Berlin - Eines meiner Kinder erzählte mir einmal, dass es niemals ein Austauschjahr in den USA machen würde, da das Risiko viel zu groß wäre, von einem Amokläufer in einer Schule getötet zu werden. Ich war überrascht von seinen Bedenken, war er doch bis dato schon häufiger in den USA gewesen ohne jemals einem schießwütigen Amerikaner begegnet zu sein. Trotzdem hatte sich mein Sohn dieses gängige deutsche Bild vom Heimatland seiner Mutter zu eigen gemacht, das auf der Liste deutscher Klischees von den USA ganz weit oben rangiert neben Patriotismus und Ignoranz ebenso wie Fettleibigkeit und Konsumexzesse.

Und auch wenn die Deutschen nach wie vor der Meinung sind, dass es kein soziales Netz und einen Mangel an Respekt für menschliches Leben gibt, wo der Segen einer Krankenkasse nicht jedem zuteil wird (Deutsche, die glauben, dass dies typisch amerikanisch ist, haben vermutlich noch nie als Freelancer in Deutschland gearbeitet), wandern dennoch jedes Jahr ungefähr 11.000 Deutsche in die Vereinigten Staaten aus.
Was genau ist es also, was die Deutschen in den USA suchen?

Ist es der Drang, ein bisschen weniger Deutschsein zu wollen? Sich weniger vorzudrängeln, sich nicht mehr über Immigration aufzuregen und zeitgleich schon die Auswanderung auf die Kanaren zu planen oder es sich nicht mehr selbstverständlich in der Arztpraxis im Bereich für Privatpatienten bequem zu machen?

Flug mit einer Menge aufgeregter Deutscher 

Das Land ist so paradox wie die Beziehung der Deutschen zu ihm. Immerhin gibt es unter den häufig gering geschätzten Amerikanern nicht wenige spirituelle Führer, inspirierende Redner und millionenschwere Life-Coaches, die zahlreiche Europäer Jahr für Jahr in sündhaft teure Retreats locken, in denen ihnen neues Seelenheil versprochen wird. Unter all den gering geschätzten Amerikanern, die Deutschland angeblich nicht einmal auf der Landkarte finden können, sind immerhin auch die Studenten und Professoren von Harvard und die Träumer der Nasa – die „rocket scientists“.

Wenn wir nächste Woche in unseren Flieger steigen, um meine Familie zu besuchen, habe ich keinen Zweifel daran, dass unser Flug voll mit einer Menge aufgeregter Deutscher sein wird, die „noch niemals in New York“ waren. (Und ehrlich gesagt, habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich dieses Lied schon vor dem Start gehört habe.) Und was genau wird es bedeuten, dort gewesen zu sein? Mein anderer Sohn sagte: „New York ist zu laut und dreckig“. Das sagt ein deutsches Kind, welches in Berlin aufgewachsen ist!

Und doch, auch sie werden ganz hippelig, wenn wir den Flieger besteigen. Kein anderes Land, welches sie bisher bereist haben, hat die Chuzpe, sich kontinuierlich neu zu erfinden, das Abenteuerliche einzuladen und gleichgesinnten Träumern zu erlauben, einfach mitzumachen.

Der Irre an der Spitze der Vereinigten Staaten hat es bisher nicht geschafft, etwas Größeres zu zerstören, was typisch amerikanisch und sehr attraktiv für Deutsche ist, die sich mit dem Überwinden ihrer Grenzen oft so schwertun: die Aussicht auf eine zweite Chance.