Berlin - Es ist ein Bild des Jammers: Ein Lebewesen, das selbst nicht imstande ist, sich zu äußern, kauert in einer Nische des urbanen Raums. Es ist nur unzulänglich gegen die Witterung und scheinbar um seine Blöße zu bedecken in eine knisternde Kunststofftüte gehüllt. Mit einem Schild wendet es sich an die Passanten: „Hallo. Ich bin krank, aber meine Besitzerin weiß nicht, was ich habe. Falls du mich retten kannst, nimm mich bitte mit.“ Unterschrieben ist das Schild mit einem Herzchen und dem Wort „Pflanze“.

Es ist unschwer zu erraten, dass die Besitzerin selbst dieses Schild beschriftet hat, ahnend, dass es, spräche sie nicht mit der Stimme der maladen Topfpflanze, sondern selbst, als Zumutung verstanden werden würde. Ähnlich den Zu-verschenken-Kartons mit gebrauchten Flipflops, ungewaschenen Kindersachen oder zerkratzen Schallplatten, wobei es sich hierbei ja eben nicht um Lebewesen handelt.

Geteilte Verantwortung

Statt eine direkte Bitte auszusprechen, gebraucht die Besitzerin eine literarische Figur, die die Identifikation mit dem Objekt möglich macht. Dass sie um dieses Effektes Willen selbst zumindest auf grammatikalischer Ebene den Aufwand der Empathie betreiben muss, soll hier als moralische Leistung gewürdigt werden. Zumal sie selbst als Mitschuldige an der Misere in Erscheinung tritt und ihre Unzulänglichkeit öffentlich macht (oder war es doch ein Mitbewohner oder eine Nachbarin, die die Pflanze vor dem Zugriff der Besitzerin bewahren wollte ohne selbst tätig zu werden?).

Auch wenn man das mit einem Hamster, geschweige denn mit einem Familienmitglied so nicht nachmachen sollte, gemahnt dieses Bild doch an die guten Werte des gemeinschaftlichen Miteinanders, in dem es möglich sein muss, die Last der Verantwortung, die man allein nicht mehr tragen kann, zu teilen. Für eine angstlose Fehlerkultur und für Solidarität!

Denke ich, gehe weiter, nachdem ich das erbauliche Arrangement fotografiert habe, und spüre in meinem Rücken der Pflanze brechenden Blick.