Szenen mit einer Polaroid-Kamera festzuhalten gehört inzwischen weitestgehend der Vergangenheit an. 
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BerlinEs vollzog sich jedes Mal wie ein kleines Wunder des Erscheinens. Mit einem leisen Surren warf die handliche Apparatur ein quadratisch-blattförmiges Etwas aus, auf dem sich nur langsam die sichtbar werdenden Konturen zu einem Abbild formten. Die Sofortbildkamera versprach eine neue Unmittelbarkeit und wurde schnell zu einem Medium mit Kultcharakter, das eher einer luxuriösen Ablenkung gleichkam, als dass es als Ausdruck eines bahnbrechenden Fortschritts anzusehen war.

Das Polaroid war im buchstäblichen Sinn ein Vorbild, es faszinierte durch seine rasche Verfügbarkeit im Alltag wie auf Reisen und fand bald auch in der Kunst Verwendung – als Provisorium und Zwischenergebnis, das festzuhalten einen ganz besonderen Charme aufwies. Andy Warhol war davon besessen, Wim Wenders und sein Kameramann Robby Müller benutzten es zur Verfertigung ihrer künstlerischen Ideen.

Als die Herstellung von Polaroid-Kameras vor einigen Jahren vorübergehend eingestellt wurde, ließen wehmütige Nachrufe auf das Verschwinden einer Kulturtechnik nicht lange auf sich warten. Die Mechanismen sind vertraut. Kein Niedergang mehr ohne die süßlichen Klänge eines „Titanic“-Orchesters. Wenn große Marken verschwinden, mag man die Erklärungen zum zwangsläufigen Marktversagen nicht hören und hält sich lieber an das Drama vom allmählichen Verblassen einer ganzen Welt.

Vielfältige Reaktionen der Abstoßung

Und selbst wenn das gute Stück, wie im Falle Polaroid, als Retro-Produkt erhalten bleibt, die Kamera von manchen Firmen sogar eine Weiterentwicklung erfuhr, fällt plötzlich doch auf, wie seltsam veraltet das langsam zum Vorschein kommende Bild in Zeiten von Snapchat und Instagram wirkt – von der in ökologischer Hinsicht zweifelhaften Materialität eines solchen Sofortbildes ganz zu schweigen.

Wehmut ist denn auch nicht die einzige Regung, die das Verschwinden von einst geschätzten Kulturgegenständen und sozialen Gewohnheiten hervorruft. In der Phase des Niedergangs gibt es vielfältige Reaktionen der Abstoßung, und nicht selten sind sie begleitet von Unbehagen, Ekel und dem dringenden Bedürfnis nach Entrümpelung. Ist das emotionale Verfallsdatum erst einmal überschritten, spielt es keine Rolle mehr, ob ein Gebrauchsgegenstand noch intakt ist und er seine Funktion in vollem Umfang zu erfüllen vermag.

Es gehört ganz unmittelbar zur Logik des Konsums, dass eben noch stark nachgefragte und als schön empfundene Produkte plötzlich vergessen oder abgelöst werden, seien es Füllfederhalter, Autos oder Schlaghosen. Man trennt sich davon in einer auffälligen Entschlossenheit und wundert sich später nicht selten über Fotos, auf denen man sich wie selbstverständlich von derlei Dingen umgeben sieht.

Emotional motivierte Abkehr ist nicht auf die Dingwelt beschränkt. Zu den bemerkenswerten politischen Zeiterscheinungen gehört nicht allein der Niedergang der ein ganzes Jahrhundert prägenden Sozialdemokratie, sondern auch die affektive Wut, die ihn begleitet.

Demonstrative Bindungslosigkeit und "Ghosting"

Was wohlfahrtsstaatliche Politik im Verständnis der SPD einmal war und darstellte, wird nicht einfach durch Neues oder Besseres ersetzt. Vielmehr wird das vermeintlich Überlebte mutwillig verabschiedet und scheinbar ungerührt genießt das versammelte Publikum den politischen Schiffbruch als unvermeidbares Schicksal einer gesellschaftlichen Institution. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat in einem anderen Zusammenhang die Metapher von der Furie des Verschwindens geprägt.

In seiner „Phänomenologie des Geistes“ gebrauchte er das schöne Bild im Kontext seiner Kritik an der Schreckensherrschaft während der Französischen Revolution. „Kein positives Werk noch Tat“, heißt es bei Hegel, „kann also die allgemeine Freiheit hervorbringen; es bleibt ihr nur das negative Tun; sie ist nur die Furie des Verschwindens.“ Hegel spielte damit auf eine zerstörerische Dialektik an, in der das Neue stets viel Bewährtes mitreißt und vernichtet. Die Errungenschaften und Bindungen, die das politische Gefüge zusammengehalten haben mögen, erweisen sich als nicht mehr stark genug.

Was Hegel als fatale Zwangsläufigkeit beschrieb, hat in den sozialen Beziehungen Ausdrucksformen demonstrativer Bindungslosigkeit angenommen. Ghosting nennt man seit einiger Zeit jenes immer häufiger vorkommende Phänomen, dass Menschen eben noch intakte Beziehungen ohne ein Wort der Erklärung lösen oder abreißen lassen. Der andere, dessen Nähe man gestern geteilt hatte, ist plötzlich weg, ohne Abschied und ohne Adresse.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat in ihren Arbeiten wiederholt gezeigt, wie Gefühle im Kapitalismus zu Äquivalenten der Verwertbarkeit werden. Empathie und Zuneigung werden zur Ware, die man auch wieder entziehen und weitergeben oder einfach nur loswerden möchte. Falls doch noch erklärende Botschaften vonnöten sind, sendet man diese per SMS.

Schlechte Aussichten also in Zeiten eines mit digitaler Effizienz beschleunigten Warentauschs?

Hans Magnus Enzensberger hat die Furie des Verschwindens 1980 als Titel eines Gedichtbandes aufgegriffen und zugleich als signifikante Beschreibung eines postmodernen Lebensgefühls wiederbelebt, das in vielfacher Hinsicht von Prozessen gesteigerter Geschwindigkeit durchdrungen war. Enzensbergers Pointe bestand jedoch darin, dass in der beschleunigten Lebenswelt, in der vieles der Raserei anheimzufallen droht, die Furie selbst Ruhe und Beharrlichkeit austrahlt.

Was also wäre der Erkenntnis zu entnehmen, dass im Innern des Orkans kein Lüftchen weht? In einer aufs Verschwinden ausgerichteten Kultur jedenfalls wird allzu leicht übersehen, was bleibt. Dabei hat gerade der digitale Kapitalismus erstaunliche Kapazitäten der Aufbewahrung geschaffen. Durch die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten zur Speicherung von Daten konnten Archive und Wissensvorräte erschlossen werden, die bislang – warum auch immer – versperrt, sorgfältig gehütet und kaum zugänglich waren.

Nicht immer geht es dabei um kriminelle Energien, die aufgebracht werden, um die großen Finanzströme zu kanalisieren oder umzuleiten. Oft sind es kaum vernommene Dinge wie die Aufbereitung von Fontanes Notizbüchern oder den vom einstigen Rockstar Roger McGuinn betriebenen Folk Den, in dem der Gründer der legendären Byrds in schöner Regelmäßigkeit traditionelles Liedgut sichtet, spielt und für die Ewigkeit sichert.

Wenn also in den nun beginnenden 20er-Jahren ein allgegenwärtiges Verschwinden herbeigeredet oder beklagt wird, sollte das gesellschaftliche Bedürfnis, Reservoire anzulegen weder vernachlässigt noch unterschätzt werden.