Michael-Glinka-Büste auf dem russischen Friedhof in Reinickendorf. 
Foto:
imago images/Jürgen Ritter

BerlinIn Charlottenburg gibt es einen U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz. Seltsamerweise hat noch niemand gefordert, dass dieser Bahnhof samt der anhängenden Straße umbenannt wird, weil der Namensgeber einer der aggressivsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts war. Der arme Michail Glinka dagegen, der ein paar blöde, dem üblichen antisemitischen Ressentiment folgende Bemerkungen gemacht haben soll, wird nun als neuer Namenspatron des U-Bahnhofs Mohrenstraße ausgeschlossen, als gälte die Ernennung ihm als hauptberuflichem Antisemiten.

Auch die Vorgänge um einige Benennungen nach Ernst Moritz Arndt – in Greifswald die Universität, in Berlin eine Kirchengemeinde – haben es gezeigt: Antisemitismus wird mit zweierlei Maß gemessen. Sind die Antisemiten kulturell entbehrlich wie der in Deutschland kaum gespielte Glinka und der längst nicht mehr gelesene Arndt – dann ist ihr Antisemitismus offenbar ein zentrales Merkmal ihrer Person, dann sind sie überhaupt nur noch insofern erinnerungswürdig, weil sie antisemitisch herumgefaselt haben.

Bei Wagner oder Luther hingegen kann man den Antisemitismus offenbar hinnehmen, so widerwärtig er sich bei ihnen auch artikuliert. Hier wird offenbar gewogen: Was bedeutet eine Person für die deutsche Identität, was bliebe vom deutschen Selbstverständnis übrig, würde man ihre Verdienste in den Schatten ihres grauenvollen, psychopathischen Judenhasses stellen? Mit beiden kann man zudem erinnerungskulturell oder gar durch Aufführungen gute Geschäfte machen, mit Arndt oder Glinka nicht.

Ohne die Leistungen Luthers oder Wagners ist die Geschichte nicht zu verstehen, aber das Wissen um ihren Antisemitismus muss dieses Verstehen immer begleiten. Der Wagnerianer, der sich nur an der Musik berauscht, ist eine verantwortungslose, ekelerregende Figur. Aber das gilt auch für den Antisemitismus als Ganzen: Man kann ihn sich nicht aus der Geschichte hinwegwünschen.

Die Benennung eines U-Bahnhofs ist eine praktische Angelegenheit, sie richtet sich nach der Straße in der Nähe, sie setzt Glinka kein Denkmal. Insofern wäre die Benennung des Bahnhofs nach Glinka eine Gelegenheit, das Differenzieren zu lernen, statt immer nur im zeitgeistigen Reflex zu reagieren. Die Gestaltung des Bahnhofs könnte dazu einen Beitrag leisten: Wer war Glinka, was hat er gesagt, warum, was soll das? Und das gleiche sollte im U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz geschehen.