Auch zur „Staatsoper für alle“ strömten 2015 die Massen.    
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BerlinNein, es ist nicht wahr, dass alle nur noch Netflix gucken und sich gegenseitig auf Instagram folgen. Zumindest nicht in Berlin. Im Gegenteil nutzen rund 93 Prozent der Berliner und Berlinerinnen mindestens einmal im Jahr kulturelle Angebote im weiteren Sinne wie den Zoo oder Clubs, 73 Prozent davon auch klassische Formen wie Tanz oder Theater. 

Das sei im Vergleich mit anderen Großstädten eine ungewöhnlich hohe Zahl, freute sich Kultursenator Klaus Lederer am Montag, als er die ersten Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zur kulturellen Teilhabe in Berlin vorstellte. Und zwar in den Räumen der Stiftung für kulturelle Weiterbildung am Spandauer Damm. Diese senatsgeförderte Stiftung ist das Dach eines neu gegründeten Institut für kulturelle Teilhabeforschung, das die Umfrage durchgeführt hat.

„Repräsentative Bevölkerungsbefragung“ heißt, dass nicht nur Theater- oder Konzertbesucher am Ort des Geschehens nach ihren Gewohnheiten befragt wurden, sondern zufällig ausgewählte Personen angeschrieben wurden, denn besonders interessant sind für die Kulturpolitik ja jene, die kulturelle Angebote nicht oder kaum nutzen. Von den 3000 Berlinern, die in der zwischen Juni und Oktober 2019 durchgeführten Befragung angegeben hatten, in den vorangegangenen 24 Monaten keine hochkulturellen Veranstaltungen besucht zu haben, begründeten dies beispielsweise 64 Prozent damit, dass ihnen das zu teuer sei. Etwa die Hälfte fand die Angebote nicht interessant, 27 Prozent bräuchte eine Begleitperson und für 8 Prozent der Nicht-Nutzer sind die Angebote zu wenig inklusiv. 

Auch die Nicht-Nutzer scheinen mit dem Berliner Kulturangebot allerdings trotzdem insgesamt zufrieden zu sein: 94 Prozent aller Befragten gab diese Antwort. Die Angebote im direkten Wohnumfeld wurden indessen nur zu 60 Prozent als zufriedenstellend bewertet. Interessant ist, dass ein herkömmliches Kulturprogramm weder eine Sache der älteren Generation noch allein des Bildungsbürgertums zu sein scheint. Vielmehr sind – außer in klassischen Konzerten – offenbar alle Generationen vertreten. Und ein Drittel der Besucher und Besucherinnen hat kein Abitur. 

Spitzenreiter des kulturellen Interesses sind übrigens Kinobesuche (nur 18 Prozent gehen nicht ins Kino) sowie Rock-, Pop- und Schlagerkonzerte, die von 55 Prozent aller Befragten in den letzten 12 Monaten mindestens einmal besucht wurden. Für Kultursenator Lederer, der die Studie als „Pioniertat“ seiner Verwaltung pries, zeigte sich daran auch, „dass der klassische Kanon des Kulturverständnisses ein Stückweit aufgebrochen ist“.  Die Befragungen sollen zweijährlich wiederholt werden. Die Rolle digitaler Angebote wird bei der ersten Nach-Corona-Befragung sicher eine größere Rolle spielen.