Der Pfeil trifft mitten ins Auge der Drohne, an einem Stahlseil zieht die Jägerin das metallene Insekt vom Himmel. Es ist ein triumphales Bild. Einsam steht die Frau in einer Landschaft, die man nicht anders als erhaben nennen kann. Gewaltige Felsformationen ragen aus einer endlos erscheinenden moosgrünen Ebene, Flüsse ziehen sich durch Geröllwüsten, weit entfernt schimmert das rote Dach einer Farm. Nichts deutet darauf hin, dass dieses Wunder Schauplatz eines lautlosen Krieges ist, des Kriegs gegen die Natur.

Die abgeschossene Drohne überwachte die gigantischen Stromleitungen, die den Himmel durchschneiden. Sie versorgen die vor Jahren implantierte, stromfressende Aluminiumindustrie. Denn Island ist gerade wegen seiner Ressourcen ein Billigstromland, ein Großteil des per Wasserkraft erzeugten Stroms wird in Aluminiumwerken verbraucht. Islands Bewohner protestieren dagegen, die Sängerin Björk machte sich schon 2010 zur Stimme des zivilen Widerstands.

Magischer Realismus

All das muss man nicht wissen, um diesen Film zu begreifen, der Regisseur Benedikt Erlingsson erzählt die Lage der Dinge unterschwellig mit, ohne in die Beschwörungen eines Kampagnenfilms zu geraten. Erlingsson ist ein Fabulierer und Spieler, kein Erklärer. Gezeigt hat er dies schon in seinem vorigen Film „Von Menschen und Pferden“, einem Porträt seiner weit verstreut lebenden und doch eng miteinander verbundenen Landsleute, die sich gegenseitig mit dem Feldstecher beäugen.

Wieder fand er in seinem Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson einen Verbündeten für seinen magischen Realismus, der den Mikrokosmos einer Erdmulde genauso brillant in Szene setzt wie ein Bergpanorama. Wie eine Reminiszenz an Brechts Episches Theater taucht immer wieder eine nostalgisch anmutende Musikergruppe auf, die Halla antreibt wie die Musiker der Banda Taurina den Torero in einer Stierkampfarena.

Neuer Maßstab für Heldinnen im Film

Die sanfte Ironie von Erlingssons Debüt aus dem Jahr 2014 durchzieht auch „Gegen den Strom“. Das macht die Heldin Halla (Halldóra Geirhadsdóttir) nicht kleiner als sie ist, im Gegenteil: Erlingsson hat mit seinem Film neue Maßstäbe für Actionheldinnen gesetzt. Alles was diese längst nicht mehr junge Frau tut, ist gut durchdacht, sie muss sich nicht mit engsitzenden Kampfanzügen für ihre Intelligenz entschuldigen. Sabotage, Singen, Dirigieren und Tai Chi. Alles kann sie.

Zudem ist sie dabei, eine einfühlsame Mutter zu werden – wie üblich steht aber auch hier die politische Tat im Widerstreit mit der Sorge um ein kleines Mädchen. Trotz aller Referenzen an ihre Kino-Schwestern aus dem David-gegen-Goliath-Genre ist Halla eine eigenständige Figur, und welche schauspielerische Kunst ihre Darstellerin beherrscht, zeigt sich in der Doppelrolle als sanftmütige Zwillingsschwester. Allein Gang, Mimik und Stimme machen bei identischer Physis tatsächlich eine andere Figur aus ihr.

Wie fast alle Actionheldinnen geht sie ihren Aufgaben eher wortkarg nach, nur ein Bekennerschreiben gerät ihr verräterisch blumig. Dass am Ende nicht der Heldinnentod wartet, macht diesen Film trotz seiner Verwurzelung in der Wirklichkeit vollends zu einer schönen Überraschung.

Gegen den Strom Island 2018. Regie und Buch: Benedikt Erlingsson. Darsteller: Halldóra Geirhadsdóttir, Jóhann Siguraarson, Davíð Þór Jónsson u.a., 101 Minuten, Farbe. FSK: ab 6. Der Film kommt am 13.12.2018 in die Kinos.