Ernte mich! Ständig findet Jochen-Martin Gutsch neue reife Zucchini in seinem Garten.
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Aus Gründen, die ich nicht mehr nachvollziehen kann, haben wir im Garten Zucchini angepflanzt. Ich denke, es war die Idee meiner Frau. Es tut gut, auch mal einer Frau die Schuld an irgendwas zu geben. Gerade in diesen Zeiten.

Fakt ist: Die Zucchini-Pflanzen wuchsen und tragen jetzt Früchte. Mein Gott, so viele Früchte. Zuweilen trauen wir uns kaum noch in den Garten. Früher hatten wir Angst vor den aggressiven Mücken. Jetzt sind es die aggressiven Zucchini. „Da ist schon wieder eine!“, flüstert meine Frau mit Furcht in der Stimme. Dann ernte ich die Zucchini – und auch am nächsten Tag und am übernächsten Tag.

Es ist wie in dem Märchen mit dem Brei. Die Zucchini hören nicht auf zu quellen. Sie sind überall. Sie verfolgen uns.

Nachts ist es in unserem Garten am schönsten. Dann sieht man das teuflische Gemüse nicht.

Man hört nur seine Rufe: Ernte mich! Ernte mich!

Die Zucchini sind lang und dick. Ich schätze, darum hat meine Frau sie gepflanzt. Ein sehr phallisches, rein auf den visuellen Reiz hin entwickeltes Frauengemüse, das auf Männer wie mich sexuell einschüchternd wirkt.

Geschmacklich sind Zucchini sehr fad. Ihr Aroma ist noch dürftiger als das einer Supermarktgurke. Oder anders gesagt: Es gibt ein Gemüse, das niemand braucht. Sein Name ist Zucchini. Umso schöner ist es, wenn man nun zentnerweise davon im Garten hat.

Eine Zucchini kann man roh eigentlich nicht essen. Also: Man kann natürlich. Aber wozu ist es gut? Für den Genuss sicherlich nicht. Die Zucchini ist ein reines Verarbeitungsgemüse, was bedeutet, dass es viel Arbeit macht, aus der Zucchini irgendwas zu machen, was man freiwillig essen möchte. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens beim Kürbis, der einen protzigen, farbenfrohen Auftritt hat, aber bestenfalls als Halloween-Kerzenhalter nutzbar ist.

Klar, es gibt auch Kürbissuppe, aber sie erinnert farblich und von der Konsistenz her an püriertes Erbrochenes, weshalb ich froh bin, dass die Kürbisaufzucht meiner Frau in diesem Jahr keine Ergebnisse brachte. Wie sieht die Hölle aus? Einen Keller voller Zucchini und Kürbisse, und jeden Tag muss ich dort hinunter gehen, eine Frucht greifen und sie zu irgendwas verarbeiten. Und essen.

Ganz gut schmecken Zucchini gefüllt mit Hackfleisch und Schafskäse. Dazu höhlt man die Zucchini aus und stopft Hackfleisch und Schafskäse hinein. Oder anders gesagt: Man schmeißt große Teile der Zucchini weg, um sie durch geschmackvollere Dinge zu ersetzen. Wichtig: Die Zucchini nicht mit Kürbis füllen.

Zurzeit essen wir fast jeden Tag Zucchini. Zucchini-Puffer. Zucchini-Omelett. Ratatouille. Zucchini-Pasta. Zucchini-Rührei. Zucchini gegrillt. Zucchini pochiert. Es gab Momente, wo wir dachten, wir hätten es geschafft, Zucchini-mäßig.

Dann ging ich wieder in den Garten.

„Lass uns Freunde einladen!“, sagte meine Frau. Anfangs kamen die Freunde. Wir aßen Zucchini-Bratlinge und das selbstgemachte Zucchini-Chutney meiner Frau. Zum Dessert Zucchini-Schoko-Walnuss-Kuchen. Ich fragte: Wer will einen Zucchini-Espresso? Später hatten die Freunde dann immer anderes zu tun. Oder keine Zeit. Wahrscheinlich gelten wir im Freundeskreis längst als die durchgeknallten Zucchini-Schamanen aus Süd-Ost-Brandenburg.  

Wir fingen an, Zucchini zu verschenken. Dann fingen wir an zu betteln. In Berlin klingelten wir bei den Nachbarn wie die Zeugen Jehovas und riefen durch verschlossene Türen: „Wer heute nur zwei Zucchini nimmt, bekommt morgen im Himmel zwei Jungfrauen! Und überlebt das Jüngste Gericht!“

Später mischte ich Zucchini auch im Katzenfutter unter. Davon bekam die Katze Blähungen. Wenn man bloß noch die Wahl hat, Katzenfürze oder Zucchini – dann ist man ganz unten angekommen.

Bald fahren wir in den Urlaub. Es fühlt sich an wie eine Flucht. Wohin? Ach, völlig egal.

Hauptsache raus aus Zucchinien!