Ach, „früher war alles so schön einfach./ Heute ist alles nur so zweifach! So mehrfach! So schwerfach!“ Tonio wiegt sich im Alla-breve-Takt seiner schweren Gedanken, drei virtuose Multinstrumentalisten mit zerknautschten Zylindern auf den Köpfen lugen aus zwei Bodenlöchern hervor und spielen dazu, doch viel Zeit bleibt Tonio nicht mehr.

Hinter der Papptür neben ihm macht sich Erna zurecht, denn gleich soll es „ernst werden“ zwischen den beiden in diesem Hotelzimmer. Nicht dessen wackelige Kulisse irritiert Tonio, schließlich hopsen beide schon seit zweieinhalb Revue-Stunden durch diese verrückte Welt aus Kopie, Parodie, Slapstik und heißer Luft. Erna irritiert, denn wer ist schon „Erna“!

Ramponierte Fabrikantentochter

Zu Beginn des Abends stellte sich die kesse Vidina Popov mit blonden Korkenzieherlöckchen dem befrackten Galan noch als „Evelyne“ vor, reiche Fabrikantentochter, gute Partie. Dann gab es einen Knall, sein Auto fuhr gegen den Baum, Evelynes Frisur und Kleid waren ramponiert und sie gab sich ihm als „Erna“ mit Schulden zu erkennen.

Beide suchten darauf Hilfe im Verbrecher-Keller Pinke, später beim Generaldirektor Panke und schließlich landeten sie im Hotel. „Will man aber nun ein Leben lang Erna Schmidt am Hals haben?“ Nein. Und deshalb schlägt Toni − der zwar selbst nicht der Millionär Toni ist, sondern Chauffeur Alfred und noch eigentlicher der sich grandios abrackernde Schauspieler Jonas Dassler − deshalb schlägt er nun also einen furiosen Salto und haut ab.

„Dreigroschenoper“ für Besserverdiener 

Vorbei ist der Verkleidungsklamauk „Alles Schwindel!“ damit noch nicht. Der schmissige Salto-Abgang aber zeigt so etwas wie den inhaltlichen und artistischen Kern des gnadenlos auf Unterhaltsamkeit getrimmten Theaterstile-Zirkus, den Regisseur Christian Weise im Gorki-Theater gebastelt hat.

Schon als der Komponist Mischa Spoliansky und sein Librettist Marcellus Schiffer die „Burleske“ 1931 am Kudamm herausbrachten, mochte, wer ein bisschen rumkam in der Stadt, die süffig-ironische Gesellschaftsrevue als eine Art weichgespülte „Dreigroschenoper“ für Besserverdiener erkannt haben. Noch heute klingt das durch, vielleicht auch weil Weise den „Schwindel“ noch ein bisschen netter auftupft.

Die Bühne als Kameragehäuse

Er nimmt ihn nicht zuerst als Ausdruck der Undurchschaubarkeit von Wahr und Falsch, deren wüster werdende Instrumentalisierung die Weimarer Republik mittlerweile wieder ans Heute anschließt, sondern eher kinetisch: als Verlust des Gleichgewichts, „Vertigo“.

Hitchcock ist auch der erste Gedanke, den Julia Oschatz’ Bühne ausstreut, die als fünffach verschachteltes Gehäuse eines Kameraobjektivs die Bühne rahmt und den Blick dorthin lenkt, wo sonst die Linse sitzt, hier eine Bühne auf der Bühne: Bild- und Spielgenerator, der die Schwerkraft aufhebt.

Rutscht besser mit Sekt

Berlin-Comics erscheinen dort im Satirestil des „Simplicissimus“ sowie dem Formenhaushalt von Oskar Schlemmer bis Mondrian entsprungen. Und die üppig ausgestopften, schrill überzeichneten Figuren − neben Tonio und Evelyne treten ein Dutzend Verbrechertypen als Bürger auf − witzeln und turnen sich durch die verdrehten Stadt- und Lebensbilder wie durch den Märchenwald. Ein beschwipstes Silvester-Spektakel, das am besten rutscht mit zwei Sekt intus. Wohl bekomm’s.

Alles Schwindel, 22., 26., 30., 31. 12., 19.30 Uhr, Gorki-Theater, Tel: 20221115