Ulrich Tukur posiert für ein Foto in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinVollkommen entspannt, die Schnauze auf dem Teppichboden, liegt der bärige Hund am Eingang eines Büros, gleich neben der Tür. Nach einer Weile steht er auf und beschnüffelt die Besucherin. „Peppina“, ruft Ulrich Tukur. Der Hund gehört ihm, ein Eurasier, drei Jahre alt. In der Berliner Dependance des S. Fischer Verlags in einem Gewerbehof am Spittelmarkt spricht der Schauspieler, Schriftsteller und Musiker über seinen neuen Roman „Der Ursprung der Welt“, der auch ein Thriller ist und in zwei Zeitebenen spielt, 1943 und 2033. Sein Held, ein junger Mann, vagabundiert darin zwischen Traum und Wirklichkeit, immer auf der Suche nach seiner Herkunft, die augenscheinlich nicht in seinem Stuttgarter Elternhaus liegt. Das Milieu ist Ulrich Tukur vertraut.

Herr Tukur, Sie können, was viele Schwaben nicht können, nämlich Hochdeutsch. Wie haben Sie das trotz schwäbischer Eltern geschafft?

Man orientiert sich in der Sprachentwicklung an den Gleichaltrigen, an der Peergroup, wie die Linguisten sagen, und weil wir oft umgezogen sind – mein Vater war Ingenieur und hat für verschiedene Stromerzeuger gearbeitet –, bin ich in allen möglichen Regionen groß geworden, nur nicht im Schwäbischen. Wir haben in Westfalen, Hessen, Unterfranken und Niedersachsen gewohnt. Mein Vater war ein Tüftler und Schweiger, gschwätzt hat er ned viel. Die Mutter war dafür umso lauter.

Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vater?

Es war schwierig. Ich habe ihn gemocht, konnte es ihm aber kaum zeigen. Und er konnte es mir nicht zeigen. Er war rechtschaffen, tüchtig und hat nie geklagt in den zwanzig schweren Jahren, die er nach einem Schlaganfall und einer halbseitigen Lähmung noch zu leben hatte. Als ich ein Kind war, setzte er sich oft abends zu mir ans Bett und las mir Balladen vor, vornehmlich die schwäbischer Dichter. Schiller, Mörike, Uhlands „Schwäbische Kunde“, Sachen, die heute kaum mehr gelesen werden. Auch die Gedichte von Justinus Kerner und Gustav Schwab, einem direkten Vorfahren von mir, der „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ geschrieben hat und den Deutschen die griechische Mythologie näherbrachte.

Sie kommen aus dem Bürgertum.

Schwäbisches Bildungsbürgertum, das sich selbstverständlich auf die Dichter der süddeutschen Romantik berief. Mit ihnen bin ich groß geworden, und das danke ich meinem Vater. Er war noch Soldat im Krieg. Obwohl ich ihn oft danach fragte, hat er eisern über diese Zeit geschwiegen. Als Einziger in der Familie hat mich das wirklich interessiert. Entweder waren die Väter stumm, oder sie redeten andauernd über ihre Erlebnisse. Meiner schwieg. Deswegen nahm ich an, dass er ein Trauma davongetragen hatte. Er war sehr jung, 18, als er im Februar 45 noch auf einen Luftwaffenlehrgang abkommandiert wurde. Er kam nach Dresden, am Tag bevor die Stadt unterging. Er war gerade noch rausgekommen und ist danach im Emsland gegen kanadische Streitkräfte eingesetzt worden, erlitt einen Armdurchschuss und erhielt das Eiserne Kreuz Zweiter Klasse. Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen.

Findet sich das Schweigen Ihres Vaters in der Figur des Stuttgarter Vaters in Ihrem Roman wieder?

Ja, es ist eine Mischung aus ihm und einem Tübinger Onkel, der Mathematikprofessor war. Personen, die es gegeben hat verbinden sich aber auch mit erfundenen Charaktereigenschaften.

Das Buch ist schön gemacht, bordeauxroter Umschlag mit goldenem Prägedruck. Ist das ein Bekenntnis zu einem Medium, das verschwindet?

Ich wollte ein attraktives, schönes Buch. Das Foto auf dem Einband ist aufgeklebt und nicht aufgedruckt. In einer Zeit, in der das althergebrachte Buch an Boden verliert, ist es wichtig, dass es auch einen haptischen Reiz hat und man es gerne in die Hand nimmt. Außerdem wollte ich die Anmutung eines alten Fotoalbums. Ich habe drei Jahre lang hart an diesem Stoff gearbeitet, und der Einband sollte dem Rechnung tragen. Vieles von dem, was ich gemacht habe, wird mit dem Aufkommen neuer Datenträger verschwinden, vor allem die Filme. Ein gut gebundenes Buch aber, eines aus säurefreiem, resistentem Papier, das bleibt.

Wer ist dieser junge gut gekleidete Mann auf dem Einband-Foto?

Das habe ich nie herausgefunden. Am Ende der Dreharbeiten zu „Séraphine“ (franz. Spielfilm über die Malerin Séraphine, in dem Ulrich Tukur den Kunsthistoriker Wilhelm Uhde spielte, die Red.) schenkte mir der Filmrequisiteur ein altes Fotoalbum. Es zeigte in Dutzenden von Fotografien diesen gut aussehenden, elegant gekleideten jungen Mann, ohne jede nähere Beschreibung. Die Bilder sind vermutlich Mitte der 20er-Jahre entstanden, der Mode und den Automobilen im Hintergrund nach zu schließen. Und so ist auch mein Buch: Ich wollte eine Geschichte über jemanden schreiben, von dem ich nur die äußere Erscheinung kannte und sonst nichts.

Ihr Figurenensemble ist groß, und alle sind miteinander verbunden, oft ohne es zu wissen.   Haben Sie zur Übersicht Diagramme gezeichnet?

Nein. Es hingen keine Zettel an der Wand, und ich hatte auch nie eine gesetzte Struktur, die die Handlung flankiert oder gar vorgegeben hätte. Ich besaß nur das Fotoalbum und meine Fantasie, und auf dieser Basis habe ich erst einmal zehn Seiten geschrieben. Die lagen dann anderthalb Jahre herum. Irgendwann kam mir die Idee, das   Haus meiner Großmutter oberhalb von Stuttgart wieder aufleben zu lassen, in dem ich die ersten sieben Sommer meines Lebens verbrachte. Meine Großmutter, eine traurige, verschlossene Frau, lebte dort mit ihrer dominanten, verwitweten Schwester. In diesem Haus war nichts modern, alles roch nach Vergangenheit. Dann fiel mir mein Patenonkel Paul ein, der Richter war in Stuttgart und unter dem Pseudonym Paul Goullet Gedichte veröffentlichte. Er starb schon 1964, aber ich erinnere mich sehr lebhaft an ihn; da hatte ich den Namen meines Protagonisten, und so kam eines zum anderen.

Wussten Sie von Beginn an, in welchem Ton Sie die Geschichte schreiben?

Der Ton muss da sein. Der war schon auf den ersten zehn Seiten da, erst hast du einen Klang, eine Melodie, dann geht die Geschichte los. Als ich „Ein fliehendes Pferd“ mit Rainer Kaufmann drehte, nach der Novelle von Martin Walser, kam der Autor einmal zu den Dreharbeiten. Ich schrieb damals an meinen venezianischen Erzählungen und fragte Herrn Walser, wie er es denn so schreibe, rein handwerklich. Und er antwortete in seinem schönen Bodensee-Alemannisch: „Schreiben ischt für mich wie Singen mit geschlossenem Mund. Erschd wenn ich den Ton der Geschichte höre, kann ich sie auch schreiben.“ Das habe ich damals nicht so ganz verstanden, inzwischen weiß ich genau, was er meinte.

Hat dieser musikalische Ansatz beim Schreiben auch etwas mit der süddeutschen Herkunft zu tun?

Ich glaube nein. Ich habe schon immer musiziert und liebe es zu singen und Klavier zu spielen. Sprache hat für mich auch einen musikalischen Reiz. Sie ist viel mehr als nur Transportmittel für Informationen.

Lesen Sie Ihre Sätze laut?

Ja, und ich arbeite an einem Satz, bis er klingt. Da wird gefeilt, was das Zeug hält. Das macht Spaß, geht aber nicht immer gut. Die Gefahr besteht, dass man ins Mäandern kommt und die Richtung verliert. Mit dem neuen Buch habe ich versucht, einen Thriller in einer schönen, geraden Sprache zu schreiben.

Zugleich haben Sie die nahe Zukunft als Schreckensszenario beschrieben. Deutschland versinkt in gewalttätigem Chaos, in Frankreich herrscht eine rigide rechte Diktatur. Befürchten Sie, dass so etwas auf uns zukommt?

Natürlich finden sich meine Ängste in diesem Buch, wie auch meine Sehnsüchte und Fantasien – das steckt alles drin, man schreibt ja immer auch über sich. Aber wenn man eine solche Dystopie beschreibt, hat man zugleich auch die stille Hoffnung, dass es so nicht eintreten möge. Es geht in dem Buch auch, aber nicht nur, um totalitäre Systeme der Zukunft, die sich in denen der Vergangenheit spiegeln. Und um den Widerstand dagegen.

Zur Person

Ulrich Tukur wurde 1957 geboren, als Sohn schwäbischer Eltern, eines Ingenieurs und einer Lehrerin. In seiner konservativen Familie galt er als rebellisch, nach dem Abitur zog er als Straßenmusiker umher, das Germanistikstudium in Tübingen brach er ab.

Anfang der 80er-Jahre absolvierte er eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Der Regisseur Michael Verhoeven entdeckte ihn 1982 für den Film („Die weiße Rose“), Peter Zadek für das Theater. Auf der Bühne macht Ulrich Tukur heute nur noch Musik mit seiner 1995 gegründeten Band „Ulrich Tukur & Die Rhythmus-Boys“.  

Im Kino sah man Ulrich Tukur in „Das Leben der Anderen“, „Das weiße Band“, „John Rabe“, „Der Stellvertreter“, „Séraphine“. Zuletzt sah man ihn als scheidungswilligen Meeresbiologen in „Und wer nimmt den Hund?“ . Seit 2010 verkörpert er den LKA-Ermittler Felix Murot im Tatort aus Wiesbaden. Zu seinen Büchern gehören der Erzählband „Die Seerose im Speisesaal“ und „Die Spieluhr“.

Sein Roman der „Der Ursprung der Welt“ erschien im Oktober bei S. Fischer. Ulrich Tukur lebte mit seiner zweiten Frau, der Photographin Katharina John lange in Venedig, Anfang nächsten Jahres zieht er nach Berlin. Aus erster Ehe hat er zwei erwachsene Töchter.

Der Totalitarismus, den Sie beschreiben, ist ein digitaler.

Richtig. Schauen Sie sich an, was jetzt in China entsteht. Ich behaupte: Wenn man Widerstand leisten will und sich im Netz aufstellt, wird man immer sichtbar sein und kontrolliert werden können. Das heißt, man muss sich wieder in den analogen Raum zurückziehen, der viel schwerer zu überwachen ist. Ich wollte das alles aber nicht allzu detailreich beschreiben, denn ich bin kein Science-Fiction-Autor oder Experte für digitale, virtuelle Technologien. Aber es reicht schon, wenn man schreibt, dass ein Mensch zu grüne Augen hat, um die Assoziation zu transhumanen Wesen herzustellen. Dann sitzt da eine Drohne an der Wand von der Größe und dem Aussehen einer Stubenfliege, und schon haben Sie die Atmosphäre von Bedrohung und totaler Ausleuchtung. Diese alptraumhafte Welt ist aber nur der dramatische Hintergrund für die Entwicklung meines Protagonisten auf seiner Suche nach sich selbst.

Dieser junge Mann namens Paul Goullet erinnert ein wenig an den „Fremden“ von Camus – einer, der an nichts wirklich Anteil nimmt. Hat Sie Gelesenes beeinflusst beim Schreiben?

Das hat man wahrscheinlich alles im Hinterkopf. Es kommt dir ein Gedanke, und du glaubst, es sei ein originärer Einfall, aber du hast es vielleicht irgendwann, irgendwo schon so ähnlich gelesen und dann wieder vergessen. Das ist wie beim Komponieren. Wenn man glaubt, man hätte eine großartige Melodie gefunden, muss man sich immer fragen, ob man sie nicht schon einmal irgendwo gehört hat. Paul Goullet suchen seltsame Fantasien und sexuelle Obsessionen heim, die ich mit Gustav Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“ in Verbindung bringe. Er glaubt, der nackte Frauentorso auf dem Bild sei der Körper seiner verschwundenen Mutter. Er kennt seine Herkunft nicht, er fühlt sich nicht und findet keine Verbindung zur Welt. Nach der Entdeckung eines Fotoalbums, in dem er sich selber zu sehen glaubt, macht er sich auf die Reise nach Südfrankreich, in Wirklichkeit aber in den Abgrund seiner Seele. Es ist am Ende auch eine Art Erlösungsgeschichte mit christlichen Motiven. Die Erlösung durch die Liebe einer Frau, die vor seinen Augen stirbt.

Es wird überhaupt viel gestorben in Ihrem Roman.

In meinen Büchern wird immer viel gestorben. Es finden sich darüber hinaus viele kleine versteckte Geschichten im Buch. Der seltsame Professor zum Beispiel, der sich an seine schwere Aktentasche klammert, ist Walter Benjamin auf der verzweifelten Flucht vor seinen Verfolgern. In der Tasche befand sich ein umfangreiches Manuskript, möglicherweise sein philosophisches Hauptwerk. Man kann das in den Erinnerungen der Fluchthelferin Lisa Fittko nachlesen. Sie hat Walter Benjamin über die Pyrenäen nach Portbou begleitet. Als er am nächsten Tag wieder nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte, hat er sich das Leben genommen und seine Aktentasche war verschwunden. Sie ist bis heute nicht wiederaufgetaucht. In meinem Buch finden sie die Lösung.

Die Schauplätze Ihres Romans kennen Sie alle aus eigener Anschauung?

Ich musste Perpignan, Banyuls, die Pyrenäen und die Côte Vermeille mit eigenen Augen sehen. Wer einen fantastischen Roman schreibt, muss es realistisch tun und braucht viele stimmige, glaubwürdige Details. Nur so geht der Leser mit auf die Reise. Im Hafen von Port-Vendres traf ich zufällig auf den Ausstatter des Films „Der Stellvertreter“, den ich mit Costa-Gavras Jahre zuvor in Rumänien gedreht hatte. Er lebte dort und hat mir das Städtchen und die ganze Umgebung gezeigt. Ich habe dann kurzerhand einen Großteil der Handlung nach Port-Vendres verlegt.

Einige Ihrer Figuren sind äußerst gespalten. Warum fasziniert Sie die Doppelgesichtigkeit?

Weil wir so sind, wir tragen das Helle und das Dunkle in uns, das Gute und Böse. Das ist der Ursprung der Welt. Unter fast jedem Menschen lauert ein Abgrund. Der Großvater Rudolf Goullet ist ein janusköpfiger Mensch, brillant, kunstliebend und charmant auf der einen Seite, auf der anderen ein Mörder und Folterer.

Sein Vorbild hat er in Dr. Rudolf Bilfinger, einem Verwaltungsjuristen und SS-Sturmbannführer, Gestapo-Chef von Toulouse, der bis in die 60er-Jahre am höchsten baden-württembergischen Verwaltungsgericht arbeitete. Das erläutern Sie in der Nachbemerkung. Wie kamen Sie auf ihn?

Bei der Recherche nach Personen, die im besetzten Frankreich in herausragender Position für die Gestapo tätig waren, stieß ich auf Herrn Bilfinger. Er war genau der Charakter, nach dem ich suchte. Unglaublich war, dass er nicht nur nicht belangt wurde, sondern im Nachkriegsdeutschland auch noch eine solche Karriere hinlegen konnte.

In welcher Figur steckt am meisten von Ihnen selbst?

Sicher in der des Protagonisten, nur, dass ich nicht so gut aussehe. Viele Figuren des Dramas haben Anteile von Menschen, die es gab oder die ich kannte. Der klavierspielende Vater zum Beispiel war ein Onkel von mir, ein Tübinger Mathematikprofessor, der mir oft auf dem Klavier vorspielte und glücklich war, dass ihm jemand zuhörte. Aus Dankbarkeit hat er mir alte Münzen geschenkt.

Haben Sie Tagebuch geführt?

Nein, das habe ich nie getan. Die ersten zehn Jahre meines Lebens sind mir einfach so in starker Erinnerung, voller Bilder und Gerüche. Ich hatte das Glück, an eine Welt anzudocken, die eigentlich schon untergegangen war. Und diese Verbindung ist Zeit meines Lebens nicht mehr abgerissen und sucht sich wie von selbst ihren Weg in meine Musik und Schriftstellerei.

Ich habe Sie zuletzt in der Scheidungskomödie „Und wer nimmt den Hund“ gesehen. Als Sie während des Filmfests in München Interviews dazu gaben, haben Sie die Journalisten hereingerufen wie ein Arzt. „Der Nächste bitte, wo fehlt’s denn.“ Sie nehmen vieles spielerisch.

Das müssen Sie, wenn Sie nicht wahnsinnig werden wollen. Wir stehen alle auf einer Bühne und wissen nicht wirklich, in welchem Stück wir sind und ob am Ende jemand applaudiert, wenn der Vorhang fällt.

Leichtigkeit ist eigentlich keine schwäbische Tugend.

Nein, das ist nicht unsere Stärke, aber trotzdem hat der Schwabe einen guten Humor. Denken Sie an Oscar Hailer und Willy Reichert, Herrn Häberle und Herrn Pfleiderer. Saukomisch und echt philosophisch. Aber sonst, ja, sind wir eher schwergängig, laufen aber zum Lachen auch nicht immer gleich in den Keller. Nach der Premiere von „Hamlet“ im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg – einer Inszenierung von Michael Bogdanov, die ein großer Erfolg war – fragte ich meine Mutter, wie es ihr gefallen hätte. Die Antwort: „Ha woisch, des war jetzt ned so schlecht, aber fass dir doch ned aaaandauernd ins G’sicht!“ So ist sie, die schwäbische Mutter, komisch, aber nicht lustig.

Das klingt nach harter Kindheit.

Nein, gar nicht. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich in einem bürgerlichen Elternhaus groß geworden bin. Aus zwei Gründen: Erstens hatte ich eine große Sicherheit. Und zweitens fand ich meine Eltern spießig und fantasielos. Also habe ich mich gegen diese ganze Welt gestellt, mich im Widerstand gegen ihre strikten Wertvorstellungen definieren und so meinen eigenen Weg finden können. Verständnisvolle, tolerante Eltern hätten mich wahrscheinlich eher gelangweilt und behindert. Als junger Mensch ist es ganz gut, klare Koordinaten und ein starkes Gegenüber zu haben. Das zwingt einen zu Haltung und Rebellion. Darüber hinaus bin ich meinen Eltern aber sehr dankbar, dass ich Klavierunterricht bekam, auch wenn ich dazu gezwungen wurde.

Andere geben dann trotzdem auf, Sie sind bei der Musik geblieben.

Ja, bevor mich Czerny und Clementi umbrachten, entdeckte ich den Jazz und wollte unbedingt so spielen können wie Fats Waller oder Earl Hines. Das habe ich nur leider nie erreicht. (Er entdeckt im Regal die Bücher von Roger Willemsen) Ach, der Roger, was für ein gebildeter, leidenschaftlicher, sympathischer Mensch! Als ich ihn kennenlernte, habe ich das nicht verstanden und erst später erkannt, was für eine Ausnahmeerscheinung er war.

Ängstigt es Sie, wenn ein Ihnen bekannter Mensch in Ihrem Alter stirbt?

Es erschreckt mich, ja. Vieles von dem, was ich mache, ist sublimierte Todesangst. Ich denke fast jeden Tag an meine Endlichkeit. Das habe ich schon als Kind getan. Die einzige Freiheit, die wir haben, ist darüber zu lachen. Inzwischen kann ich den fatalen Tatbestand sogar fast akzeptieren. Wenn wir sterben und wieder zurücksinken in den großen Traum, könnte es nicht sein, dass wir eine letzte, verblüffende Erfahrung machen: Mein Gott, warum habe ich mich ein Leben lang nur vor diesem Moment so gefürchtet? Ist doch gar nicht so schlimm…

Haben Sie das Gefühl, noch ganz viel machen zu wollen?

Nein. Ich würde liebend gern weniger machen, aber der Zug läuft halt, und ich sitze in einem Abteil erster Klasse. Ich gebe Konzerte, meine Freunde leben von unserer Musik. Dann kommt hier ein Film, da eine Lesung, eine Tour und – zack! – ist der Kalender wieder voll. Aber es trainiert die Synapsen und erhält die Spannkraft; ich glaube, man altert langsamer, wenn man arbeitet und vor allem viel musiziert.

Sie sind elegant angezogen wie immer. Was ist das für ein Stoff?

Ich glaube, ein ganz billiger, eine Art Sofabezug. Ich habe mir diesen Anzug in Shanghai machen lassen in einem Geschäftshaus, in dem Hunderte Schneider ihre Ateliers hatten. Meinen alten Anzug von 1938 habe ich denen als Muster gezeigt, und sie habe ihn mir x-Mal nachgeschneidert, mit allen Fehlern des Originals.

Warum ist Kleidung so wichtig für Sie?

Sie wärmt und bedeckt mich nicht nur, sie ist auch mein Aushängeschild und Lebensgefühl. Ich achte auf mich und lasse mich nicht industriell einkleiden. Ich gehe zum Schuster und zum Schneider und sehe am Ende so aus, wie ich will, und nicht, wie es mir irgendeine Mode vorschreibt. Nichts ist trauriger als der uniforme Mensch mit Ohrenstöpsel, Smartphone, Jogginghose und Baseballmütze. Dieser Typ hat sich flächenmäßig durchgesetzt und bevölkert inzwischen auch die malerischen Gassen Venedigs.

Es hat sich herumgesprochen, dass Sie und Ihre Frau demnächst nach Berlin ziehen, weil Ihnen Venedig zu anstrengend geworden ist. Haben Sie schon eine Wohnung?

In Schöneberg, im schönen Belmonte. Am Rande des Bayerischen Viertels, eine heruntergekommene alte Wohnung mit Kohleöfen und Toilette im Treppenhaus. Ohne Fahrstuhl, aber mit fließend Wasser. Und einer Bibliothek, die fast so groß ist wie die von Herzog August in Wolfenbüttel.

Sind Sie ein Bibliophiler mit Hang zu schönen Erstausgaben?

Ich besitze einige interessante und kuriose Sachen, Erstausgaben von Christian Morgenstern, Hans Fallada und Stefan George, Balzac in der ersten deutschen Übersetzung aus den 1830er-Jahren. Das meiste in der Schrift, in der ich anfing zu lesen: Fraktur. Ich schreibe auch heute noch meine persönlichen Aufzeichnungen in Sütterlin, das habe ich tatsächlich noch in der Schule gelernt.

Frisst Ihre Hündin gern ledergebundene Bücher?

Nein, sie liest auch nicht, aber sie wischt den Fußboden.

Sprechen Sie viel mit dem Hund?

O ja. Wir haben einen permanenten Austausch. Hunde haben ihre eigene Sprache, wie Pferde, und die muss man lernen. Das Letzte, was sie mir sagte, war: Kann ich bitte endlich einen von diesen getrockneten Kängurustreifen haben?

Sie ist sehr ruhig.

Ich liebe das. Ich liebe Tiere, die nicht so hektisch sind, Bierkutschergäule und buddhistische Hunde.

Beim Schreiben liegt sie unterm Tisch?

Sie war oft dabei, und bei der Recherche für mein Buch bin ich auf ihr über die Pyrenäen geritten.