Herr Lang wollte früher einmal Opernsänger werden. Nun ist er fast 70 und betreibt einen Schießstand im Keller eines großen Gebäudes. Vor dem Ballern singt er ein wenig, gern „O sole mio“ – er ist stolz auf sein hohes C. Stolz ist Herr Lang auch auf die Geschmeidigkeit, mit der er immer wieder die Waffe zieht, ganz elegant á la James Bond. Peng, peng – mitten ins Zentrum der Pappzielscheibe.

Fritz Lang ist einer der Protagonisten in Ulrich Seidls neuem Dokumentarfilm „Im Keller“. Für den hat der österreichische Regisseur erkundet, was seine Landsleute so in den Gewölben unter ihren Häusern treiben. Und nein: Es geht nicht um die üblichen Hobby-, Bastel-, Fitness-, Wasch- oder Vorratskeller.

Wiewohl der Regisseur dies abstreitet im Statement zu seinem Film, favorisiert er doch das Extreme. Und so sehen wir bald eine ältere Frau in einem Keller Babypuppen aus Kartons nehmen, diese dann hätscheln und wiegen und ansprechen, als wären es tatsächlich ihre eigenen kleinen, lebendigen Kinder. Komisch, seltsam, direkt irritierend.

Strikte kalte Symmetrie

Indes lange nicht so verstörend wie der reich mit Nazi-Devotionalien – Fotos, Waffen, Bilder, Schaufensterpuppen in einschlägigen Uniformen – geschmückte Wohnkeller eines angejahrten Tuba-Bläsers. Liebevoll staubt der Mann ein riesiges Hitler-Porträt in Öl ab; dies sei ein Geschenk zu seiner Hochzeit gewesen, sagt Josef Ochs – sein „schönstes Hochzeitsgeschenk“. Ulrich Seidl schaut dem Sammler und Liebhaber zu, lässt ihn reden und beurteilt ihn nicht – es gibt in diesem Film keine verbalen Kommentare, in ihrer strikten, kalten Symmetrie allenfalls beunruhigende Anordnungen in der Szenerie. Das Beurteilen überlässt der Regisseur wohl den Kinozuschauern. Die wenigsten von ihnen werden Hitler-Bilder an der Wand zu hängen haben und hier wohl die Augen aufreißen vor Erstaunen.

Für ihn sei das Kennenlernen anderer Menschen und Welten eine persönliche Bereicherung – wenn auch nicht immer eine erfreuliche, sagt der 1952 geborene Ulrich Seidl, Schöpfer unter anderem der „Paradies“-Filmtrilogie mit den Teilen „Liebe“, „Glaube“ und „Hoffnung“. Seidls Figuren, ob nun im Spiel- oder Dokumentarfilm, wirken weder schön noch sonderlich klug oder gar angenehm; und dennoch folgt man ihren Wegen meist gebannt, führen sie einen doch in schlecht oder gar nicht ausleuchtete Regionen des eigenen Selbst. Oft sind Seidls Regiearbeiten Studien der Sprachlosigkeit und dessen, was diese zur Folge hat. Nicht zufällig ist unter den Protagonisten von „Im Keller“ kaum keiner, den man nicht für einen Grenzfall halten möchte, etwa seelisch.

Josef Ochs verständigt sich mit seiner über dem Keller lebenden Frau durch Schläge mit einer Stange auf ein Heizungsrohr. Wie die Leute in diesem Film wurden, was sie jetzt sind, und warum sie nun tun, was sie hier tun, erklärt Ulrich Seidl nicht. Er ist kein Psychologe hinter einer Kamera, und ein Pathologe will er ja nicht sein. Was aber ist Seidl dann als Regisseur?

Vielleicht nur ein Zeuge. Der Keller in seinen vielfältigen Gestalt dient hier natürlich nicht allein als Handlungsort, sondern auch als Metapher fürs Abgründige, Tiefliegende: „In unser aller Unterbewusstsein ist der Keller auch ein Ort der Dunkelheit, ein Ort der Angst, ein Ort der menschlichen Abgründe“, so Seidl. Was Menschen alles auf sich nehmen, um ihre Sehnsüchte zu erfüllen, ihren Pflichten nachzukommen, ihre Unzulänglichkeiten zu sublimieren, ihren Machttrieb auszuleben – das habe ihn interessiert.

Fitness und Faschismus

Doch dem kritischen Zuschauer wird das stark einschlägig Ausgesuchte von Seidls Protagonisten seltsam ins Auge stechen – selbstredend stehen Extremfälle im Mittelpunkt seiner „Geschichten von Sexualität und Schussbereitschaft, Fitness und Faschismus, Peitschenschlägen und Puppen“. Von einem Gesellschaftsbild möchte man als Zuschauer schon aus Gründen des Selbstschutzes nicht ausgehen.

Schwierig und langwierig ist es für Ulrich Seidl gewesen, an diese Menschen, natürlich auch aus der S/M-Szene, heranzukommen, die sich hier einer Kamera darbieten, die sie nicht schont. Der kleine, unscheinbare Mann im Leder-String, der von seinem mächtigen Samenstahl schwärmt; die fette Verkäuferin, die sich im kurzen Püppchenkleid auf einem Gynäkologenstuhl lecken lässt; die „Herrin“, die ihren nackten Ehemann-„Sklaven“ die Toilette mit der Zunge sauberschlecken lässt; die Masochistin, die bei der Caritas misshandelte Frauen betreut – sie alle stehen doch ungeschützt vor Seidl und dem fassungslosen Lachen der Zuschauer. „Im Keller“ sagt uns nichts, was wir nicht schon wüssten. Es ist ein schrecklich unterhaltsamer Film.