Die in Berlin lebende Komponistin Sarah Nemtsov ist mit vier Werken beim Ultraschall-Festival vertreten.
Foto: Neda Navaee

BerlinHeute beginnt „Ultraschall“, das von RBBKultur und dem Deutschlandfunk Kultur ausgerichtete Neue-Musik-Festival. Da öffentlichen Institutionen viel an der Demonstration von Gleichberechtigung liegt, habe ich mal gezählt: Es werden 22 Werke von Männern und 32 Werke von Frauen aufgeführt! Diese Werke stammen jedoch von 20 Komponisten und nur 15 Komponistinnen.

Das Übergewicht von Werken weiblicher Komponistinnen ergibt sich aus zwei Porträtkonzerten: Das US-amerikanische JACK-Quartett spielt vier Werke der 1983 geborenen Italienerin Clara Ianotta (16.1., 19 Uhr, Heimathafen Neukölln). Von der 1980 in Kroatien geborene Mirela Ivicevic, zur Zeit DAAD-Stipendiatin, werden an einem Abend sieben Werke aufgeführt, vom Sopran-Solo mit Elektronik bis zum Ensemblestück (18. 1., 22 Uhr, Radialsystem). Und die in Berlin lebende Sarah Nemtsov ist beim Festival mit vier Werken vertreten.


Klassik

  • Ultraschall 15.−19.1. , Programm:
    ultraschallberlin.de
  • Arcadi Volodos 16. 1., 20 Uhr, Kammermusiksaal, Herbert-von-Karajan-Str. 1
  • Tetzlaff-Quartett 19. 1., 20 Uhr, Kammermusiksaal
  • Eötvös’ „Joyce“ 20. 1., 19.30 Uhr, Pierre-Boulez-Saal, Französische Str. 33 d
  • Denis Kozhukin 21. 1., 19.30 Uhr, Pierre-Boulez-Saal

Sarah Nemtsov vs. Jörg Widmann

Sarah Nemtsov ist allerdings auch die einzige Frau, die in den repräsentativen Orchesterkonzerten zu Beginn und Abschluss des Festivals auftaucht: „dropped.drowned“ erklingt am heutigen Mittwoch (20Uhr, Großer RBB-Sendesaal) im von Johannes Kalitzke dirigierten Konzert des DSO. Sarah Nemtsov mag in Berlin sehr präsent sein – gegen den von Daniel Barenboim protegierten und unerträglich beliebten Jörg Widmann kommt sie nicht an: Dessen Zweites Violinkonzert wird im gleichen Konzert von Schwester Carolin aufgeführt. Ein Satz ist „Romanze“ überschrieben, dazu verspricht der Komponist eine „Reise ins Innere“.

Die Neue-Musik-Szene hält sich die Nase zu angesichts des Verwesungsgeruchs, der von solcher Espressivo-Ästhetik ausgeht. Widmann ist auch abseits des Festivals präsent: Als Klarinettist führt er im Boulez-Saal das Werk „Joyce“ von Peter Eötvös auf, am Tag darauf spielt ebendort der Pianist Denis Kozhukin Widmanns „Idyll und Abgrund. Sechs Schubert-Reminiszenzen“: Beides Kunst, die sich an große Namen heftet, um eine tiefe Bindung an Moderne oder Romantik zu behaupten. Widerlich und langweilig.

Festival und Komponisten am Puls der Zeit

Zurück zu „Ultraschall“: Das einzige Musiktheater des Festivals beschäftigt Frauen nur in den Bereichen Kostüm und dramaturgische Mitarbeit: „Also sprach Golem“ nach einer essayistischen Erzählung von Stanisław Lem stammt von dem Komponisten Kaj Duncan David und dem Regisseur Thomas Fiedler. Es nennt sich „elektronisches Musiktheater“ und handelt von Künstlicher Intelligenz (18.1., 19.30, Radialsystem).

Dass sich Festivals wie Komponisten beflissen am Puls der Zeit bewegen, zeigen nicht nur Frauenquote und Musiktheater-Themen; auch ein Werk wie „Stand up“ verspricht nach den Worten des Komponisten Vito Žuraj gerechte Selbsterregung: „Tatsächlich verdreht es einem den Magen, wenn man sich Äußerungen der Rache- und Machtbesessenen auf Spitzenpositionen anhört, seien dies echte Personen oder fiktive wie Coriolan oder Charles Foster Kane.“ Man kann nur hoffen, dass Žurajs Stücke interessanter sind als seine Meinungen!

Rau-poetische, klanglich aufregende Werke

Sehr zu loben ist „Ultraschall“ dafür, dass im selben Konzert des DSO unter Leitung von Johannes Kalitzke (19.1., 20 Uhr, Großer Sendesaal) das Stück „Antar Atman“ des 1997 viel zu früh gestorbenen Francisco Guerrero Marìn gespielt wird: Guerrero gehört wie Varèse, Xenakis oder Ligeti zu jenen Künstlern, die zentrale Anregungen aus der Mathematik bezogen – aber niemand formte daraus rau-poetischere und klanglich aufregendere Werke als dieser Spanier, dessen Werk ausführliche Retrospektiven rechtfertigen würde.

Neben „Ultraschall“ wirkt so etwas wie der Klavierabend von Arcadi Volodos mit Musik von Schumann und Liszt zunächst etwas abgestanden, obwohl ein Werk wie Schumanns „Humoreske“ es in seiner strukturellen Hintergründigkeit mit neuer Musik durchaus aufnehmen kann und Volodos eine herausragende Wiedergabe zuzutrauen ist. Das Tetzlaff-Quartett um die Geschwister Christian und Tanja Tetzlaff wendet seine expressive und analytische Intensität an ein Werk, das Schumann lapidar als „Endziel“ kompositorischen Strebens ansah: Beethovens B-Dur-Quartett op. 130 mit der Großen Fuge als Finale. Zusammengespannt mit Schönbergs fanatisch ambitioniertem Erstem Quartett, dürfte das ein langer Abend werden.