Immer noch im Stadtbild: der Briefkasten
Foto: Imago Images/Christian Ohde

BerlinDer handgeschriebene Brief liegt im Todeskampf, Telefon, Internet und schnell getippte Mails haben ihn auf dem Gewissen. Wieder zum Leben erwecken soll ihn jetzt der heutige Welttag des Briefschreibens. Doch kann das wirklich klappen? Ich habe kaum Hoffnung. Obwohl die Berliner Zeitung tatsächlich noch handgeschriebene Leserbriefe bekommt. Aber es werden immer weniger, die meisten Leser schreiben uns inzwischen Mails.

Zugegeben, Briefe von Freunden und Verwandten sind mir persönlich hochwillkommen, gierig nehme ich sie aus dem Kasten, reiße sie schon auf der Treppe auf, freue mich an dieser so persönlichen Äußerung. Doch selber welche zu schreiben – dazu habe ich meist keine Lust. Zu langwierig, zu anstrengend ist es mir, vorsichtig den Füllfederhalter oder Filzstift balancierend, fein ordentlich Buchstaben zu kreieren. Sonst kliere ich nur schnell mit unordentlicher Schrift in meinem beruflichen Notizblock. Doch das muss ja keiner entziffern können außer mir.

So ein richtig schicker eleganter Brief, auf reinweißem Bütten oder gar veilchenblauem feinen Papier, sorgfältig per Hand aufnotiert, den Text ausführlich mit vielen Facetten be- und erdacht, hat auch global betrachtet längst seine besten Tage hinter sich. Die ersten Einbrüche in der seit dem 18. Jahrhundert für immer mehr Privatleute üblichen Briefeschickerei gab es mit der Erfindung des Telefons Ende des 19. Jahrhunderts. Schnattern in den Hörer schlug gelenkbelastendes Führen eines Stiftes, freies Assoziieren geordnetes Denken.

Wobei, Briefe sind etwas Sympathisches. Viele meiner größten Leseerlebnisse verdanke ich Romanen in Briefform. Unvergesslich ist mir „Julie oder Die neue Heloise“ von Aufklärer Jean Jacques Rousseau aus dem Jahr 1761. Habe ich es sonst nicht so mit romantisch-schwülstigen Beschreibungen, trieb mir diese Schilderung einer unerfüllten Liebe doch Tränen in die Augen. Es geht um ein Paar aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, das aus Standesgründen nicht zusammenkommen darf. Leseprobe: „Nein, du köstlicher Quell meines Wesens, keine andere Seele als die deine werde ich fürder haben; ich werde nichts mehr sein als ein Theil von deinem Ich, und in der Tiefe meines Herzens wirst du ein so süßes Dasein finden, daß du nicht fühlen sollst, was dein eigenes an Reizen verloren hat.“ Das Buch war ein Bestseller damals, die Leserinnen und Leser lechzten danach; klappte es zeitweise  nicht mit dem Nachschub, liehen es die Buchhändler stundenweise aus.

Als „außergewöhnliches Geschenk für einen besonderen Menschen“ beurteilt Dr. Veit Didczuneit, Abteilungsleiter Sammlung im Museum für Kommunikation Berlin, handgeschriebene Briefe. Wie er sagt, stärken von Hand gefertigte Briefe die Gemeinschaft, beweisen Hinwendung, eröffnen größere Möglichkeiten, Empfindungen auszudrücken und erhalten die Freundschaft. Es liegt mitunter aber auch etwas Beängstigendes in deren routinierter Form.

In dem Brief etwa, den mitten in der Stalingrader Kriegshölle ein Anton Böhrer mit regelmäßiger, ausgeglichener Schrift am 15. März 1943 an seine Schwester schrieb: „Nun wollen wir hoffen, daß wir in diesem Jahr noch ein kräftiges Lebewohl dem Osten sagen können u. uns unseren anderen Feinden zuwenden können, damit wir bald den Endsieg feiern können.“ Ein Dokument der Verblendung. Gerhard Limpach indessen schrieb in engen Zeilen: „Von dort kommt doch keiner mehr zurück. Dieser ganze Kampf gegen Rußland ist doch furchtbar.“

Etwa 200.000 von Hand verfasste historische Privatbriefe bewahrt das Museum in Depot und Ausstellung auf. Mehr als die Hälfte davon sind solche Feldpostbriefe aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Sie zu lesen hat Konjunktur. Online tun das auf www.briefsammlung.de monatlich rund 8000 Neugierige.

Anrührend und bedenklich stimmend ist der Höhepunkt der Ausstellung: die abgeschabte, braunlederne Brieftasche von Soldat Hans Schröder. Prall gefüllt, unter anderem mit Briefen seiner Familie. Sie fing – getragen in der Brusttasche der Uniform während eines Gefechts in Frankreich – ein Metallgeschoss ab. Briefe retteten hier ein Leben im Ersten Weltkrieg. 

Nun denn, lieber handgeschriebene Brief und lieber australischer Künstler Richard Simpkin, der den Welttag des Briefschreibens 2014 ausrief: Die Zeiten ändern sich, man kann sie nicht festhalten. Also ruhe in Frieden oder „RIP – rest in peace“, wie es modern heißt. Ich werde dich in liebevoller Erinnerung behalten und manchmal im Museum besuchen.