Im neuen  „Tatort“ (Sonntag, 20.15 Uhr in der ARD) gibt es ein Wiedersehen zwischen Lena Odenthal und dem „Schutzmops“ Stefan Tries (Ben Becker).
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BerlinTja, ist das nun das Jubiläum von Lena Odenthal oder von Ulrike Folkerts? Spielt Ulrike Folkerts seit dreißig Jahren die Kommissarin oder ist es  umgekehrt? Letztere Überlegung würde die Schauspielerin weit von sich weisen. Sie macht einfach das, was im Drehbuch steht.

Privat ist sie keine Alleinseglerin, sondern eher der gesellige Typ mit    Freunden in Reichweite – und einer Katze, na gut. In einem Kostümfilm war sie mal als Gräfin mit Puffärmelkleid und Hochsteckfrisur zu sehen und im Herzkino als trauernde Mutter. Kann sich jemand daran erinnern? Eben.

Sie darf nie mehr aufhören

Ulrike Folkerts wird für immer Lena Odenthal sein, in siebzig Fällen hat sie der Kommissarin aus Ludwigshafen ihr Herz, ihren Verstand, ihre Energie und ihre Nerven hingegeben. Sie ist schon seit einer Weile die dienstälteste Polizistin im deutschen Fernsehen, und nach menschlichem Ermessen wird sie das auch für immer bleiben. Keith Richards hat mal gesagt, an den Rolling Stones interessiere ihn heute vor allem die Frage, wie lange man das noch treiben könne.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Lena Odenthal. Auch sie darf nie mehr aufhören – so weit, wie sie gekommen ist. Sie ist ja erst 58. Zum dreißigjährigen Betriebsjubiläum hat sich ihr Sender etwas Besonderes einfallen lassen. Woher Lena Odenthal kam und wohin sie gehen könnte, zeigt auf geglückte Art und Weise die Episode „Die Pfalz von oben“, die am Sonntag in der ARD läuft.

In „Tod im Häcksler“ von 1991 ermittelte Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) gemeinsam mit Stefan Tries (Ben Becker) gegen ein ganzes Dorf.
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Die Geschichte schließt an einen der spektakulärsten „Tatort“-Krimis überhaupt an. Im November 1991 hatte „Tod im Häcksler“ eine ganze Region in Aufruhr versetzt. Die örtlichen Zeitungen titelten „Anti-Pfalz-Krimi“ und „Drehbuch in den Häcksler“, der Mainzer Landtag beschäftigte sich mit dem Fall und schließlich musste Ulrike Folkerts Abbitte leisten, indem sie mit dem damaligen rheinland-pfälzischen Wirtschaftsminister Rainer Brüderle von der FDP publikumswirksam durch dessen engere Heimat wanderte.

Im „Tatort“ war der Begriff   Pfälzisch-Sibirien gefallen. Brüderle wollte in dem Film die „abartige Wiedergabe von menschlichen Gesichtsausdrücken“ erkannt haben. Die Pfälzer sahen sich verunglimpft, weil die Bewohner des fiktiven Örtchens Zarten in dem „Tatort“ als hinterwäldlerischer Mob dargestellt wurden, die einen Fremden auf dem Gewissen haben. Und das zu einer Zeit, da im Land Flüchtlingsheime brannten und die Herumstehenden applaudierten.

„Was bist du nur für ein korrupter Sack geworden!“

Wenn man den Film jetzt wiedersieht, bemerkt man noch immer, welch große künstlerische Ambition dort mitschwingt. Es geht um Zugehörigkeit und den Wert von Heimat, Nico Hofmann, heute Chef der Ufa, führte Regie, das Buch schrieb Stefan Dähnert, von dem nun auch die Fortsetzung stammt.

„Dich haben sie also geschickt“, fragt Stefan Tries, gespielt von einem endlich mal wieder beeindruckenden Ben Becker, als er nach fast drei Jahrzehnten Lena Odenthal wiedertrifft. „Ja, sieht so aus“, antwortet sie. Vor 28 Jahren hatten sie hier ihren gemeinsamen Fall. Die junge Kommissarin und der „Schutzmops“, wie Lena Odenthal den Dorfpolizisten nennt. Eine Stunde später wird sie sie ihn anraunzen: „Was bist du nur für ein korrupter Sack geworden!“ Und er wird erwidern: „Immer noch so zornig?“

Intelligent, hübsch und hibbelig

Lena Odenthal war seinerzeit aufs Land abkommandiert worden, um in einem Dorf in der Westpfalz einen mysteriösen Mord aufzuklären. Von einem vermissten Spätaussiedler aus Rumänien fehlte jede Spur, bis ein paar Jugendliche im Dreck seine Klamotten fanden. Für Lena Odenthal war es erst der dritte Einsatz. Und doch galt sie schon damals als notorisch „zu spät, zu müde, zu beschäftigt“, wie ihr Freund nörgelte, den sie dann bald abservierte.

„Sie sollten mal eine Weile ausspannen“, gab ihr der Chef noch mit auf den Weg. Die Szene, in der Lena Odenthal mit einem alten Polizei-Käfer durch die Hügel fährt, Canned Heat mit „Going Up The Country“ im Autoradio, ist heute in jedem Beitrag über Ulrike Folkerts zu sehen. Es ist so etwas wie ihre persönliche Signatur geworden. Da ist eine junge Frau, intelligent, hübsch, hibbelig, die sich mit Elan, wie man damals sagte, in die Arbeit stürzt. Als sie auf der Wache in Zarten („120 Einwohner, schöne Tallage“) eintrifft und sich mit „Kripo Ludwigshafen“ vorstellt, mustert sie der Beamte entgeistert und murmelt in Richtung seines Kollegen: „Iss'n Mädchen.“ Man kann sich das bei all den Lindholms und Lürsens und Hellers und Dorns heute kaum  vorstellen, dass eine Frau mit diesem Berufsbild vor dreißig Jahren so gut wie gar nicht auf dem Bildschirm vorkam. Im DDR-Fernsehen war die Reihe „Polizeiruf 110“ zwar schon 1971 mit Sigrid Göhler als Leutnant Arndt gestartet, die ihre Rolle als Pionierin in diesem Sujet zwölf Jahre lang spielte, aber danach riss es ab.

Von der Bildzeitung geoutet

Der „Tatort“ traute dem Publikum erstmals 1978 mit Nicole Heesters als Kommissarin Buchmüller eine weibliche Ermittlerin zu, allerdings nur für drei Folgen, bevor dann Karin Anselm sieben Jahre lang den Kostümpart der Karin Wiegand übernahm. Aber das war’s dann auch schon. Bis Ulrike Folkerts kam. „Die Neue“, wie im Herbst 1989 ihr erster „Tatort“ hieß, frisch vom Staatstheater in Oldenburg. Jetzt war Schluss mit Kostüm.

Lena Odenthal hetzte mit Jeans und Blouson durch ihre Fälle, ehe sie zur Lederjacke wechselte, die sie zu dieser Zeit auch privat trug. Ihre Jungsfrisur mit Vogelnest auf dem Kopf und Fassonschnitt im Nacken war ein modisches Relikt der zu Ende gehenden New-Wave-Zeit. Alles an ihr signalisierte Jugend, Stil, Mut, Athletik. (Die 50 Meter Schmetterling ist sie vor ein paar Jahren noch in knapp über 30 Sekunden geschwommen.) Es war nichts Madamiges an ihr, sondern ein Selbstbewusstsein, das mit einer sonntäglichen Quote von zehn Millionen Zuschauern dem Frauenbild in der Gesellschaft wahrscheinlich zuträglicher war als manches Seminar in Gender-Studies.

Als Ulrike Folkerts 1999 von der Bildzeitung geoutet wurde, bekam ihre Reputation sogar noch einen Schub – was vermutlich nicht in der Intention des Blattes lag. Gemeinsam mit ihrer langjährigen Partnerin, der Künstlerin Katharina Schnitzler, lebt Ulrike Folkerts in einer Selbstverständlichkeit zusammen, die längst nicht selbstverständlich ist. Sie selbst hat das unlängst in einem TV-Porträt mit der Welt des Fußballs verglichen. Offene Homosexualität sei auch in der Schauspielbranche ein Problem. „Man redet nur nicht darüber. Wir sind ja alle so tolerant.“

Seit 1989 lebt Ulrike Folkerts in Berlin.
Foto:  imago /  Andre Poling

Seit ihrem ersten „Tatort“ wohnt die gebürtige Kasslerin in Berlin, vor kurzem ist sie in den Wedding gezogen. Von dort bricht sie zweimal im Jahr zum „Tatort“ nach Ludwigshafen auf. Die Arbeiterstadt Ludwigshafen, nicht das barocke Mannheim auf der anderen Rheinseite, schon die Wahl des Standortes war damals ein Statement. Prompt bekam Lena Odenthal das Label „weiblicher Schimanski“ verpasst. Das sie  schnell wieder loswurde. Selbst wenn sie in dem neuen Fall einem Deppen von der Internen Ermittlung ein kräftiges „Arschloch“ ins Gesicht blaffen darf. In den dreißig Jahren „Tatort“ war weniger die Figur Kommissarin einem Wandel unterworfen als der Zuschnitt der Fälle.

Das kann über eine so lange Zeit auch gar nicht anders sein. Zu Beginn galt Ludwigshafen als das wagemutigste Revier der Branche, hier landete schon 1997 in der Ufologen-Folge „Tod im All“ ein unbekanntes Flugobjekt. Lange bevor sich die ARD allzu viele Experimente verbat, gab es in Ludwigshafen schon interaktive Ermittlungen und extra harte Milieu-Studien. Aber irgendwann flachte die Aufmerksamkeitskurve für Lena Odenthal ab, neue Kommissare mit neuen Marotten gingen an neuen Orten ins Rennen. Die Frau mit dem Kater (sowohl tierisch als auch postalkoholisch) wurde zur Gewohnheit. Die Redaktion probierte ein bisschen herum, härter, weicher, empathischer, abstruser und schließlich auch noch ohne Kopper, den alten Rotweintrinker und Katzenaufpasser. Die beiden Axel-Ranisch-Experimente, ohne Drehbuch zu arbeiten, gingen daneben, aber der Mut zum Scheitern verdient Respekt.

Noch mehr Mut wäre gut. Reimt sich sogar. In der schönsten Szene des Films finden Lena Odenthal und Stefan Tries noch einmal zueinander. Tries legt die Platte von früher auf. Und dann tanzen sie    eng. Auf dem Teller  dreht sich Dylans „Lay Lady Lay“. Kurz blitzen in ihrer Umarmung  die Bilder von damals auf. Als sie  einen Moment lang für immer jung waren.