Eine der wichtigsten Aufgaben von Bibliotheken, Museen und Gedenkstätten ist die Organisation unserer Erinnerung. Das gerade vergangene Jahr 2013 mit seiner kaum überschaubaren Flut von Projekten zum 60. Jahrestag der Machtübergabe an Hitler zeigte das par ecellence. Das begonnene Jahr, in dem weltweit an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert werden soll, wird eine Fortsetzung werden. Immer wieder geht es dabei vor allem um die Rolle, die einzelne Personen als Täter, Mitläufer, Opfer oder Widerständiger spielen.

Aber wie gehen solche Institutionen eigentlich mit der öffentlichen Erinnerung an ihre eigene Geschichte um? Eine kleine Umfrage unter den wichtigsten deutschen Museen und wissenschaftlichen Bibliotheken: Statuen, Büsten, Gedenktafeln, Bücher, Artikel, Festakte – wir interessieren uns für alles. Der Rücklauf der Umfrage war gut, ein erster grober Überblick kann gewagt werden.

In britischen und amerikanischen Museen und Bibliotheken findet man öfter Gedenktafeln, die an in Kriegen gefallene Kollegen erinnern. Ähnliche Tafeln oder Gedenkräume entstanden nach dem Ersten Weltkrieg auch in so mancher deutschen Schule, in Universitäten, Rathäusern, Ministerien, sogar bei Firmen wie Siemens oder der BVG. Sie dienten sicher, das betonte bis um 2000 der kritische Blick auf solche Erinnerungsinstrumente, der Heroisierung oft völlig unsinniger Tode. Sie waren aber auch Mittel, um die Institutionen einzustellen in die allgemeine Geschichte.

Auch in den Museen und Bibliotheken ist das Schicksal der einstigen Mitarbeiter oft gut bekannt. Hauszeitschriften memorierten etwa seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs detailliert, welche Mitarbeiter zum Kriegsdienst eingezogen wurden, welche verletzt, vermisst oder umgekommen waren. Im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem ist eine solche Tafel auch erhalten. Und vor dem Hamburger Bahnhof – der seit 1906 als Museum für Bau- und Verkehrsmuseum diente – erinnerte bis in die 1990er eine monumentale Skulptur an die im Krieg gefallenen Eisenbahner, zu denen auch Mitarbeiter des Museums gezählt wurden.

Doch dieses Denkmal verschwand auf Anweisung der Nationalgalerie-Direktion, als der Hamburger Bahnhof zum Museum für moderne Kunst umgebaut wurde, in den Depots des Deutschen Technik-Museums. Ein Sonderfall oder charakteristisch für den deutschen Kunst-Idealismus, der keine Verbindung zwischen Gewalt und Kultur zulassen will? Die Umfrage-Antworten jedenfalls konstatieren alle, man wüsste nicht, ob ein solches „Firmen“-Denkmal je existiert habe.

Mehr als willig unterworfen

Auffällig ist, wie wenig die aktive Rolle von Museen im Ersten Weltkrieg bisher erforscht wurde. Dabei waren Mitarbeiter der damaligen Königlichen Museen Berlins oder der Wiener Museen hoch engagiert im „Kunstschutz“ der deutschen, österreichisch-ungarischen und osmanischen Armeen, wurden für die Erforschung von Kriegsgebieten wie Palästina eingesetzt. Noch in den 1920er-Jahren wurden solche Taten auch stolz publiziert. Aber werden die großen Ausstellungen und Kongresse zum 1914-Gedenken auch diese Geschichten zeigen?

Anders sieht es inzwischen mit der Museums- und Bibliotheksgeschichte in der Nazizeit aus. Erste Studien zu einigen Häusern in Frankfurt, München, Wien, Linz, Hamburg, Bremen oder Berlin sind erschienen; zu Direktoren wie Hans Posse, der für Hitler das Kunstmuseum in Linz aufbaute, gab es gerade einen Kongress in Dresden. Der über Jahrzehnte in der DDR, der Bundesrepublik und Österreich gepflegte Mythos, diese Institutionen wären vor allem Opfer der antimodernen NS-Aktion Entartete Kunst, ist gründlich zerschlagen.

Nach 1933 unterwarfen sich die deutschen Museen und Bibliotheken mit ihren politisch oft erzkonservativen Direktoren und Mitarbeitern meist mehr als willig dem neuen Regime. Die Staatsbibliothek in Berlin und die Nationalbibliothek in Wien verteilten Bücher über das ganze Reich, die den europäischen Juden vor deren Flucht und Ermordung geraubt worden waren. Ausstellungen in vielen Stadtbibliotheken haben auch deren Täter-Rolle öffentlich gemacht. Ähnlich bereicherten sich viele Museen schamlos am Gut von Verfolgten.

Das Münchner Bayrische Nationalmuseum etwa beutete seinen ehrwürdigen Mäzen Alfred Pringsheim vor dessen Flucht regelrecht aus. Pringsheim verstarb vollkommen verarmt 1941 in Zürich. Die Ausstellung zu seinem Gedenken fand aber nun nicht etwa im Bayrischen Nationalmuseum, sondern im Münchner Jüdischen Museum statt. Pringsheim, der in der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik so sehr daran gearbeitet hatte, eben nicht mehr nur als Jude wahrgenommen zu werden, hätte das mit seinem legendär-spitzen Humor wohl recht scharf kommentiert. Bis heute erinnert keine Gedenktafel im Bayrischen Nationalmuseum an ihn oder andere verfolgte Mäzene.

Es wäre auch die einzige. Keines der befragten Museen und Bibliotheken erinnert irgendwie öffentlich daran, dass jüdische und politisch missliebige Kollegen nach 1933 umgehend entlassen wurden, dass Propaganda-Ausstellungen stattfanden, man das Eigentum Verfolgter erwarb, dass einstige Mäzene aus Fördervereinen geworfen wurden. So wie auch keiner der großen Fachverbände jemals um Entschuldigung bat für die Taten der meist auch nach dem Krieg weiter einflussreichen Direktoren und Kuratoren, für Denunziationen, zerstörte Karrieren und Lebensplanungen.

Viel lieber erinnert man sich der sehr, sehr wenigen Widerständigen oder verbindet sich mit ihrem Ruhm. Im Foyer der Berliner Staatsbibliothek etwa rühmt eine Statue Dietrich Bonhoeffer, dessen Nachlass sie übernommen hat. Schon seit DDR-Zeiten erinnert neben der Tür zum Berliner Naturkundemuseum eine schwere Erztafel an den Zoologen Walther Arndt, der am 26. Juni 1944 nach dem Verrat von hitlerkritischen Bemerkungen durch Arbeitskollegen im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet wurde. Und an den bedeutenden, 1944 ebenfalls ermordeten Museumspädagogen Adolf Reichwein erinnern in ganz Deutschland Straßen, Schulen und Vereine, eine Büste im Museum Europäischer Kulturen in Dahlem sowie der Kutter vor dem Meereskundemuseum in Stralsund.

Neues Ritual

Schon im 19. Jahrhundert gab es in so manchem Museum monumentale Stiftertafeln mit den aufgelisteten Namen von Mäzenen. In der Hamburger Kunsthalle überstand eine solche Stiftertafel mit jüdischen Namen sogar die Nazizeit – während gleichzeitig in Berlin die Raumbeschriftungen entfernt wurden, die an den großen Mäzen James Simon erinnerten. Der Baumwollgroßhändler war bis heute der wichtigste Stifter für die private Berliner Sozialfürsorge und die heutigen Staatlichen Museen. Seit der Begründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird seiner immer wieder gedacht, bis hin zur Büste im Saal der Nofretete-Büste und der Benennung des neuen Eingangsbaus zur Museumsinsel am Kupfergraben.

Damit wird aber nicht nur die mäzenatische Leistung Simons gewürdigt. Die Museen müssen auch seinen Erben bis heute zutiefst dankbar sein. Seit 1945 brechen sie nämlich ununterbrochen die Bestimmungen der Schenkungsverträge von 1904 und 1918. Bis 1939 waren entsprechend diesen Verträgen die italienischen und deutschen Sammlungen Simons in eigenen Räumen zu sehen. Heute sind sie verstreut in vielen Räumen. Selbst die einmalige Gelegenheit, anlässlich der Wiedereinrichtung des Bode-Museum im Jahr 2006 das berühmte Simon-Kabinett zu rekonstruieren, wurde von den Staatlichen Museen vertan.

Dennoch ist die immer wieder zu lesende Behauptung vollkommen falsch, Simon sei vergessen. Eher ist es so, dass die demonstrative Erinnerung an ihn das systematische Vergessen anderer großer jüdischer Mäzene verdeckt. Die in den späten 1980ern entstandene Untersuchung zu den jüdischen Stiftern der Berliner Museen von Cella Margaretha Girardet erfasste neben den Cousins James und Eduard Simon die Namen Gans, Friedländer–Fuld, Fraenkel, Glücksmann, Goldschmidt, Koppel, Liebermann, Meyer-Cohn, Mosse, Mühsam, Nabel, Salomon, Sigismund, Schwabach, Steinbart, Steinthal, Wassermann, Weinberg, Weisbach.

Sie aber tauchen allenfalls in den generellen Stiftertafeln auf. In keinem Berliner Museum gibt es Hinweise darauf, was mit den einst so umworbenen Mäzenen nach 1933 geschehen ist, wie die Museen mit ihnen oder ihren Erben umgingen, welche Objekte von ihnen gestiftet wurden.

Ganz anders handelt da das Städel-Museum in Frankfurt. Es erinnert quer durch das ganze Haus mit kleinen Tafeln an den einst gestifteten Objekten an seine Mäzene. Ein Schritt, um die Institutionen, die uns Geschichte vermitteln, selbst in diese einzufügen. Doch sonst fehlt in deutschen Museen und Bibliotheken allem bisherigen Überblick nach eine systematische Erinnerungspolitik, wie sie inzwischen selbst die Kassenärztliche Vereinigung zu Berlin mit ihrem schlichten Schaufensterdenkmal an der Masurenallee pflegt.

Was spräche also eigentlich dagegen, ab dem kommenden 9. November, an dem sich Weltkriegs-, NS- und deutsche Nationalstaats-Erinnerung verbinden, alle Objekte in allen deutschen Museen, die von Juden oder Widerständlern gestiftet wurden, in einem neuen Erinnerungsritual für einen Tag schwarz zu verhängen?