In dem mecklenburgisch-vorpommerschen Städtchen Demmin kann ein Hochzeitsfoto, auf dem festlich gekleidet die ganze Familie versammelt ist, dazu dienen, die Toten zu zählen. „Gerdis Frau mit Tochter und die junge Frau, die hier jetzt die Braut ist“, sagt der Zeitzeuge. „Die haben sich im Garten vom Förster erschießen lassen.“

Die Großeltern seien mit der Tochter ins Wasser gegangen. Der Großvater habe schwimmen können. „Da sollen sich die Frauen drangehängt haben.“ Else mit Oskar und einer weiteren Schwester hätten Gift genommen. Es wirkte nicht. „Da hat eine Schwiegertochter ihnen die Pulsadern aufgeschnitten.“ Alle zehn Finger sind beim Zählen im Einsatz, aber sie reichen nicht. Zwölf auf dem Hochzeitsfoto leben nicht mehr, darunter Paul, ein Kind von drei oder vier Jahren. Zwölf von vielleicht 700, vielleicht 1000 Demminern, die sich in den ersten Maitagen des Jahres 1945 das Leben genommen haben. 700 von 15 000 Bewohnern, die Demmin damals hatte. Mit dieser Geschichte und ihren Auswirkungen auf die Gegenwart beschäftigt sich Martin Farkas’ Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“.

„Komm, wir gehen ins Wasser“

Massensuizide gab es in den letzten Kriegstagen im ganzen Land, vor allem im Osten, wo die Rote Armee vorrückte. Aber es gibt wenige Orte, in denen sich so viele Menschen umbrachten wie in Demmin. Warum? Man muss Martin Farkas’ Film Zeit geben, um Antworten auf diese Frage zu bekommen. Und es ist keine Schwäche, sondern eine Stärke des Films, dass er keine endgültige Erklärung bietet. Drei Jahre lang ist Farkas immer wieder nach Demmin gefahren und hat vor allem Zeitzeugen befragt, die 1945 Kinder oder Teenager waren. Er besucht sie im Altersheim, in ihren Wohnungen, in denen der Rollator in der Wohnzimmerecke steht. Informationen zu den historischen Ereignissen werden spärlich als Zwischentitel eingeblendet.

Aus dem, was die Zeitzeugen sagen, manchmal nur beiläufig, fügt sich ein Bild zusammen, das nicht nur Fakten, sondern auch Atmosphäre transportiert. Man erfährt, was für schönes Frühlingswetter damals herrschte, dass im Wald Buschwindröschen blühten. Die Demminer hätten im verlorenen Krieg Hoffnung spüren können, denkt man. Sie aber erzählen von den drei Flüssen, die die Stadt umschließen: Peene, Tollense und Trebel.

Letzter Ausweg Tod

Von den Brücken, die die Nazis gesprengt hatten. Man konnte Demmin als Gefängnis empfinden, aus dem nur der Tod einen Ausweg bot. Die Kinder und Jugendlichen von einst erzählen von furchtbaren Gerüchten über die sowjetischen Soldaten, von der Angst vor Rache. „Die wussten, was das deutsche Heer angerichtet hatte“, sagt eine Zeitzeugin. Hier fällt besonders auf, was keiner je erwähnt: Scham oder Schuldgefühl.

Dann brannte die Stadt. Es gab Vergewaltigungen. „Los komm, wir gehen auch ins Wasser“, habe die Großmutter gesagt, erzählt eine Zeitzeugin. „Ich sagte, nee Mami, ich bin so jung, ich möchte noch ein bisschen leben. – Da ist sie zu sich gekommen.“ Es muss eine Art Trance gewesen sein, die Mütter dazu brachte, sich ihre Kinder um den Leib zu binden und in den Fluss zu gehen.

Die Trauerkränze der Neonazis 

Man wüsste gern mehr. Hätte es weiteres Material gegeben, Tagebucheintragungen, Abschiedsbriefe? War Demmin besonders nationalsozialistisch eingestellt? Farkas geht dem nicht nach. Die Wende, er reißt es kurz an, verlief in Demmin ähnlich wie anderswo, brachte Abwanderung und Arbeitslosenraten von über 20 Prozent. Und einen jährlichen Aufmarsch, den Neonazis, vor allem von außerhalb, um den 8. Mai herum bis heute in Demmin veranstalten.

Farkas zeigt Bilder: Zu pathetischer Musik werden Trauerkränze in die Peene gelassen, so als würden hier Kriegshelden betrauert. Eine Redner spricht von den „Roten Horden“, die die Menschen in den Tod getrieben hätten. Farkas verschweigt Vergewaltigungen und Plünderung nicht. Aber man versteht das bei ihm keinen Moment lang als Versuch, diesen Massensuizid zu heroisieren.

Zeit des Schweigens

Stattdessen empfindet man die Geschichte wie einen Alpdruck, der auf der Stadt lastet. Schweigend stehen die Demminer am 8. Mai an den Fenstern. Neutral wolle er sein, sagt ein Interviewter, weder links noch rechts. Nie durfte weiter von den ersten Maitagen 1945 die Rede sein, schon gar nicht zu DDR-Zeiten. Selbst in den Familien scheint das Thema oft tabu gewesen zu sein. „Mutti, das war eine andere Zeit“– Mit dem Satz habe ihre Tochter sie zum Schweigen gebracht, erzählt eine alte Frau.

Vielleicht ist die Zeit des Schweigens jetzt vorbei. „Über Leben in Demmin“ habe in Mecklenburg-Vorpommern großes Interesse ausgelöst, meldete die Deutsche Presseagentur vor ein paar Tagen. Die Premiere mit dem Filmteam und eine Zusatzveranstaltung in Demmin sind ausverkauft. Man sollte diesen Film über die schwierige deutsche Vergangenheit nicht nur als Demminer sehen.