Die Violinistin Carolin Widmann interpretiert mit unkitschiger Strenge die Kompositionen ihres Bruders Jörg Widmann. 

Berlin Einmal im Jahr erinnert das Ultraschall-Festival auch Nicht-Radio-Hörer daran, dass es zu den vornehmeren Aufgaben der Öffentlich-Rechtlichen gehört, Mittel für die Förderung neuer Musik einzusetzen. In fünf Tagen bündeln Deutschlandfunk Kultur und RBB-Kultur 14 Konzerte und natürlich sind auch die beiden Berliner Rundfunk-Orchester dabei. Daneben gibt es experimentelle Formate im Heimathafen Neukölln und dem Radialsystem.

Die künstlerische Orientierung des Festivals ist offen, nicht zuletzt aufgrund der beiden Veranstalter. Das kann man als Beliebigkeit ansehen, es lässt dem Besucher aber auch Freiheiten. Beispielhaft dafür war das Eröffnungskonzert, das Werke zusammenbrachte, die sich sonst nie begegnen würden. Dabei war zwei Tage zuvor noch gar nicht sicher, ob dieses Konzert überhaupt stattfinden könnte. Mit seinem mutigen Einspringen hat der Dirigent Johannes Kalitzke die Eröffnung des Festivals gerettet.

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Eigentlich sollte er erst zum Abschluss mit dem Deutschen Symphonieorchester auftreten. Mitten in der Probenarbeit zum ersten Konzert des Festivals aber erkrankte der Dirigent Marc Albrecht, und Kalitzke übernahm auch dieses Programm. Beim Standardrepertoire wäre das nicht unbedingt der Rede wert, aber hier handelt es sich um neue, unbekannte Werke, für die man erst einmal eine Vorstellung entwickeln muss. Dass unter diesen Umständen eines der drei geplanten Stücke ausfiel, ist verständlich.

Sarah Nemtsovs Orchesterstück fordert Hörer raus

Der Dramaturgie des Abends kam das sogar zugute, denn nun standen sich zwei Kompositionen gegenüber, die sehr unterschiedliche Positionen vertreten und völlig unterschiedliche Zugänge zum Hörer suchen. Sarah Nemtsovs knapp 20-minütiges Orchesterstück „dropped.drowned“ verwendet auch Ferninstrumente und sparsames elektronisches Zuspiel. Das Hören wird herausgefordert, gleichzeitig spannend und dankbar, weil man hier in einer surreal anmutenden, reizvoll verfremdeten Klangwelt auch einen unmittelbar nachvollziehbaren Prozess erlebt.

Aus geräuschhaft tiefem Untergrund entwickelt sich ein Zentralton, der von mikrotonalen Schatten verwischt wird. Entfernte rhythmische Schläge verdichten sich zu einer Gangart, die sich mehrmals in gegeneinander verschobenen Tonschleifen verhakt. Eine große Steigerung suggeriert den Schluss, sie dient aber nur dazu, selbst wieder dekonstruiert zu werden, die Bewegung kommt zum Stillstand, die Farben werden gleichsam abgezogen und alles endet mit perkussivem Klappern und Scheppern.

Polkaklang beim Violinkonzert

Spontan und fröhlich wirkte der anhaltende Beifall für diese nur sich selbst verpflichtet scheinende Musik. Anders Jörg Widmanns Violinkonzert, das seinen Beifall mit gefälligen Stilzitaten schon einkomponiert trägt, und hier auch einige hartnäckige Buhs kassierte. Dabei kann man dem gebrochenen spätromantischen Glanz, in den dieses Konzert wie ein Abgesang auf alle Violinkonzerte immer wieder hineingleitet, noch einiges abgewinnen, zumal in solch einer unkitschig-strengen Interpretation, wie sie Carolin Widmann, der Schwester des Komponisten, gelingt.

Irritierend ist aber, wie das Stück seine Zeitgenossenschaft gleichzeitig mit experimentellen Techniken zu behaupten sucht. Tonloses Streichen auf dem Holz des Instruments etwa erscheint lediglich als theatralische Geste, die den „richtigen“ Klängen vorausgeht. Das wirkt wie ein Verrat an der eigenen Sache, der letztlich alles belanglos macht, auch den gewollt-spaßigen Polka-Ausklang, den diese Musik virtuos erzwingt.

Ultraschall Berlin noch bis 19. Januar, Programm: ultraschallberlin.de