BerlinDer Bundesverband Schauspiel findet in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten harte Worte für die am Mittwochabend beschlossenen Eindämmungsmaßnahmen, nach denen viele Kultureinrichtungen ab nächstem Montag bis Ende November nicht öffnen dürfen: „Theater zu schließen, obwohl sie derzeit kein Risiko darstellen, ist weder sinn- noch maßvoll. Gerade kleinere und nicht öffentlich geförderte Häuser werden diesen erneuten und vollkommen unnötigen Schlag vor den Bug nicht überleben. Und mit ihnen werden viele Schauspieler*innen ihren Beruf aufgeben müssen. Ein kultureller Kahlschlag ohne Beispiel wird die Folge sein.“ Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des Bühnenvereins zeigt sich einsichtiger für die Logik des Lockdowns. Aber auch er protestiert gegen den niedrigen Stellenwert, den die Kultur in den Augen der Politik einnimmt, und fordert die Einbeziehung des Bundestags in den Kampf gegen die Pandemie.

Berliner Zeitung: Herr Khuon, haben Sie geflucht, als gestern vom Bund und den Ministerpräsidenten die Beschlüsse zur Beschränkung der Pandemie gefasst wurden, als Sie gehört haben, dass die Theater schließen müssen?

Ulrich Khuon: Die Situation ist verheerend. Die Beschlüsse stehen allerdings in einem Kontext, der uns seit dem März beschäftigt. Man muss diesen Zahlen ins Auge blicken, es war klar, dass sich die Länderchefs in dieser Phase schnell einig werden mussten. Aber an den Beschlüssen ist sehr bezeichnend, dass Theater, Opern und Konzerthäuser unter dem Begriff der Freizeitgestaltung einsortiert werden und sich in einer bizarren Nachbarschaft zu Spielhallen, Spielbanken, Bordellen und Fitnessstudios wiederfinden. Kultur ist mehr als Freizeitgestaltung, es ist ein Gut, das von der öffentlichen Hand aus gutem Grund gefördert wird. Dem liegt die Auffassung zugrunde, dass sie eine schützens- und erhaltenswerte Aufgabe für das Gemeinwesen wahrnimmt, ähnlich wie Schulen und Universitäten. Dies spiegelt sich im aktuellen Umgang mit der Kultur jedoch nicht wider.

Was sagt Ihnen die Einordnung des Theaters als Freizeitgestaltung?

Mich erinnert das ans 19. Jahrhundert, an den Pietismus mit seinem Bild vom bequemen Weg zur Hölle. An diesem Weg liegen lauter Unterhaltungseinrichtungen, Spielbanken, Bordelle und Theater. Das Theater war für die Pietisten ein Teil der teuflischen Zerstreuung, die uns davon ablenkt, ein guter arbeitender und betender Mensch zu sein.

Werden wir von Pietisten regiert?

Das will ich nicht sagen. Sicher kann man die Beschlüsse im Einzelnen begründen und die Politiker werden es sich nicht leicht damit gemacht haben. Aber dennoch muss man die Einordnung als Freizeitvergnügen als Herabwürdigung der Kultur deuten. Und dann fällt einem durchaus auf, dass eigentlich gute Motive wie die Kulturmilliarde von Monika Grütters durch bürokratische Verfahren und reingrätschende Haushälter in einer Weise verlangsamt und konterkariert werden, dass das Versprochene oft zu spät oder gar nicht kommt. Solche Untergrabungen führen zu der Entzweiung in diesem Land. Dass man ein Dreivierteljahr braucht, um den Soloselbständigen zu helfen, kann doch nicht sein. Hoffen wir mal, dass das jetzt besser klappt. Wenn sie den Künstlern 75 Prozent der Gage aus dem letzten November auszahlen wollen, klingt das einigermaßen handhabbar. Auch wenn der November natürlich ein Monat ist, in dem Künstler eher weniger verdienen.

Foto: BLZ/ Sabine Gudath
Zur Person

Ulrich Khuon, 1951 geboren in Stuttgart, ist der Intendant des Deutschen Theaters Berlin. Er studierte Recht, Theologie und Germanistik, kam zum Theater über seine Tätigkeit als Kritiker bei der Badischen Zeitung.

1980 wurde er Chefdramaturg im Theater Konstanz, das er 1988 als Intendant übernahm. Es folgten das Schauspiel Hannover, das Hamburger Thalia Theater, bevor er 2009 das DT in Berlin übernahm. 2017 wurde er Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

Es gab auch in Berlin einfache Instrumente wie die Soforthilfe.

Ja, es gibt auch andere gute Beispiele wie Hamburg oder Rheinland-Pfalz. Trotzdem, diese Grundtendenz der Ignoranz gegenüber Kulturschaffenden muss ich konstatieren. Es fällt auf, dass die Kulturpolitiker in größeren Ländern wie Bayern oder Nordrhein-Westphalen gar nicht gefragt werden. Die Kulturangebote einzuschränken oder zu verunmöglichen, ist auch gesundheitsschädlich. Wenn man über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen nachdenkt, muss man das eigentliche Gewicht der Kultur in Balance bringen. Der Begriff Freizeit zeigt, dass dieses Gewicht nicht ausreichend gewürdigt wird.

Hätten Sie mehr tun können, was die Hygienemaßnahmen an den Theatern angeht?

Da haben wir nun wirklich alles getan. Wir arbeiten seit drei Monaten unter diesen Bedingungen. Sie können sich bei uns am DT oder an allen anderen Theatern und Konzerthäusern sicher fühlen, sicherer als in den Supermärkten und in der S-Bahn. Aber darum geht es den Politikern ja nicht, sondern darum, dass die Leute so viel wie möglich zu Hause bleiben, um noch schärfere Lockdowns zu verhindern, damit sie weiter arbeiten können. Und da schließen die Politiker eben das, was ihrer Meinung nach am wenigsten Schaden anrichtet. Das hat Logik, es ist nicht so, dass man sagen würde, die spinnen. Man ist ja auch Teil dieser Zerrissenheit, die geht quer durch einen selber durch.

Was muss nun im November geschehen?

Man muss die Instrumente schärfen, mithilfe derer ein öffentliches Kulturleben wieder möglich gemacht wird. Und man muss die Kriterien überprüfen, die Zahlen besser durchdringen, nach denen gehandelt wird. Ich glaube auch, dass die Legislative stärker involviert werden muss. Es ist ein breiteres Nachdenken mit einer besseren Einbindung des Bundestags geboten. Das kann Schnellschüsse und Ressortbegehrlichkeiten verhindern und eine stärkere Gemeinsamkeit und Verbindlichkeit herstellen. Wir haben ja gesehen, wie haltbar die Einigkeit ist, wenn die Länderchefs wieder nach Hause fahren und jemand wie Markus Söder im Alleingang beschließt, dass ab sofort nur noch 50 Leute ins Theater dürfen. Das ist zynisch. Da braucht es die parlamentarische Kontrolle. Und was uns angeht: Wir werden in den nächsten Wochen weiterarbeiten, weiter proben, um dann im Dezember wieder an den Start zu gehen.

Sie haben vom Pietismus gesprochen. Was sagen Sie dazu, dass die Gotteshäuser offen bleiben dürfen?

Ich selbst bin ja Christ. Ich will nicht dagegen polemisieren, weil ich denke, dass die Religionen im besseren Sinn den Menschen zum Nachdenken bringen, dass sie vom Grunde her Menschen freundlicher machen. Dass ihnen das oft auch nicht gelingt, ist mir schon auch klar. Ich würde umgekehrt sagen, auch die Kultureinrichtungen machen den Menschen zu einem gemeinschaftsfähigeren Wesen. Und das brauchen wir. Es ist gut, dass die Bildungseinrichtungen hoch bewertet werden, aber Theater gehören für mich eher dorthin als in die Nähe von Fitnessstudios. Theater sind Orte des lustvollen Lernens. Informationen bekommt man überall, aber ein gemeinsames Nachdenken anhand von Erzählungen zum Beispiel über Verschwörungen, über sozialen Zusammenhalt, über Klimawandel, über Rechts- und Linksradikalismus gibt es so nur an Orten des kulturellen Lebens wie Theater, Oper oder Kino. Wenn es keine Möglichkeiten für diese Reflexion und die Nachdenklichkeit mehr gibt, folgen die Radikalisierungen auf den Fuß. Kultur heilt nicht alles, aber sie hat eine Bedeutung, die über Fitness und Lustgewinn hinausgeht. Auch, wenn das Theater natürlich auch ein Ort der Lust sein soll. Sogar für Kritiker.

Sie haben die Soloselbständigen und die freien Künstler erwähnt. Fühlen Sie sich denen als Institution verpflichtet? Was können Sie für diese weniger geschützten Künstler tun?

Wir haben unter anderem auch im Deutschen Bühnenverein sehr nachdrücklich dafür gekämpft, dass man die Partnerschaften und Kooperationen mit den freien Künstlern aufrechterhält, dass man sie nicht als Erste über Bord kippt. Da sind wir sehr konkret in der Pflicht.

Noch mal die Frage: Haben Sie geflucht? Oder fluchen Sie gar nicht?

Doch, ich fluche viel. Aber im Grunde bin ich eher verzweifelt. Aber ich will nicht lamentieren, wir müssen jetzt was tun. Nach der Verzweiflung kommt immer auch eine Gegenbewegung von: Das wollen wir doch mal sehen. Und es kommt ein Bewusstsein, dass es Bereiche und Schicksale gibt, die viel mehr Grund zum Verzweifeln haben. Wir bleiben an Deck.