So eng war es auf dem RAW-Gelände im Juni 2019 zur Fete de la Musique.
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BerlinVor etwa einer Woche haben die ersten Berliner Clubs ihre Außenbereiche geöffnet. Schön fürs Publikum, schön auch für die noch weggesperrten oder ins Virtuelle umgezogenen Künstler. Aber zum einen verfügen nicht alle Clubs über Flächen, wie sie der Sage-Club oder das About Blank haben. Zum anderen: Könnte das eine Lösung für die existenzbedrohte Szene der Betreiber, Veranstalter und Konzertagenturen sein?

Johannes Braun vom Acud in Mitte, das über einen Dachgarten und Hof verfügt, sagt, dass es angesichts der Abstandsregeln „eher um die Community und nicht um Umsätze geht.“ Vom Selbstverständnis her ist das Acud mehr Kunsthaus als Club, mit teils geförderten Diskurs- und Workshop-Programmen. „Aber wir finanzieren den Betrieb und das Team – vier Angestellte und Honorarleute für Social Media und Booking – zum Großteil durch Getränke-Einnahmen“, so Braun. „Deshalb sind die Wochenend-Partys mit mehreren Hundert Leuten überlebenswichtig.“

„Nach aktuellem Stand“, sagt Andreas Oberschelp von der Konzertagentur Puschen, „müsste man die Besucheranzahl pro Stehkonzert um mindestens 90 Prozent reduzieren. Das geht nicht, weil man die Kartenpreise verzehnfachen müsste.“ Bis zum 31. Juli sollen die Clubs geschlossen bleiben. Pamela Schobeß vom Kreuzberger Gretchen weist darauf hin, dass das Datum noch mit dem Wörtchen „mindestens“ verbunden wird. „Wir waren die Ersten, die vom Lockdown betroffen waren, und wir werden die Letzten sein, die wieder aufmachen.“ Die Stimmung? „Desaströs.“

Schobeß betreibt ihre Konzert- und Partyvenue in der Obentrautstraße seit 2011 und engagiert sich zudem als Vorsitzende der Berliner Clubcommission, die etwa die Hälfte der rund 180 Berliner Clubs vertritt. Als Angehörige der Livekomm verhandelt sie auch auf Bundesebene. Das 30-Millionen-Paket, das der Berliner Senat gerade für private Kultureinrichtungen bereitgestellt hat, klingt erst mal nach viel Geld. Allerdings müssen sich das Clubs, Theater, Kinos und Museen teilen, und es wird außerdem nur an Betriebe mit mindestens zehn Angestellten ausgezahlt.  Da fallen in der Branche, die naturgemäß viele Teilzeitkräfte, Minijobber und Freischaffende beschäftigt, selbst etablierte Clubs wie das Gretchen durchs Raster.

Zwar war im März lobenswert schnell die gestaffelte Soforthilfe für kleine Betriebe beschlossen worden. Aber: „Dezember bis Februar sind sehr umsatzschwache Monate“, sagt Johannes Braun. „Da läufst du ins Minus, und das musst du dann eben in März und April wieder reinholen. Wo das nun wegfiel, saßen viele von uns jetzt eben auch noch auf diesen Verbindlichkeiten und mussten die Soforthilfe dafür investieren.“

„Das Erste, was ich getan habe, war zu stunden. Miete, Strom, Versicherungen“, erzählt Schobeß. „Aber das geht nicht mit allen Versicherungen und Posten wie Flügen oder der Auslandssteuer für Künstler. Und auch Stundungen müssen getilgt werden. Wenn das mal wieder aufläuft, kannst du dein Leben lang Mietschulden abzahlen.“ Rücklagen können die Clubs kaum bilden, die Kreditlage scheint aussichtslos. „Man arbeitet im Veranstaltungsbereich mit einem Prozent Umsatzrendite, bei uns lag sie deutlich darunter“, sagt Schobeß mit einem gequälten Lächeln. „Wir haben manchmal hohe Umsätze, aber ebenso hohe Kosten: Wir stecken alles ins Programm, die Gagen sind hoch, die Kosten riesig – das funktioniert nur über die Liquidität durch Veranstaltungen.“  

Auch Andreas Oberschelp konnte die erste Soforthilfe in Anspruch nehmen. Aber, sagt er, „sie deckt ja nicht alles und insbesondere nicht meine Arbeitszeit ab. Ich muss neben der normalen Booking-Arbeit nun auch noch aktuelle Konzerte absagen und neu planen – und wegen der Unklarheit der Aussichten oft in mehreren Versionen. Ich erwarte in den nächsten Monaten keinen Cent Einnahmen und hätte nicht einmal Zeit für einen Nebenjob.“ Dabei kalkuliert man nicht nur im Musikbereich mit Selbstausbeutung und Risiko. „Natürlich planen Clubbesitzer damit, dass sie auch draufzahlen, wenn sie noch unbekannte Künstler holen“, sagt Schobeß. „Aber das geht nur, weil wir im Gegenzug auch ausverkaufte Konzerte haben.“

Wie wichtig die Clubszene jenseits ihrer Bedeutung fürs Stadtmarketing oder städtische Steuereinnahmen – und natürlich auch für die Künstler – ist, lässt sich nicht zuletzt an der Resonanz auf deren Eigeninitiative ablesen. 450.000 Euro kamen über das auch auf internationale Clubs erweitere DJ-Programm „United We Stream“ zusammen, ein Projekt der Clubcommission.  Erfolgreich läuft außerdem das vom Fotokünstler Wolfgang Tillmans angezettelte „Between Bridges“, bei dem Künstler Postereditionen zur Verfügung stellen, die als Spenden über die Clubs verkauft werden können. Und es gab Unterstützung von Stammgästen und Fans für die jeweiligen Start-Next-Crowdfunding-Kampagnen von Clubs wie Gretchen oder Acud.

Schobeß findet es „total toll, wie viele von unseren Stammgästen E-Mails geschrieben haben wie: ,Ich habe grade zehn Euro gespendet, ich weiß, es ist nicht viel, aber ich habe selbst grade nichts.‘“ Auch Oberschelp war „gerührt von den vielen Anfragen, wie wir unterstützt werden könnten. Aber wichtiger ist es, die Clubs zu unterstützen: Ohne die Clubs können wir freien Veranstalter in Zukunft auch keine Konzerte durchführen.“ Johannes Braun nennt nicht nur die Solidarität und das Bewusstsein des Publikums für die Situation, die er jetzt spüre, sondern wagt eine Vermutung: „Womöglich gibt es da die nachhaltigere Erkenntnis, dass sich nicht alles der Profitmaximierung unterordnen lässt.“

Angesichts der positiven Signale gibt sich die Clubcommission verhalten optimistisch. Aber Schobeß sagt auch: „Man muss wirklich verstehen, dass dieses Ökosystem ohne Hilfen und Zuschüsse einfach komplett wegbricht.“