Berlin„Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz geht für Deutschland in das Rennen um die Oscars. „Ein sehr persönlicher Film mit großer, emotionaler Wucht“, urteilte die Jury am Mittwoch in München, die den Film unter zehn Bewerbern im Auftrag von German Films, der Auslandsvertretung des deutschen Films, ausgewählt hat. Julia Heinz sagt "Und morgen die ganze Welt" sei ihr persönlichster Film. Mala Emde spielt darin eine Jurastudentin, die sich der Antifa anschließt – so wie Julia von Heinz es selbst als junge Frau getan hat. 

Berliner Zeitung: Als ich Ihren Film gesehen habe, wurde mir bewusst, wie wenig Filme es über die Antifa gibt. Warum ist das so?

Julia von Heinz: Darüber habe ich lange nachgedacht. Ich glaube, es liegt daran, dass aus der Antifa einfach keine Filmemacher gekommen sind.

Außer Ihnen?

Ich bin die wohl einzige. Sonst gibt es nur ein paar Dokumentarfilmer. Einige haben Bücher geschrieben. Es gab auch eine Zeit, da war es nicht gut zu sagen, dass man bei der Antifa war. Und ich bin mir nicht sicher, ob das heute gut ist. Ich habe mich entschieden, damit jetzt offensiv umzugehen und zu gucken, was passiert.

Wie sind Sie zur Antifa gekommen?

Sehr prägend war, als Nazis in den 90er-Jahren sichtbar wurden.

Wann haben Sie Ihre ersten Neonazis gesehen?

Am 3. Oktober 1990 auf dem Bonner Münsterplatz. Als ich mit meiner Mutter zu den Feierlichkeiten kam, standen sie da in ihrer typischen 90er-Jahre-Montur mit weißen Schnürsenkeln, Glatze und Bomberjacke. Sie hatten Hakenkreuzfahnen. Das war ein Schock. Dann wurden sie immer sichtbarer. Wobei ich das nur aus einer Bonner Perspektive erzählen kann, also westdeutsche Provinz. Ich war früh alternativ und hippiemäßig drauf. An meinem 15. Geburtstag sind wir von Nazis überfallen worden. Wir saßen in der Rheinaue im Park, haben getrunken, Musik gehört, und da kamen zehn Typen und haben alles aufgemischt. Bei mir in Bad Godesberg gab es damals drei Antifa-Gruppen. Da hab ich mir eine gesucht, bin dann nach Bonn gewechselt und hab da zehn Jahre meines Lebens intensiv verbracht.

War das zu Hause ein Problem?

Überhaupt nicht. Der Vater meiner Mutter war jüdisch, sie hat uns früh Literatur zum Thema Faschismus gegeben, war oft in Israel. Die Nachwirkungen des Faschismus – das war zu Hause ein Thema. Aber so viel habe ich auch nicht erzählt. Vielleicht, um den Eltern keine Sorgen zu machen.

Wann ist denn die Idee für den Film entstanden?

Gegen Ende meiner politisch aktiven Zeit. Ich hab erst Jura studiert, wie die Protagonistin in meinem Film. Ich wollte linke Anwältin werden, habe ein Praktikum bei einem Berliner Anwalt gemacht, der viele Antifas vertreten hat.

Wer war das?

Tommy Herzog am Mehringdamm. Es gab viele Prozesse damals, in denen sich Antifas und Nazis gegenüberstanden. Wir sind nach Wittenberg gefahren, nach Bitterfeld. Aber ich habe Jura einfach nicht gepackt und bin dann autodidaktisch zum Filmemachen gekommen. Und da war ganz früh die Idee, dass nach den Flugblättern Film das nächste Medium zum Politikmachen ist. Anfang 2000 habe ich das erste Drehbuch geschrieben. Das hab ich noch zu Hause.

Mala Emde (M.) als Luisa in einer Szene des Films „Und morgen die ganze Welt“.
Foto: Alamode Film/dpa

Sind Sie sehr davon abgewichen?

Sehr. Damals drehte es sich um den Kaindl-Fall. 1992 ist Gerhard Kaindl, der Kassenwart der Republikaner, in einer Kneipe hier in Berlin erstochen worden. Man hat das der türkischen Antifa Genclik in die Schuhe geschoben. Daraus wollte ich einen Film machen. Aber das wäre damals ein flacher Film geworden, weil ich mein Handwerk noch nicht beherrschte. Es war gut, mit der Zeit einen ehrlicheren Blick auf das Ganze zu bekommen.

Warum ist Ihre politisch aktive Zeit eigentlich zu Ende gegangen?

2001 hat sich die bundesweite Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation aufgelöst. Linke Gruppen hatten sich über 9/11 zerstritten. Es gab Fraktionen, die 9/11 fast schon gutheißen wollten, weil es gegen den kapitalistischen Feind ging. Und es gab Leute, die gesagt haben: Moment mal, dieser Terror ähnelt Faschismus. Dann sind die Gruppen allmählich zerfallen. Gleichzeitig wurde man 30. Berufliche Fragen kamen näher, ich hatte zwei kleine Kinder. Das Leben hat einen eingeholt. Und da Antifa ein Fulltime-Job ist, hatte das keinen Raum mehr. Das war aber kein Bruch. Ich habe der Sache nicht den Rücken gekehrt.

Der Vater Ihrer Protagonistin Luisa zitiert Churchill: Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer mit 40 noch einer ist, hat keinen Verstand. Ist die Antifa nur eine Phase?

In der Intensität, mit der wir es gelebt haben, konnte es nur eine Phase sein. Die Beobachtung, dass in solchen Gruppen privilegierte junge Leute zusammenfinden, die durchaus auch ganz andere Möglichkeiten haben und diese vielleicht nicht riskieren wollen – das meine ich mit diesem etwas ehrlicheren Blick, den ich erst später entwickeln konnte. Zu fragen: Wie ernst war das denn alles gemeint? Ohne zu sagen, das sei weniger wertvoll. Ich habe immer versucht, unsere Anliegen in meine filmische Arbeit reinzubringen, und empfinde es als tiefes Glück, dass ich diesen Film machen konnte. In den letzten Wochen rutsche ich in die Rolle einer Aktivistin.

Zur Person

Julia von Heinz, geboren 1976 in Berlin, wuchs in Bonn auf. Ihr Jurastudium brach sie ab, machte in Berlin eine Ausbildung zur Diplomkamerafrau und war von 2005 bis 2006 künstlerische Mitarbeitern von Rosa von Praunheim.
Ihr Langfilmdebüt „Was am Ende zählt“ hatte auf der Berlinale 2007 Premiere. Sie leitet den Studiengang Regie, Kino- und Fernsehfilm der HFF München.

Wie meinen Sie das?

Weil ich so viel über dieses Thema spreche. Ich möchte die guten Seiten und das Wertvolle der Antifa betonen. Ich möchte bei aller Kritik einen liebevollen und wertschätzenden Blick auf sie werfen. Das ist keine Phase, die hinter mir liegt. Ich bin mittendrin.

Der Film läuft ja erst an, dabei wäre es interessant, zu erfahren, wie die Aktivisten von heute darauf reagieren.

Es hat Reaktionen auf den Trailer gegeben. Und die waren teilweise negativ. Ich würde die Hufeisentheorie bedienen, der Film sei heteronormativ. Ich glaube, dass sich diese Reaktionen noch mal ändern werden, wenn sie den ganzen Film gesehen haben.

Was ist die Hufeisentheorie?

Die besagt, dass es eine demokratische Mitte gibt und daneben rechte und linke Gewalt, die gleichermaßen schlecht ist. Das finde ich zynisch. Rechte Gewalt richtet sich gegen Menschen, die ein friedliches Leben führen wollen. Vielleicht in einem Haus in Mölln. Sie haben Kinder, gehen zur Arbeit, sie sind türkischer Herkunft und werden plötzlich Opfer eines Brandanschlags, weil sie einem Weltbild nicht entsprechen und deshalb nicht sein dürfen. Das ist rechte Gewalt. Linke Gewalt richtet sich in absoluten Ausnahmefällen gegen Menschen. Denn auch wer eine unmenschliche Ideologie verfechtet, kann sich morgen entscheiden, diese nicht mehr zu verfechten.

Wie weit darf man gehen im Kampf gegen rechts? Das ist die große Frage in Ihrem Film. Ist das die Frage, die die Antifa sich stellt?

Militanz ist ein großes Thema. Wann reicht ziviler Ungehorsam, wann Gewalt gegen Dinge, und wann muss man tatsächlich Gewalt gegen Menschen anwenden, um Schlimmeres zu verhindern. Diese Diskussionen werden weiter geführt.

Wann ist Gewalt gegen Menschen jemals gerechtfertigt?

Im Jahr 1945 war Gewalt gegen Nazis gerechtfertigt. Das ist ein Extrembeispiel, aber es ist auch ein gutes Beispiel, denn mit Diplomatie und Dialog wäre dieses unmenschliche System nicht zu beenden gewesen.

Man sieht in Ungarn, vielleicht auch in Polen und den USA, dass die Demokratie durchaus ans Ende ihrer Mittel kommen kann.

Zumal dann, wenn staatliche Organe mit rechten Strukturen zu sehr verbunden sind. Und darüber kriegen wir ja auch in Deutschland täglich neue Nachrichten: Waffen der Bundeswehr werden bei Razzien in rechten Strukturen gefunden, der Verfassungsschutz spielt beim NSU-Prozess eine rätselhafte Rolle.

Sie haben Mölln erwähnt, der Brandanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser war 1992. Zu der Zeit waren auch in Ostdeutschland Neonazis sehr aktiv. Hat Sie das auch beschäftigt?

Rostock-Lichtenhagen war ein einprägsames Erlebnis, weil da am zweiten Tag viele Nazis aus Westdeutschland hingefahren sind. In vollen Reisebussen. Bonner Nazis haben sich ins Auto gesetzt, sind dahin und haben mitgemacht. Ein bekannter Bonner Nazi hat uns ins Antifa-Büro eine Postkarte geschickt: Viele Grüße aus Rostock-Lichtenhagen.

Ihre männlichen Protagonisten sind ziemliche Machos. Ist das typisch?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in so einer Gruppe patriarchalische Strukturen reproduziert werden. Aber es ist heute besser. MeToo ist auch bei der Antifa angekommen.

Sie als Regisseurin haben sich in einer Männerwelt durchgesetzt. Wie geht das?

Ich bin Autodidaktin und musste immer schon selbst dafür sorgen, dass etwas geschieht. Weil ich in keinen Netzwerken oder Strukturen war, konnte nur das passieren, was ich selber gemacht habe. Mir war früh klar: Wenn du einen Film machen willst, kannst du dir das nur selber holen. Das kann man auch den Studentinnen nicht früh genug beibringen: Dass sie bitte nicht darauf warten sollen, dass jemand sie einlädt, Regisseurin zu werden. Denn es gibt keine Lücken. Man muss sich da selber reinkämpfen.