Viele, die sich mit dem digitalen Wandel der Gegenwart beschäftigen, warteten schon lange auf diese Publikation. Jetzt ist Shoshana Zuboffs Buch erschienen. „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ ist ein analoger Schinken von 727 Seiten geworden. Sie schrieb schon daran, als Frank Schirrmacher noch lebte. Der 2014 verstorbene Herausgeber der FAZ war an Zuboffs Themen brennend interessiert. Ihm hat sie nun ihr Buch gewidmet.

Wie eine Verwertungsmaschine

Zuboff, Psychologin und Philosophin, war 1980 eine der ersten Frauen, die an der Harvard Business School einen Lehrstuhl bekamen. 1988 gelang ihr der Durchbruch mit „In the Age of the Smart Machine“, worin sie als eine der ersten die verheerende Bedeutung der Kontrolltechnologien erkannte.

Die inhaltliche Qualität von Zuboffs Buch besteht in der lexikalischen Systematisierung eines Phänomens, das unsere Zukunft mehr prägen wird als Trump, Putin und das gegenwärtige Horrorkabinett der Rechtspopulisten und Autokraten.

Der digitale Überwachungskapitalismus funktioniert wie eine Verwertungsmaschine, die, wie Zuboff es nennt, erstmals die „Extraktion“ von menschlichen Verhaltensweisen zum Gegenstand hat. Beutete die industrielle Revolution die Erde aus, so ist der Überwachungskapitalismus dabei, einen neuen Menschen zu formen, indem er unser Verhalten auseinandernimmt. Mit der Digitalisierung und der vermeintlich freiwilligen Entäußerung von Milliarden Menschen in ganz und gar nicht „sozialen“ Medien wurde es gleichsam einer sozialen Physik les- und analysierbar.

Die Agenten des Überwachungskapitalismus entwickelten so die Fähigkeit, Verhalten nicht nur statistisch vorherzusagen und an neu entstandenen „Verhaltensterminkontraktmärkten“ zu verkaufen; gravierender noch: „Ergebnis dieses Wandels ist, dass automatisierte Maschinenprozesse unser Verhalten nicht nur kennen, sondern auch in einer wirtschaftlichen Größenordnung auszuformen vermögen.“ Denn „das neue Ziel besteht darin, uns selbst zu automatisieren“. Also Verhaltensformen durch digitale Anreizsysteme automatisch zu produzieren.

Maschinell auslesbar und als Muster fabrizierbar

Während die Technikversteher noch heute die Manipulierbarkeit des Menschen in Zweifel ziehen und sich proseminarhaft an der Uneindeutigkeit der Werbewirkungsforschung festklammern, werden seit der Jahrtausendwende längst Fakten geschaffen. Googels Gründer – laut Zuboff die Erfinder des Überwachungskapitalismus – erkannten nicht nur die Wirksamkeit ihrer Manipulationstechnologie; sie arbeiteten im Verborgenen an der Modellierung menschlichen Verhaltens, als dies noch wie Science-Fiction gewirkt haben muss.

Sergej Brin, Larry Page und später Mark Zuckerberg erkannten, dass sich Verhalten herstellen und als Ware veräußern lässt, weil es durch Interaktion mit der Umwelt entsteht. Die Datenpriester von Google und Facebook wissen nun dank ihrer Machtapparate – Zehntausende der besten Informatiker der Welt, Millionen Serverfarmen, auf denen sie ihre Künstliche Intelligenz mit unseren Verhaltensdaten trainieren – nicht nur wer wir sind und was wir morgen tun und sein werden. Sie verstehen unser Wesen als maschinell auslesbar und als Muster fabrizierbar. Das lässt sich nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch verwerten.

„Eine neue Spezies von Macht“

Künstliche Intelligenz peilt algorithmisch automatisiert eine erwünschte Zukunft an – ein bestimmtes Kaufverhalten, die Wahl bestimmter Personen oder Parteien: Brexit, Obama, Trump –, die im Sinne der Verhaltensformer bestimmt wird. All dies breitet sich mit der Etablierung des Überwachungskapitalismus als dominierendes Modell auf unzählige Geschäftsfelder aus. Das steckt beispielsweise hinter den so friedvoll visionär klingenden Smart Cities oder dem Internet der Dinge.

Immer geht es dabei im Sinne Zuboffs auch um die Extraktion des Menschen. „Auf diese Weise gebiert der Überwachungskapitalismus eine neue Spezies von Macht, die ich als Instrumentarismus bezeichne. Instrumentäre Macht kennt und formt menschliches Verhalten im Sinne der Ziele anderer“, schreibt Zuboff.

Sie dokumentiert dies mit zahllosen und teilweise schon bekannten Beispielen. Auch die historische Herleitung der Machttechnologie fehlt nicht: Vieles entstammt dem verhaltenspsychologischen Modell von Burrhus Frederic Skinner, dem Gründungsvater des Behaviorismus. Seine Theorie fungiert heute als Betriebssystem der digitalen Verhaltensdressur.

Shoshana Zuboff benennt das Unaussprechliche

All das kann je nach Vorkenntnissen bei der Lektüre faszinieren oder langweilen. Warum das Buch trotz Wiederholungen so wichtig ist, liegt neben der zuvor schon in der FAZ von ihr ausgebreiteten Definition des Überwachungskapitalismus vor allem in der Autorität ihrer Autorenschaft selbst.

Shoshana Zuboff benennt das Unaussprechliche, und diese Autorin lässt sich nicht totschweigen oder als Verschwörungstheoretikerin abtun. Sie erklärt, wie geschmeidig sich die Ideologie des Neoliberalismus in die neue Regierungsform des Überwachungskapitalismus fügt. Sie zeigt auf, welcher Schrecken unter der Zuckerglasur von Google und Facebook lauert, die angeblich nur Menschen zusammenbringen oder das Wissen der Welt teilen wollen. Sie hält damit auch einer Politik den Spiegel vor, die den Überwachungskapitalismus nur geistlos unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbslogik begreift und damit zur weiteren Ausbreitung beiträgt.

Zuboff zeigt, wie seit Jahren das Wesen des Menschen durch algorithmische Steuerung modifiziert und geformt wurde. Es geschah nach dem Vorbild dieser Algorithmen selbst: nach Zurechenbarkeit. Mithilfe der Maschinen automatisieren die Überwachungskapitalisten den Menschen und erschaffen ihn nach dem Abbild der Maschinen.

Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus Aus dem Englischen von Bernhard Schmid. Campus, Frankfurt a. M. 2018. 727 S., 29,95 Euro.