Die Filmemacherin und Schauspielerin Uisenma Borchu in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung / Benjamin Pritzkuleit

BerlinDas Filmdrama „Schwarze Milch“ lief auf der Berlinale 2020 und kommt jetzt in die deutschen Kinos. Uisenma Borchu hat es geschrieben, gedreht und inszeniert. Es ist die Geschichte einer mongolischen Frau, die aus Berlin ausreist, um ihre Schwester in der Heimat zu besuchen. Beide haben sich lange nicht gesehen, da sie als Kinder getrennt wurden – Wessi wuchs in Deutschland auf, Ossi in der Mongolei. Letztlich ist der Film ein Roadtrip in die eigene Vergangenheit Wessis, die Borchu selbst spielt. Es handelt von der Identitätssuche einer jungen Frau – vor einem malerischen Wüstenpanorama. Wie viel von Borchu tatsächlich in „Schwarze Milch“ steckt, wollten wir wissen. Als wir sie zum Interview in Berlin treffen, ist die Kulisse der Hackeschen Höfe zwar weniger malerisch als die mongolische Wüste, doch die zierliche Borchu schafft es, mit ihrer zurückhaltenden, teils bescheidenen Art, noch intensiver und authentischer als im Film zu wirken.

Frau Borchu, als ich Ihren Film „Schwarze Milch“ gesehen hatte, war ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ich wusste nur: Das ist ein Film, der lange nachwirkt.

Vielleicht ist es so, weil es so direkt aus meinem Leben herauskommt und das Ganze auch noch so kompliziert ist. Weil es auch im wahren Leben keine Lösung gibt. Und ich glaube, dass ich das in meine Filme übertrage. Von der Dramaturgie her ist der Film ja ganz klassisch erzählt.

Sie sagen, der Film komme direkt aus Ihrem Leben heraus – wie entstand „Schwarze Milch“?

Ich habe im Januar 2018 angefangen zu schreiben. Im September haben wir gedreht, das musste alles irgendwie zack-zack gehen, weil diese Energie da war. Die Geschichte an sich war Fiktion. Aber diese Grundidee, diese Arroganz, dieses Leben mit zwei Kulturen, das hab ich ja schon unbewusst in mir, seit ich vier, fünf Jahre alt bin. Daher habe ich mir gesagt: Okay, jetzt schreib mal etwas darüber. Was weißt du über Arroganz? Wenn sich jemand über dich stellt und sagt: Du bist das Allerletzte, weil du aus einem anderen Land kommst? Wie fühlt sich das an, wenn jemand behauptet, er wäre etwas Besseres als du? Daher kam das ziemlich schnell.

Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Uisenma Borchu

Die heutige Regisseurin, Drehbuchautorin und Schauspielerin Uisenma Borchu wird 1984 in Ulaanbaatar, Mongolei, geboren. Kurz nach der Wende ziehen ihre Eltern nach Sachsen-Anhalt. 2006 siedelt sie dann nach München, um an der Filmhochschule zu studieren. Sie drehte einige Dokumentarfilme. Nach „Schau mich nicht so an“ ist „Schwarze Milch“ ihr zweiter Spielfilm.

Zuschauer erkennen Arroganz darin, wie sich die Schwestern begegnen – oder wie sie die Männer wahrnehmen. Wie ist Ihnen persönlich Arroganz begegnet?

Ich bin damals mit vier, fünf Jahren aus der Mongolei nach Deutschland gekommen. Und in diesem Alter lernte ich aus den verschiedenen Bereichen des Lebens, dass alle über dir stehen, dass du das Allerletzte bist. Gleichzeitig musst du aber stark sein, sonst macht dich das kaputt. Das musste man also auch analysieren, versuchen zu verstehen, und es nicht an sich heranlassen. Und dann kam ich irgendwann zu dem Punkt, an dem ich wusste: Okay, die haben selbst ein riesiges Minderwertigkeitsgefühl und wollen mir das Problem überstülpen. Damit musste ich erst mal kämpfen.

Sie sprechen von Rassismus.

Ja, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit! Es ist einfach nur das Bild, das die Menschen von dir haben, dass du aus irgendeinem Land kommst, in dem man wahrscheinlich total unzivilisiert ist. Das ist ja deren Denke. Deswegen müssen sie dir erst mal erklären, wie man überhaupt Dinge macht. Das haben wir tagtäglich, jede Sekunde unseres Lebens erfahren, und somit haben meine Familie und ich sehr gut gelernt, einfach Dinge hinzunehmen. Du kannst entweder den ganzen Tag sagen: Mir braucht man nicht zu erklären, wie ein Kühlschrank funktioniert. Oder einfach nur danke sagen, weil es dich sonst irgendwann fertig machen würde.

Das schafft aber nicht jeder …

Ja, aber so ist doch die Grundeinstellung von denen. Es gibt genug Menschen, die das damals und heute immer noch durchmachen. Und man ist einfach unsicher. Wenn du in ein neues Land kommst und diese sprachliche Barriere hast und dir erstmal angucken musst, wie alles gemacht wird. Und diese Unsicherheit wird dann ausgenutzt, und du wirst arrogant behandelt.

Als kleines Kind kamen Sie kurz nach der Wende nach Ostdeutschland. Denken Sie, es hat auch etwas mit dem Ort zu tun, an dem Ihnen das alles passiert ist?

Aufgewachsen bin ich in Sachsen-Anhalt, in einer kleinen Stadt in der Nähe von Magdeburg. Die Leute hatten dort nach der Wende ihre Identität verloren und waren unsicher. Und dann waren da Ausländer, die auch noch irgendetwas wollten und etwas von Kulturaustausch erzählten. Es ist natürlich extrem gewesen, dass die Neonazis hervorgetreten sind. Es gab Brandanschläge in Deutschland, und auch vor unserem Haus standen sie, täglich! Es flogen Steine, ‚Heil Hitler‘ wurde geschrien und auch ein Motorrad angezündet. Ich hatte Bekannte, die rechts waren, und man hat miteinander geredet. Dann kamen sie an einem anderen Tag und haben mir ins Gesicht gespuckt.

Uisenma Borchu wurde in Ulaanbaatar geboren, heute lebt sie in München.
Foto: Berliner Zeitung / Benjamin Pritzkuleit

Wie haben Sie reagiert?

Ich habe die Rechten nicht gemieden, du kannst dich davor ja nicht versperren. Das Schlimmste für mich waren aber Institutionen wie Lehrer, Polizisten, die so getan haben, als ob sie deine Freunde sind und dir letztlich doch nicht geholfen haben. Die sagten, Anfeindungen seien normal, da wir eben Ausländer seien.

Was hat Ihnen geholfen?

Meine Eltern hatten versucht, eine Art Schutzschild um mich und meine zwei Geschwister aufzubauen. Nicht ein körperliches, sondern ein geistiges. Sie versuchten uns zu erklären, warum die anderen so sind und dass es nichts mit uns persönlich zu tun habe. Ich hatte dann auch sehr früh angefangen, über Nazis zu lesen. Und zu beobachten.

Inwiefern?

Ich war sehr viel allein, habe allein gespielt, und es hat mir dann immer sehr viel gegeben, wenn ich mir bei jedem Menschen ausgemalt habe, wie sein Leben zuhause aussieht. Es gab zum Beispiel einen Opa, der immer bei uns vorbeigekommen ist, mit ganzen vielen Flaschen, die er zum Supermarkt gebracht hatte. Niemand hat ihm geholfen. Ich habe mich dann gefragt, warum und wie er so lebt. Ich glaube, dieses Beobachten, die Geduld zu haben, um ihre Tätigkeit und die Art und Weise, wie sie miteinander umgehen, zu verstehen, das hat mir sehr viel Ruhe gegeben – auch um das zu verarbeiten, was mit mir passiert ist. Du stellst letztlich nämlich alles in Frage. Und ich hab mich natürlich selbst andauernd in Frage gestellt.

Ist das ein Grund, warum Sie Regisseurin und Drehbuchautorin geworden sind? Um die Geschichten, die Sie beobachten, weiterzuspinnen?

Ich denke schon. Zuerst hatte ich mit Gedichteschreiben begonnen, und mit 22 Jahren dachte ich mir: Da gibt es ja noch das Filmemachen, vielleicht probiere ich das mal aus! Und da hat mir schon sehr viel geholfen, dass ich mich in andere so hineinversetzen kann. Das ist für mich ein Fundament zum Filmemachen. Vor allem, dass ich, nachdem ich die ganze Zeit immer so viel Scheiße gefressen habe - wie so viele andere Menschen auch, die Diskriminierung erlebt haben –, das Ganze wieder rausgeben und auf die Art verarbeiten konnte.

Neben dem Schreiben und Drehen spielen Sie in Ihren Filmen auch die Hauptrolle. Wieso?

Bei meinem ersten Spielfilm, „Schau mich nicht so an“, hatte ich das eigentlich gar nicht vor. Da habe ich ja damals schon mit Schauspielerinnen geredet. Aber wenn du jung bist, noch ganz am Anfang und dazu eine Frau, dann haben die Leute kein Vertrauen. Vor allem wenn der Film dann noch so offen mit Nacktheit und Sex umgeht. Dann habe ich entschieden, es selbst zu spielen. Es ist gar keine schlechte Idee, wenn du gerade bei deinem ersten Filmen alles ausprobieren musst, damit du überhaupt eine Sprache beim Filmemachen findest. Es wäre eher langweilig, wenn es jetzt heißen würde: Hier ist dein Regiestuhl und das war’s. Letztlich habe ich dann eine sehr tolle Spannung zwischen der Kamera und mir entdeckt, womit ich gar nicht gerechnet hatte. Da dachte ich mir: Okay, das ist so etwas, das muss ich aufgreifen.

Während Sie im Alltag eher ruhig und verhalten wirken, trauen Sie sich in „Schwarze Milch“, Sex vor der Kamera zu zeigen und eine Ziege zu schlachten! Wie gelingt Ihnen das?

Es liegt daran, dass es Fiktion ist. Und das ist vielleicht der einzige Ort, an dem ich ehrlich sein kann, an dem ich mich künstlerisch ausdrücken kann. Da gib es keine Anfeindungen oder Sprüche. Da muss ich gar nicht darüber nachdenken, was ich mache, das kommt alles einfach aus mir heraus.

Und da stört es Sie auch nicht, dass Ihre Familie dabei ist? In „Schwarze Milch“ spielt ja Ihre Cousine Ihre Schwester …

… und meine richtige Schwester hat die Kostüme gemacht und mein Vater, der selbst Künstler ist, half am Set! Das hat nicht gestört, das war eine Hilfe! Ich musste nicht groß erklären, was ich wollte, sie haben mich gleich verstanden. Und besonders meine Cousine, die gar keine Schauspielerin ist, hat diese starke Frauenseite und das Nomadenleben, das ich zeigen wollte, gut transportiert. Sie hat ja früher tatsächlich so gelebt.

In dem Film geht es neben Ihrer Geschichte auch um Heimat. Wo ist Ihre? Sie lebten in der Mongolei, in Sachsen und heute in Bayern.

Ich finde, das ist schwer zu beantworten. Man denkt immer, man muss irgendwo hingehören, irgendwohin zurück. Alle reden über Wurzeln, Herkunft, Geburtsort und so. Und wenn du es schaffst, überhaupt in dich hineinzuhorchen, so wie ich das Bedürfnis hatte, dann kommst du irgendwie auf den Gedanken, dass der Boden überall gleich ist und die gleiche Energie gibt. Und dann ist Heimat überall.

Uisenma Borchu hat mit „Schwarze Milch“ ihren zweiten Spielfilm gedreht.
Foto: Berliner Zeitung / Benjamin Pritzkuleit

Das klingt schön.

Ja, ich finde es auch ein bisschen lächerlich, über Nationalität zu reden. Vielleicht, weil ich mich auch dauernd mit so etwas auseinandersetzen musste. Bin ich deutsch? Bin ich mongolisch? Bin ich nur eins davon? Es verändert sich. Es sind Dinge, die mich in der Kindheit geprägt haben, in der Wüste, in Deutschland – aber auch jetzt verändere ich mich, wie kann ich dem einen Namen geben, also wo ich herkomme?

Letztlich geht es in Ihrem Film doch mehr um Nationalitäten und den Umgang damit. Rührt daher der Titel „Schwarze Milch“? Oder spielen Sie hier auf Paul Celans Gedicht „Todesfuge“ an?

Weder noch. Der Titel steht für die Rebellion der Frauen. Menschen, Männer, alle nehmen Frauen als etwas Untergebenes wahr. Bei der Frau kommt Milch raus. Man nimmt das als etwas Normales hin! Aber es ist halt nicht normal! Es ist ganz anders, als man denkt. Da ist Kraft, die in uns verborgen ist. Und Schwarz ist für mich etwas Unentdecktes, Verborgenes und steht für eine Kraft, wovor man Angst hat.

Wie die Deutschen, die vor Ihnen damals scheinbar grundlos Angst hatten?

Genau. Nur weil ich eine der wenigen war, die Schlitzaugen hatte.

Das Gespräch führte Nadja Dilger.


Das Drama „Schwarze Milch“ von Uisenma Borchu läuft ab dem 23.7. im Kino