„Über das Grübeln“: Balbina - Sternstunde des deutschen Pop

Ich neige sonst ja nicht zu Superlativen. Aber dies ist allerdings die tollste Platte, die der deutsche Pop seit sehr langer Zeit hervorgebracht hat. Dabei spreizt sie sich nicht auf und sie plustert sich nicht, sie handelt von minderen Dingen und von winzigen Worten, von leichtfertig aus dem Bewusstsein gestrichenen Kleinigkeiten im Leben und von gedankenverlorenen Blicken ins Nichts, sie feiert die nicht verstreichen wollende Zeit und das Verlieren im Sich-vergessen und darüber hinaus auch überaus oft übersehene Umlaute wie beispielsweise das „ü“, ja, ich möchte fast sagen, allein für die Art, in der auf dieser Platte das „ü“ intoniert und abgeschmeckt wird, zerdehnt und verkostet, komprimiert und in alle Winde verstreut, würde ich einen kompletten Jahrgang sonstwie sich in den Vordergrund drängenden musikalischen Schaffens aus diesem Land bedenkenlos beim erstbesten Höker verkloppen.

„Über das Grübeln“ heißt dieses erstaunliche Werk der Berliner Sängerin Balbina Jagielska, die ausschließlich unter ihrem Vornamen aufzutreten pflegt, und auf „Über das Grübeln“ singt Balbina mit ihrer überaus wandlungsreichen, sicher träumenden Altstimme ebenso gedankenverloren entschlossen über das Grübeln, wie sie über das „über“ singt, denn das „über“, sagt Balbina, gehört zu diesen Worten, die man so leicht übersieht und zu geringschätzen pflegt, aber die uns doch so enorm wichtig sind, weil wir ohne sie überhaupt nicht davon reden und singen könnten, wie man aus einem Moment, einem Blick, einem Traum in den nächsten gelangt und darüber hinaus.

Die ganz harte Schule

Seit sie ein Kind war, macht sie schon Musik, erzählt Balbina bei unserem Treffen auf einer westberliner Literaturhausterrasse, bei dem sie mir ohne mit der Wimper zu zucken – das würde schon reichen, um mir das Herz zu brechen – die filterlosen Zigaretten wegraucht. Als Jugendliche reüssierte sie in hiesigen Sprechgesangszirkeln um das Royal-Bunker-Label, sie musizierte mit Prinz Pi und ging mit den radaurappenden Spaßvögeln von den Orsons auf Tour: die ganz harte Schule, wenn man so nachdenklich-zerbrechliche Musik macht wie sie, aber, sagt Balbina, jeder partyversessene Orsons-Fan, den man für seine Musik zu begeistern versteht, bleibt für immer an der eigenen Seite. 2011 erschien ihr Debütalbum „Bina“, auf dem sie zu retroverliebten Elektrobeats in vergleichsweise flotter Geschwindigkeit sang.

„Über das Grübeln“ verbindet nun klickernde R’n’B-Rhythmen mit sacht schwelgenden Synths, weichen Bässen und einem dunkel perlenden Klavier; ihr Gesang wird mal mit flehend verfilterten Mönchschören, mal mit hell heiter huhu-machenden Frauenstimmen kontrastiert und umpuschelt. Es ist Balbinas erstes Langspielwerk bei einer großen Schallplattenfirma, ab Mai geht sie als Support von Herbert Grönemeyer auf Hallen- und Stadiontournee.

Das kann man befremdlich finden, aber andererseits passt es auch gut. Denn Balbina geht so individuell und charismatisch in ihren Texten und ihrem Gesang mit der deutschen Sprache um wie Grönemeyer in seinen besten Zeiten; auch ähnelt sie ihm in der sonderbar eleganten Un-Eleganz, mit der sie, was beim ersten Hören vielleicht unbeholfen und stotternd erscheint, zu geschmeidigen Wort- und Klangflüssen zu verbinden versteht.

Blumentopf und Fenstersims

Sie singt davon, wie sie grübelt und grübelt, bis ihr der Kopf zerplatzt wie ein Blumentopf, der vom Fenstersims fällt, und dann singt sie vom Fenstersims und vom Blumentopf, als ob sie alles vergessen hätte, was ihren Gedankenstrom zuvor zu diesen beiden Gegenständen führte. In dem Stück „Nichtstun“ singt sie vom Nichtstun, das ihr nicht gut tut, und von der Langeweile, die sich beeilen soll; und so wie es in „Über das Grübeln“ ums „ü“ geht, so geht es in „Nichtstun“ um das „u“ und in dem ebenso zauberhaften Stück „Oropax“ um das „o“, und während man noch darüber nachdenkt, ob diese geheimnisvoll-schöne Frau jetzt allen Ernstes ein Stück über banales Ohropax singt, ist man doch längst schon gefangen genommen von dem sonst schlafenden, jetzt erweckten Zauber, der in diesem Wort liegt, und von der Feier der Stille und Einsamkeit, mit der Balbina ihre Huldigung an das Ohropax umkränzt.

In den Fotografien, mit denen sie „Über das Grübeln“ schmückt, zeigt Balbina sich so rätselhaft, wie sie singt, mit einem Blick, der undurchdringlich zwischen Abweisung, Leere, Härte, Bedrohlichkeit und souveräner Zartheit changiert. Und sie zeigt sich in einem Kleid aus Papier, denn sie wollte, sagt Balbina, auf diesen Bildern ganz mit dem Papier verschmelzen, auf dem diese schließlich gedruckt erscheinen, denn es geht ja nicht um sie als Person, sondern um das Material ihrer Kunst, um die Bilder und Symbole und Rätsel, in denen diese Kunst aus dem Leben entspringt und sich mit unserem Leben verbindet und mit unserem Unbewussten.

Habe ich schon hinreichend zum Ausdruck gebracht, dass man vor dieser Kunst lediglich niederknien kann? Es gibt in der Musik unserer Sprache nichts sonst, was ihr gegenwärtig vergleichbar ist.