Nicht lange nach der Flucht ging Marko Komonko, 46, mit seinen drei Söhnen im Alter von 6, 9 und 11 Jahren in seiner neuen Heimat Stockholm am Wasser spazieren. Die Jungs marschierten voraus, der Vater hinterher, als seine Söhne unvermittelt anfingen, über ihre aktuelle Situation zu sprechen. Ein vertrauliches Gespräch unter Kindern, sie wollten nicht, dass ihr Vater mithört. Er konnte sie dennoch hören. Komonkos Kinder redeten über den Krieg, die Flucht und ihre Ängste. Sie waren emotional aufgewühlt, aber sie hatten ihre neue Situation komplett akzeptiert. „Sie hatten verstanden, ihr Leben würde nie wieder so werden wie es einmal war“, sagt Marko Komonko im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Nichts habe ihn zuletzt so berührt wie dieser Moment, auch weil er seine Söhne nicht davor habe bewahren können.

Nicht weniger berührend war Komonkos Auftritt gestern Abend im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Der mitfühlende Vater ist erster Geiger und Konzertmeister des Ukrainian Freedom Orchestra (UFO), das sich gerade jetzt erst, in den Wirren des Krieges, gebildet hat. Einer Auswahl von 75 geflüchteten, vertriebenen Spitzenmusikern aus der Ukraine, den Besten ihres Landes, die gerade auf Deutschlandtournee sind. Die im Wortsinne stillgelegten Musiker wollen Wladimir Putin Lügen strafen, der immer wieder behauptet, die Ukraine habe gar keine eigene Kultur, das alles sei russisch.

Es geht um mehr als nur um Noten

Putin hat es ihnen damit einfach gemacht, eine gemeinsame Haltung, einen Gleichklang zu finden, der das Musikalische mit dem Politischen verbindet. Diese besondere Spannung zwischen Orchester und Publikum wird im Berliner Konzert von Anfang an spürbar. Hier wird nicht in erster Linie um Noten gerungen, es geht um mehr.

Selbst zwischen den Sätzen springen Besucher, die offenbar nicht regelmäßig zu klassischen Konzerten gehen, immer wieder auf, um ihre Sympathien zu verteilen. Selten wurde ein Orchester, das keiner kennt, schneller ins Herz geschlossen. Das hat natürlich mit dem Krieg zu tun, dabei hat das UFO in nur zehn Probetagen in ihrem Zusammenspiel auch musikalisch ein erstaunliches Niveau erreicht. Als zentrales Werk steht neben Beethoven und Brahms die siebte Sinfonie von Valentin Silvestrov auf dem Programm, ein dramatisches Orchesterstück über Tod, Trauer und Sehnsucht, das die Gefühlswelt der Ukrainer nicht treffender spiegeln könnte. Ein selten gespieltes Werk, in das man sich hineinhören muss. Auch weil sich herumgesprochen hat, dass der 84-jährige Komponist Silvestrov mit Kriegsbeginn von Kiew nach Berlin emigriert ist, schallt ein vielstimmiges „Bravo“ von den Rängen. Das ganze Orchester ist eine Fundgrube an solchen Fluchtgeschichten.

Marko Komonko verließ Lwiw mit seiner Frau und seinen drei Söhnen am 12. März. Er weiß das deshalb so genau, weil seine koreanische Ehefrau in den Tagen zuvor einen Anruf ihrer Botschaft bekam – sie solle umgehend das Land verlassen. Am 13. März wurde Lwiw das erste Mal mit Raketen beschossen.

Marko Komonko, noch immer festangestellter Konzertmeister des National Lwiw Philharmonic Orchestras und vorübergehend an der Königlichen Oper in Stockholm untergekommen, erzählt, dass er sein Land gar nicht verlassen wollte, zumindest nicht solange seine Söhne in Sicherheit wären. Eine Illusion. Das erste, was er einpackte, waren die vier Geigen für sich und seine Söhne, die ebenfalls musizieren, und nur so viele Koffer, wie noch ins Auto passten. Dann fuhren sie los Richtung Polen und kehrten nicht mehr zurück. Als der Krieg ausbrach, konnte er seine Geige nicht mehr in die Hand nehmen, erzählt Komonko. „Musiker spielen von innen heraus“, sagt er, „aber innen, da war nur Angst.“ Das sei wie bei Eltern, die sich um ihre krankes Kind sorgen. Da bleibe kein Gefühl und keine Energie mehr übrig für irgendwas anderes. In Berlin beweist Komonko, er hat seine Energie wiedergefunden.

Der größte Unterschied zwischen Ukrainern und Russen

Oboist Yurij Khvostov, 33, erzählt am Nachmittag vor dem Konzert in fast akzentfreiem Deutsch, dass er, wie viele Musiker und Künstler mit festem Engagement, für ein halbes Jahr vom Armeedienst freigestellt wurde. Was danach komme, wisse er nicht. Khvostov hat in Köln und Leipzig studiert und war zuletzt am staatlichen Opernhausorchester in Lwiw. Sein Instrument sei seine Sprache und die lasse er sich ungern den Mund verbieten. Das sei vielleicht der größte Unterschied zwischen Ukrainern und Russen: „Wir sind als Volk am Maidan auf die Straße gegangen gegen die russische Besatzung, dazu ist das russische Volk gegen Putin bis heute nicht bereit. Es müsste viel radikaler werden, sonst wird es keine Demokratie bekommen.“ Das gewandelte Verhältnis zu seinen russischen Musikerfreunden in den letzte Wochen ist ihm dafür Beleg genug.

Nach der Invasion hätten ihn einige angerufen und wollten wissen, ob er wohlauf sei. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie nicht eigentlich Putin, sondern „die Amerikaner“ für den Krieg verantwortlich machten und dann beklagten, dass es ihnen selbst auch nicht gut ginge. Khvostov, der seine kleine Tochter bei der Mutter in Lwiw zurückgelassen hat, fragte zurück: „Wie? Werden auch eure Kinder mit Raketen beschossen?“ Marko Komonko hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Der russische Pianist Denis Mazujew, einer seiner besten Freunde aus dem Musikstudium ist zugleich ein enger Putin-Vertrauter, daran habe auch der Krieg nichts geändert, so Komonko. Yurij Khvostov und Marko Komonko haben aufgehört mit ihren russischen Freunden zu telefonieren, die womöglich gar keine guten Freunde mehr sind.

Mit dem Handgepäck ohne Rückflug nach Warschau

Inna Vorobets, 30, hat völlig unerwartet neue Freunde gefunden. Polnische Musikerkollegen, die sie bei sich schlafen ließen, ihr Konzertkleidung und schließlich eine dauerhafte Unterkunft besorgten. Die Flötistin vom Kiew Symphony Orchestra hatte lange vor dem Krieg in Polen ein Stipendium erhalten und sollte als eine der Finalistinnen am 25. Februar ein Konzert geben – keine 24 Stunden nach Beginn der Invasion.

Wenige Tage zuvor war sie mit einem der letzten regulären Flüge nach Warschau geflogen, nur mit Handgepäck, der Rückflug bis heute offen. Sie begann das Konzert mit einer Schweigeminute, dann spielte sie mit ihrer Flöte solo die ukrainische Nationalhymne. Die Stille danach: eine Totenruhe. Vorobets lebt jetzt in Polen und hat beim Philharmonic Orchestra in Posen einen Vertrag unterschrieben. Ihr Bruder wurde gerade in die Armee eingezogen, wahrscheinlich muss auch er an die Front. „Wir sind Soldaten und Soldatinnen der Musik“, ist Inna Vorobets überzeugt davon, dass das Ukrainian Freedom Orchestra seine Wirkung entfalten wird.

„Wir werden ukrainische Musik spielen, wir wollen der Welt zeigen, dass wir ein eigenes kulturelles Erbe haben, das großartig und vielfältig ist.“ Ein Erbe, das der russische Präsident ihnen bei jeder Gelegenheit abspricht. „Wir haben alle russische Wurzeln, das wissen wir doch“, entgegnet Oboist Khvostov, „aber Putins Geschichtserzählung ist ein Fake.“ Am Ende des Berliner Konzerts spielt das Ukrainian Freedom Orchestra die ukrainische Nationalhymne. Nach einem Augenblick gerührter Stille bricht sich tosende Begeisterung Bahn. Der eine oder andere Besucher hat Tränen in den Augen.