Berlin - Wenn nicht wie derzeit Gerüste Fassaden und Eingangshof verstellen, ist die alte Staatsbibliothek Unter den Linden eine große Studie in Überwältigungsarchitektur. Hallen, Höfe, schwere Bronzetüren, gewaltige Treppenhäuser, hohe Foyers, dunkle Möbel: Alles in dem 1913 eingeweihten Bau ist eine Demonstration der Macht, die die Verfügung über Bildungsmittel wie Bücher verleihen kann.

Wie frisch gelüftet müssen in diesem Pomp einst, als sie der Öffentlichkeit übergeben wurden, gewirkt haben: 1967 der Allgemeine Lesesaal 1 für Geistes- und Sozialwissenschaften – damals als „Gesellschaftswissenschaftliche Lesesaal“ bezeichnet – und 1968 der darüber liegende Lesesaal der Musikabteilung mit seinem Katalograum. Es sind die einzigen historisch und ästhetisch relevanten Zutaten der DDR zur Architekturgeschichte der Staatsbibliothek, entworfen von deren Hausarchitekten Wolfgang Klinckert.

Eine der großartigsten Bibliotheksarchitekturen

Man betritt eine demonstrativ leichte Welt. Die Wände und Regale sind mit hellem, mattgelb schimmerndem Holz ausgeschlagen, in strengen Reihen stehen schlanke Tische mit Stahlgestell und wie schwebend aufgelegten, etwas angeschubberten hellen Holzfurnierplatten. Indirektes Licht fällt auf die Bücherregale. Eine zierliche Treppe aus weißem Beton und Holzstufen steigt zu den Galerien auf. Über ihnen sieht man die reichen Stuckdecken der Kaiserzeit, moderinistisch hellgrau gestrichen.

Der Ausbau der wissenschaftlichen Bibliotheken war der DDR nur sehr bedingt wichtig. Auch diese Säle sind, neben ihrer kunsthistorischen Bedeutung, vor allem das Zeugnis ihrer politischen Konkurrenz mit der Bundesrepublik. Seit den 1960er-Jahren forderte die DDR die „Rückgabe“ der ins hessische Marburg ausgelagerten Bestände der Preußischen Staatsbibliothek. Die Bundesrepublik entschied sich dagegen, direkt hinter der Mauer am West-Berliner Kulturforum einen Neubau zu errichten. 1967 gewann Hans Scharoun den Wettbewerb für eine der großartigsten Bibliotheksarchitekturen der Neuzeit. Die im gleichen Jahr entworfenen Säle in der alten Staatsbibliothek antworteten auf diese Herausforderung – auch mit ihrer Funktionsbestimmung: Im gesellschaftswissenschaftlichen Saal standen die Werke von Marx, Engels, Lenin und Ulbricht, und die Musikabteilung zeigte mit den Noten von Bach, Beethoven oder Mozart internationalen Anspruch.

Nur „historische“ Räume werden aufgearbeitet

Doch derzeit flimmern Billig-Energiesparlampen in den großen 60er-Jahre-Kronleuchtern aus weißen Glaszylindern, liegt schlichter Nadelfilz auf dem Boden und die Stühle könnten einem Ausverkauf entstammen. Offenkundig kümmert der Zustand die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht. Seit dem Umbauwettbewerb im Jahr 2000, der für das Projekt des Stuttgarter Architekten HG Merz entschieden wurde, sind sie zum Abriss vorgesehen.

In der alten Staatsbibliothek werden nämlich nur Räume, Ausstattungen und Möbel aufgearbeitet und mit moderner Technik versehen, die als „historisch“ gelten. Also der Kaiserzeit entstammen. Alle anderen Räume – also auch die Säle aus der DDR-Zeit – erhalten hingegen eine neue dunkle „Bücherschale“ mit Regalen entlang der Wände und mit Arbeitstischen im Zentrum. Das Raumkonzept bleibt also bestehen, die Gestaltung wird völlig verändert.

Eine Oase in DDR-Zeiten

Die Nachkriegsmoderne ist längst auch historisch geworden. Sollte man sie nicht aufheben? Der Architekt HG Merz wehrt jede Verantwortung ab: „Ich muss nicht überall meine Spur hinterlassen. Aber die Säle waren nicht eingetragen in der Liste des zu Schützenden.“ Im Bundesamt für Bauwesen, das die Bauarbeiten betreut, verweist man auf die Abstimmung mit dem Berliner Landesdenkmalamt. Das habe die Neugestaltung 2000 genehmigt. Die Sprecherin der Senatsbauverwaltung bestätigt: Diese Säle gehörten „nicht zum Originalbau von 1913“.

Doch unter Denkmalschutz steht nicht ein wie auch immer gearteter „Original“-Bau, sondern der Ist-Zustand. Gerade die Berliner Denkmalpflege besteht sonst darauf, dass die historischen „Schichten“ eines Gebäudes erkennbar bleiben müssen. Zumal diese Gestaltung ja nicht nur für die Geschichte des Kalten Kriegs und der Bibliotheken, sondern auch für die der Denkmalpflege stehen kann: Klinckert hatte ja sorgsam die kaiserzeitliche Architektur neben seinem neuen Interieur erhalten. Ein „stimmiger Kontrast“, wie Friedrich Dieckmann die Räume lobte. Wie viele Forscher und Intellektuelle erlebte er sie zu DDR-Zeiten als Oase.

Keine Feindschaft gegen die Nachkriegsmoderne

Der Verlust dieser beiden Säle wäre dennoch nicht so dramatisch, wenn er nicht in ein fatales Schema passte: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat seit 1990 fast ihr gesamtes architektonisches DDR-Erbes aufgegeben. Im Alten Museum wurde 1992 die elegante, 1966 eingebaute Haupttreppe herausgerissen; in der Alten Nationalgalerie fielen die nüchternen Nachkriegsrestaurierungen zugunsten einer kaiserlich prunkenden Gestaltung von HG Merz, im Bode-Museum wurden die Rekonstruktionen aus den 1950er-Jahren durch neue Rekonstruktionen ersetzt, in der Staatsbibliothek verschwand die Gedenktafel für Lenin spurlos, im Pergamonmuseum ist die 1950-er-Jahre-Dekoration des Vorderasiatischen Museums bis auf einen, inzwischen ebenfalls zum Abriss frei gegebenen Raum verloren, und im Nordflügel soll die Umgestaltung des Stadtbahnsaals bald fallen.

Bei dieser Damnatio Memoriae handelt es sich nicht um Feindschaft gegen die Nachkriegsmoderne generell. West-Berliner Museums- und Bibliotheksgestaltungen aus der Nachkriegszeit werden nämlich, wenn sie nicht funktionslos wurden, durchaus gepflegt, von der Staatsbibliothek Hans Scharouns über die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes bis hin zum Kunstgewerbemuseum Rolf Gutbrodts. Nach sämtlichen Regeln aller deutschen Denkmalgesetze sind auch Wolfgang Klinckerts Schöpfungen denkmalwürdig – wenn denn die Preußen-Stiftung nicht nur Preußen-Kult betreiben, sondern auch das Erbe der Moderne vertreten will.