an drei Jahre lang Gastprofessor an der UdK Berlin.
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BerlinNachdem der Künstler Ai Weiwei in seinem Interview mit der Berliner Zeitung schwere Vorwürfe gegen seine Studenten an der Universität der Künste Berlin (UdK) erhoben hatte, meldete sich Maryana Dzhokhadze bei der Redaktion. Sie habe Ai Weiweis Klasse besucht und wolle „die andere Seite der Medaille“ darstellen. Ein Protokoll:

Maryana Dzhokhadze: Was Ai Weiwei in dem Interview gesagt hat, hat mich sehr traurig gemacht. Vieles stimmt meiner Meinung nach nicht ganz. Vor allem, was die UdK angeht: Entscheidungen darüber, wer dort seinen Meister macht oder inwiefern die Studenten hier faul sind.

Ich studiere bildende Kunst an der UdK. Ab dem dritten Semester besucht man eine Fachklasse bei einem Künstler. Ich habe bei Hito Steyerl angefangen und mich dann bei Ai Weiwei beworben. Als die Zusage kam, war ich aus dem Häuschen. Ich hatte Ai Weiweis Arbeit lange verfolgt, und fand es sehr spannend, dass sie so politisch ist. Als er bei uns angefangen hat, wollten wir alle in seinen Kurs. Für die Studenten war es neu, dass jemand Aktivist war, dass er im Gefängnis war, misshandelt wurde und mit seinem Vater in der Verbannung gelebt hat. Mich hat das deshalb so interessiert, weil meine Familie aus der Sowjetunion stammt und wir in diesem totalitären Regime viel erlebt haben. Das prägt Menschen. Ich kann mir vorstellen, dass Ai Weiwei vielleicht deshalb schnell das Negative sieht. Er hat sich immer darüber aufgeregt, was in der Welt passiert. Vielleicht muss man das tun als Aktivist, man will ja etwas verändern.

Foto: Markus Wächter
Maryana Dzhokhadze

Maryana Dzhokhadze emigrierte 1996 mit ihrer Familie aus Odessa  nach Deutschland. Derzeit beendet sie ihren Bachelor in bildender Kunst an der Universität der Künste.

Ihre künstlerische Arbeit umfasst viele Formate von der Fotografie über Performance bis  hin zu ihrem aktuellen Schwerpunkt, der skulpturalen Malerei. Am 13. Mai eröffnet ihre aktuelle Ausstellung in der Invalidenstraße 120/121.

Als ich zu ihm kam, war er schon eineinhalb Jahre an der UdK, und sein Ruf war schwierig. Ich hatte von einigen Leuten gehört, man könne nicht eigenständig bei ihm lernen, er würde vieles vorschreiben. Viele haben die Klasse schnell wieder verlassen, weil sie sich lieber frei entfalten wollten. Dafür steht die UdK ja auch.

Eine besondere Aura

Als ich bei ihm angefangen habe, hatte sich das geändert. Es gab tatsächlich ein Thema, das man interpretieren, zu dem man etwas kreieren sollte. Die Klasse – wir waren elf oder zwölf Studenten – fand ein-, zweimal in der Woche in seinem Studio am Pfefferberg statt, aber Ai haben wir vielleicht einmal im Monat gesehen. Ich hatte das Glück, dass er an meinem ersten Tag da war, und es ist wirklich etwas ganz Besonderes, mit ihm zu sprechen. Er besitzt eine Aura und ein Verständnis von der Welt und von Politik, das nicht jeder hat. Ich habe viel von ihm gelernt, dafür bin ich dankbar. Aber es war schade, dass er so selten da war. Die meiste Arbeit haben seine Studenten aus China gemacht, die mit ihm zusammen an Projekten gearbeitet haben und mehr Kontakt zu ihm hatten als wir. Wir galten zwar als die Klasse Ai, aber eigentlich haben wir vor allem mit seinen Assistenten kommuniziert.

Jeder durfte ihm eine Frage stellen

Wenn er da war, gab es seine geliebte Runde, in der wir alle auf Holzhockern saßen. Jeder durfte ihm eine Frage stellen,  um herauszufinden, was Ai so denkt. Die Fragen sollten wir aber vorher einreichen. Ich erinnere mich an eine Frage: Was ist eine Seele für dich? Oder: Hat China eine Seele? Er hat dann lange geantwortet. Das war streckenweise sehr auf ihn fixiert. Ich habe das als egozentrisch wahrgenommen, denn wir hätten eher Feedback zu unserer Arbeit gebraucht. Aber es war trotzdem etwas Besonderes, bei ihm zu arbeiten. Ich bin durch ihn in meiner Arbeit politischer geworden und nehme Kunst ganz allgemein dadurch anders wahr.

Bei Ai kann man auch gut lernen, wie man sich auf dem Markt platziert. Er geht einfach raus und klopft überall an. Er macht auf sich aufmerksam, startet Projekte mit Themen, die die Welt interessieren. Seine Arbeiten rund um das Flüchtlingsthema haben auch in Deutschland für Aufmerksamkeit gesorgt.

Damals hat er völlig anders geklungen

Was mich gewundert hat: Am ersten Tag, als wir uns hingesetzt haben, hat er von Deutschland geschwärmt. Wie gut organisiert hier alles ist, wie gut das Schulsystem ist. Er war fasziniert davon, wie wir arbeiten. Als ich das Interview gelesen habe, dachte ich, das kann nicht sein, damals hat das völlig anders geklungen.

Jetzt der Punkt mit den Hausaufgaben: Ich kann nur für mich sprechen, aber ich denke, dass alle in seinem Kurs immer ihre Hausaufgaben gemacht haben. Und mehr. Wir haben ja auch noch andere Kurse: Kunstgeschichte, weiterführende Geschichte, Kunstphilosophie. Ich war auch an der Parsons in New York und habe festgestellt, dass die deutsche Kunstuniversität ein viel höheres Niveau hat.

An der UdK bekommt man eine Note, wenn man seinen Abschluss macht. Aber Ai Weiwei konnte sich von seinen Studenten gar kein Bild machen, weil er zu keinem einen direkten Kontakt hatte. Die Entscheidung über eine Leistung kann aber kein Assistent treffen. Das haben dann andere Professoren gemacht oder die Dekanin selbst. Denn die kennen die Studenten. Die Dekanin kannte uns besser als Ai Weiwei. Man konnte sie immer anrufen, ihr schreiben. Andere Professoren waren für uns da – Ai nicht. Er war nicht gut zu erreichen, ich hatte das Gefühl, man dürfe ihn nicht kontaktieren. Er war ein Heiligtum und ein Mysterium.

Shitstorm nach dem Foto mit Alice Weidel

Für viele gab es dann diesen Schlüsselmoment, als er ein Foto mit Alice Weidel von der AfD gemacht hat. Zu dem Zeitpunkt musste er wissen, wer sie war. Als er in die Klasse kam, gab es einen riesengroßen Shitstorm. Viele meiner Kommilitonen waren sowieso schon sehr unzufrieden mit ihm. Er sagte, es sei ihm egal, was ein Mensch macht, beruflich oder privat, es gehe ihm um den Menschen selbst. Alice Weidel habe ihn so freundlich gefragt und sei so aufgeregt gewesen. Und jetzt wolle er nicht weiter darüber reden. Das hat viele ziemlich aufgeregt.

Ein Künstler ist kein Pädagoge, aber es ging immer viel um ihn, weniger um uns. Er hat nie gefragt, wo wir herkommen, was unser Hintergrund ist, warum wir uns für die Kunst entschieden haben. Ich kann mir vorstellen, dass wir uns heute vor ihn hinstellen und sagen könnten: Wir haben bei dir studiert. Und er würde sagen: Ich kenne euch nicht.