Ich neige sonst ja nicht zu Superlativen. Aber dies ist allerdings die tollste Platte, die der deutsche Pop seit sehr langer Zeit hervorgebracht hat. Dabei spreizt sie sich nicht auf und sie plustert sich nicht, sie handelt von minderen Dingen und von winzigen Worten, von leichtfertig aus dem Bewusstsein gestrichenen Kleinigkeiten im Leben und von gedankenverlorenen Blicken ins Nichts, sie feiert die nicht verstreichen wollende Zeit und das Verlieren im Sich-vergessen und darüber hinaus auch überaus oft übersehene Umlaute wie beispielsweise das „ü“, ja, ich möchte fast sagen, allein für die Art, in der auf dieser Platte das „ü“ intoniert und abgeschmeckt wird, zerdehnt und verkostet, komprimiert und in alle Winde verstreut, würde ich einen kompletten Jahrgang sonstwie sich in den Vordergrund drängenden musikalischen Schaffens aus diesem Land bedenkenlos beim erstbesten Höker verkloppen.

„Über das Grübeln“ heißt dieses erstaunliche Werk der Berliner Sängerin Balbina Jagielska, die ausschließlich unter ihrem Vornamen aufzutreten pflegt, und auf „Über das Grübeln“ singt Balbina mit ihrer überaus wandlungsreichen, sicher träumenden Altstimme ebenso gedankenverloren entschlossen über das Grübeln, wie sie über das „über“ singt, denn das „über“, sagt Balbina, gehört zu diesen Worten, die man so leicht übersieht und zu geringschätzen pflegt, aber die uns doch so enorm wichtig sind, weil wir ohne sie überhaupt nicht davon reden und singen könnten, wie man aus einem Moment, einem Blick, einem Traum in den nächsten gelangt und darüber hinaus.

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