Eine „Udo 80“-Tournee werde es nicht mehr geben. So mutmaßte 1970 nach der erfolgreichen Jürgens-Tournee „Udo 70“ sein Manager Hans Rudolf Beierlein. Er werde den Sänger jetzt „sachte umpolen – auf Komponist.“

Was hat er sich getäuscht, der clevere Beierlein, eine Tour „Udo 2014“ gibt es immer noch, und das mit 80 Jahren! Der Platz des Österreichers mit Schweizer Pass in der bundesdeutschen Unterhaltung ist weiterhin oben, ganz oben. „Es ist vor allem der Ruf, dem ich folge“, bekennt der Jubilar in einem Geburtstagsfeature der ARD, danach gefragt, warum er nicht aufhöre. Der Ruf, das sind immer noch die ausverkauften Konzertsäle, die guten Plattenverkäufe, die Star-Auftritte im TV. Ende Oktober startet seine 25. Tournee seit 1967, „Mitten im Leben“. „Es zu machen bedeutet, einen Thron zu besteigen, den man sich nicht selbst ausgesucht hat, den haben Menschen für einen ausgesucht.“

Ausgerechnet Unterhaltungsmusik

Der Mann kann nicht anders. Das musikalische Talent war da, von Beginn an. Das hat er dann zur Reife gebracht am Mozarteum in Salzburg, da war er noch keine 20. Geboren in Klagenfurt am Wörthersee wächst Jürgen Udo Bockelmann, der mittlere von drei Jungs, in gutbürgerlichen Verhältnissen auf einem Gutshof in Kärnten auf. Sein Großvater war Bankdirektor in Moskau, ein Onkel mütterlicherseits der Dadaist Hans Arp, sein Onkel Werner Bockelmann war Oberbürgermeister in Frankfurt am Main. Und was macht ein Spross dieser Familie? Ausgerechnet Unterhaltungsmusik. Er tritt in Bars auf, tingelt mit einer Band durch die Kneipen, siegt 17-jährig bei einem Komponistenwettbewerb, Liedtitel „Je t’aime“. Dann lässt er sich einkaufen vom Billiglabel Heliodor der Plattenfirma Polydor und singt jeden Quatsch, den man ihm vorlegt – ganz ohne Erfolg. Dazu spielt er in Schlagerfilmen Rollen, für die er sich heute noch schämt.

Bis er 1963 auf besagten Hans Rudolf Beierlein stößt. Der bringt ihn zum Eurovision Song Contest, der damals noch Grand Prix heißt. Gleich drei Mal hintereinander – 1964, 1965 und 1966 – tritt Udo Jürgens für Österreich an und siegt schließlich beim letzten Anlauf mit „Merci, Chérie“. Die Ochsentour hat sich gelohnt, ein Star ist entdeckt, endlich, mit 32 Jahren. Das Siegerlied wird zum Entrée in eine kleine Weltkarriere, in Japan tritt er auf, in Südamerika, in ganz Europa sowieso. Seine Kompositionen singen fortan Stars wie Shirley Bassey, Matt Monro, Bing Crosby, Bobby Darin, Sammy Davis Jr., Al Martino.

Und Udo Jürgens hat sein Image gefunden, im Smoking und mit untadeligem Haarschnitt – ein gepflegter Rebell. Denn seine Lieder sind die immer währenden Dramen der Liebe und des Abschieds, gepaart mit den Fragen, die eine junge Generation sich stellt: „Sag mir wie reich’ ich meinem Feind die Hand? / Sag mir wie baut man Frieden nicht auf Sand? / Sag mir wie lebt man frei in jedem Land?“ Das ist der Soundtrack derer, die 1968 nicht auf die Straße gehen, aber auch den Wandel wollen.

Frauen sind es vor allem, die dem schlaksigen Charmeur folgen. „Udo Jürgens ist schuldig am permanenten Siedepunkt der Frauen“, schreibt Marie-Luise Scherer 1968 in der Zeit. Er ist eben auch ein Womanizer, zwar Ehemann und Vater inzwischen, aber einer mit One-night-stands und dauernder Untreue, einer, dem alle alles nachsehen, wie einem Rockstar.

Doch sein Manager Beierlein will mehr, das ganz große Publikum, „von zehn bis neunzig“. Udo Jürgens erweitert sein Repertoire, widmet sich Themen, die man politisch nennen muss im Umfeld des bräsigen Tralala der ihn umgebenden Schlagerlandschaft. Mit „Griechischer Wein“ besingt er die sogenannten Gastarbeiter, „Ein ehrenwertes Haus“ rechnet ab mit der Spießermoral, und mit „Lieb Vaterland“ wagt er den Generalangriff: „Lieb Vaterland, magst ruhig sein, / die Großen zäunen ihren Wohlstand ein, / die Armen warten mit leerer Hand.“ Seinen Kritikern entgegnet der Sänger: „Warum soll ich nicht auch als Wohlhabender ein soziales Gewissen haben?“ Und noch etwas: „Unterhaltung“, hat er einmal gesagt, „beinhaltet Haltung.“

Seitdem pflegt Udo Jürgens die Routine, die Beständigkeit eines Superstars, wie es keinen zweiten gibt hierzulande. Diese Sorte Sänger gibt es in Frankreich und in Italien. Aber in Deutschland ist er der einzige: einer, der richtige Geschichten erzählt von richtigen Menschen, dabei musikalisch einem Massenpublikum entgegenkommt, ohne eintönig zu werden – und ohne den ansonsten unvermeidlichen Rhythmus des Discofox, hinter dem sich ein Marsch versteckt. Da tut man sich schwer mit den Schubladen: Schlager? Pop? Chanson? Nicht zu vergessen seine symphonischen und Musical-Kompositionen. Der deutschen sowie der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft schreibt er die Schlachtgesänge, und einmal legt er sich sogar mit dem Papst an, woraufhin ihn der Bayerische Rundfunk auf den Index setzt. Just auf dem gleichen Album, erschienen im Februar 1988, nimmt er prophetisch den Fall der Mauer vorweg: „In Berlin wird die Mauer / von beiden Seiten zerschlagen, / als gemeinsame Fackel wird Freiheit / ins Morgen getragen.“

Garantiert keine Abschiedstournee

Souverän thront Udo Jürgens über den Genres, und seine Bilanz ist herausragend: Mehr als 1000 Kompositionen, über 100 Millionen verkaufte Tonträger, mehr als 50 Alben in einer Karriere, die seit über 50 Jahren anhält.

Seine Stimme ist natürlich älter geworden, rauer, brüchiger, der Schmelz ist dahin. Dafür ist er heute auf der Bühne weniger aufgeregt, cooler, weil er nichts und niemanden mehr etwas beweisen muss, denn sie haben alle seine Klasse längst begriffen. Eine Abschiedstournee, sagt der 80-Jährige, wird es mit ihm nicht geben. Und die Abschiedslieder, die habe er geschrieben mit 40. Sein musikalisches Vermächtnis hat er bereits 2005 veröffentlicht, „Bis ans Ende meiner Lieder“, heißt der Song, und da steht noch einmal alles drin: „Ich will den Text, der sich was traut / Ich will das Wort so wie ein Schwert / Ich will verdammt sein zur Revolte / Und zum Träumen frei.“