Der „Ulysses“, schrieb Anthony Burgess, „ist ein Buch, das man besitzen, ein Buch, mit dem man leben muss“. Der berühmte Burgess, Autor zahlreicher Romane, darunter „Clockwork Orange“, dachte an einen entspannten und gar nicht bildungsbeflissen-hektischen Umgang mit dem „Ulysses“, der der „langsamen Gangart des Buches“ entspreche, seiner „gemächlichen Musik, die ein ungehetztes Ohr braucht und dem flüchtigen, zeitungserzogenen Ohr wenig abwirft“. Nein, „reine Augenlektüre“, meinte Burgess, werde James Joyces Jahrhundert-Roman überhaupt nicht gerecht. Sei doch der „Ulysses“, so Burgess vor einem halben Jahrhundert, „ein Hörwerk, und die Töne tragen den Sinn“.

Wie ist es da sinnvoll, dass man den Roman jetzt im Radio hören kann: „Vor der Nelson-Säule verlangsamten die Trambahnen ihre Geschwindigkeit, liefen auf Weiche, legten die Stromnehmerstange um und setzten sich wieder in Bewegung“, und dazu scheppert ein Kaschemmenklavier, klingelt eine Tram, und weil am Verkehrsknotenpunkt Dublins auch zwei Zeitungen residieren, klappert eine Schreibmaschine. Auch die gehört, kurz, kurz, klapp, klapp, zum Hörbuchhintergrundgeräusch. Man muss das nicht so machen. Am heutigen Samstag aber ist es so.

Denn heute ist Bloomsday, gleich nach den Nachrichten um 8.03 Uhr wird er auf SWR 2 eingeläutet und der Erzähler, es ist Manfred Zapatka, spricht bissig: „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“ Sonntag in der Früh, um kurz vor 6, wird Molly Bloom sich versenken in die tiefe Nacht: „dass er meine Brüste fühlen konnte wie sie dufteten ja und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja.“ Und Birgit Minichmayr, die Stimme der Molly, beseufzt stattlich die Liebe.Wie das beim RBB enden wird, Ende September, ist noch ein dunkles Geheimnis.

Hauptstadtroman wird zum Weltereignis

Seit dem 16. April wird der „Ulysses“ unter der Leitung von Claus-Ulrich Bielefeld gelesen, täglich von Montags bis Freitags, 20 Minuten lang, am Ende werden es 40 Stunden sein, und es ist wahrhaftig eine Lesung, ohne Musikuntermalung, ohne die Geräuschkulisse der Moderne, ohne Schreibmaschine, ohne Tram. Man muss das nicht so machen, aber man muss zum Beispiel Imogen Kogge gehört haben, wenn sie ihr Selbstgespräch zum Gesang macht, zur Ballade. Wenn sie, auch schon mal koloratourend, durch ihre Abenteuer zieht.

Der Künstler Joyce war als junger Mann wohl ein beachtlicher Tenor. Als der Dichter dann am 2. Februar 1922 40 Jahre wurde, erschien sein „Ulysses“ in einem Privatverlag in Paris. Joyce, zutiefst abergläubisch, wollte seinem Geburtstag einen Sinn geben. Achtzehn Kapitel waren in acht Jahren entstanden, keines wie das andere, sprachlich nicht, stilistisch nicht, achtzehn Geschichten durch Raum und Zeit, und der Raum war Dublin, die Zeit ein einziger Tag im Leben des Annoncen- akquisiteurs Leonard Bloom und des jungen Künstlers Stephen Dedalus.

Deren Odyssee, deren Irrfahrt, mal gemeinsam, mal einzeln, durch Kutscherkneipen und über Friedhöfe verläuft, durchs Bordell und eine Entbindungsstation, durch eine Bibliothek, eine Zeitungsredaktion, eine Konzerthalle – der „Ulysses“ ist eine Polyphonie der Großstadt. Rasch nach seinem Erscheinen stieg dieser irische Hauptstadtroman zu einem Weltereignis auf, übertrug er doch die „Odyssee“ des Homer auf die Moderne, und was sich am 16. Juni 1904 abspielte, einem Donnerstag, wird als Bloomsday bezeichnet. Er ist als einer der höchsten Feiertage der Weltliteratur. Joyce-Enthusiasten lassen sich dann kaum etwas Menschliches entgehen.

„Ein Buch hält nicht still“, schrieb zum Bloomsday 2004 der große Joyce-Forscher Fritz Senn in der Joyce-Extraausgabe der FR. Die Unruhe setzte sich fort, auch bei Klaus Buhlert und Manfred Hess in ihrer Produktion für den SWR und den Deutschlandfunk. Buhlert als Regisseur und Hess als Dramaturg waren schon häufig zusammen, beide bearbeiteten zum Beispiel auch die „Ilias“ des Homer in der Übersetzung von Raoul Schrott. Damit konnte der Hörer 2009 Stunde um Stunde verbringen allein mit dem Vorleser Manfred Zapatka.

Sprachartisten lassen den Roman atmen

Anstelle einer Lesung hat Klaus Buhlert jetzt den Resonanzraum des Radios genutzt, das Hörspiel, mit krächzenden Möwen, Glockengeläut, leiernden Drehorgeln. Wer wollte behaupten, dass der „Ulysses“ ein puristisches Sprachkunstwerk ist. „Seine Lippen belippten, bemundeten fleischlose Lippen aus Luft.“ Der Erzähler Manfred Zapatka schmeckt die Labiallaute ab. Buhlerts Schauspieler, darunter wahre Sprachartisten, lassen den Roman atmen.

Der „Ulysses“, in all seinen Facetten, ob als innerer Monolog oder Drama, ist ein musikalisches Ereignis, wenn Wolfram Koch und Milan Peschel den Jargon der Straße hineinrufen in den Gang der Handlung. Wenn Jens Harzer sich von einem inneren Monolog traumverloren treiben lässt. Wenn der Besuch in der grellen Ormand Bar, Ouvertüre zum Sirenengesangkapitel, zur rotzigen Kunstliedtravestie wird. Wenn Jaqueline Macaulay, honigsüß oder heiser, mal Hexe ist, mal Hure.

In der Hörspielproduktion des SWR und des Deutschlandfunks entpuppt sich dieser Großstadtroman als eine grandiose Verdichtung von Stimmen. Corinna Harfouch ist als Erzählerin die Strippenzieherin einer allwissenden List und Intrige, Jürgen Holtz personifiziert als allwissender Erzähler genervte Ungeduld. Anna Thalbach ist eine gute Fee der Anzüglichkeit, sie alle verleihen dem, was schriftlich vorliegt auf rund tausend Seiten, und das ist das ganze Geheimnis dieser grandiosen Produktion, die Illusion spontaner Mündlichkeit.

170 Produktionstage durften beim SWR aufgewendet werden. Das Ergebnis besteht darin, dass sich 22 Stunden Laufzeit beinahe mit 24 Stunden Lebenszeit decken. Damit ist der Roman nicht Wort für Wort wiedergeben, aber an der Jahrhundertübersetzung Hans Wollschlägers entlang, also auch mittelhochdeutsch. Da singt dann ein Countertenor, während ein Leierklang Töne anschwellen lässt, als sollte ein Lebensfaden abgespult werden, altenglische Verse von der Geburt, hopsa, eines Jungen.

Hörspiel oder Lesung? Beide!

Hörspiel oder Lesung? Aber bitte doch beide! Welche Synergien! Nehmen wir Kapitel 12, Kyklop, der Ort ist Barneys Kneipe, Christian Berkel, als Vorleser auf sich allein gestellt, baut sich gewissermaßen vor dem Hörer auf, wie mit breiten Beinen schwadronierend, er imitiert Stimmen, Rede und Gegenrede, den Schnösel, den Prahlhans, den Wutbürger. Er ist ganz Präsens. Er liest. Thomas Thieme dagegen ruft eine Erinnerung auf, da macht auch Josef Bierbichler mit, und aus dem Resonanzraum der Thiemestimme und der Bierbichlerstimme wird ein sagenhaft voluminöser Echoraum.

Lesung oder Hörspiel? Die Protagonisten sind sich einig, sie besingen ein Sprachkunstwerk. Im vorletzten Kapitel, Ithaka, torkeln Bloom und Dedalus zurück nach Hause. Die Rückkehr als Heimkehr lässt Dietmar Bärs Leopold Bloom zum Sachwalter schlichter Objektivität werden, zum durch und durch durchschnittlichen Vertreter der Menschenart. So verrichtet es auch Bärs Stimme. In seinem Schlepptau, im Sog des Gedankenstroms: Jens Harzer als Schriftsteller; er ist ein zarter Nachdenker. Dann, nachdem Bloom, vom Schlaf übermannt, vom Mutterschoß träumt, nachdem Bloom dahinschlummert, murmelnd von „Sinbad dem Seefahrer und Tindbad dem Teefahrer und Findbad dem Feefahrer“, heißt es noch einmal, und zwar ganz entschieden: „Ja“.

Ja, als Penelope vagabundierte vor zwanzig Jahren Barbara Nüsse über deutsche Bühnen. Die Unruhe, die sie mit ihrem zweistündigen Molly-Bloom-Monolog erregte, schlug sich nieder. Vom Ohralverkehr mit dem Publikum war damals zu hören. Traumverlorene Braut, Frustobjekt und kalkulierende Nymphe ist jetzt Birgit Minichmayrs Molly. Von ganzem Herzen lässt sich ihre Molly treiben, scheulos und ein wenig heiser, von einem der immer mächtiger anschwellenden Bewusstseinsströme der Literatur, ja. Geil ist Mollys Geist und ihr Fleisch hellwach. Beides hört man ihr an.