Paula Beer spielt die geheimnisvolle Kunsthistorikerin Undine, die mit ihrem Exfreund Johannes (Jacob Matschenz) noch eine Rechnung offen hat.
Foto: Christian Schulz/Schramm Film

BerlinAls Berlin Hauptstadt des Kaiserreichs war und jedes Jahr um die Einwohnerzahl einer Kleinstadt wuchs, baute der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann ein Museum, das bei seiner Eröffnung 1908 als modernstes seiner Art galt. Der zwei Innenhöfe umschließende Backsteinbau im Köllnischen Park in Mitte, nah an der Spree, ahmt historische Baustile nach.

Renaissance und Mittelalter, zum Teil nach Vorbildern wie dem Bergfried der Bischofsburg in Wittstock, wurden hier zusammengefügt, als hätte jemand den Inhalt unterschiedlicher Steinbaukästen kombiniert. Dies alles, um die Ausstellungsstücke in jeweils passendem Rahmen zu präsentieren. Eine Inszenierung, um Vergangenes nachzuempfinden. Ein Architekturführer aus den Neunzigerjahren nennt es „romantische Milieutheorie im Museumsbau“.

Ausgelotete Romantik

Christian Petzold lässt seinen Film „Undine“ an diesem Ort beginnen, an einem Ort, der Vergangenheit simuliert, aber doch als etwas Gemachtes offenbart. Und weil Petzold hier, wie fast immer in diesem Film, auf eine Totale verzichtet, dauert es eine Weile, bis man den Ort erkennt. Mit seiner Mittelalter-Montur verweist er auf die Romantik, die streckenweise mittelaltersüchtig war. Aber eben nicht nur. Und mit der Romantik hat es Petzold in diesem Film, er lotet sie aus, wirft seine Netze und bringt am Ende einen wunderbaren Fang zutage.

Am Anfang aber sindnur dieser gepflasterte Hof, viel Backstein, eingehegte Rasenstücke, und eine Ruhe und Menschenleere, die auf irgendeine kommode Stadt außerhalb touristischer Pfade verweist. Dabei ist das Märkische Museum ein viel frequentierter Ausgangspunkt für Besichtigungen. In einer steinernen Halle stehen Stadtmodelle Berlins. Sie versprechen jenen Überblick, der draußen nicht möglich ist.

„Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten“

Zu Beginn also zeigt Petzold ein Paar, das im nächsten Moment keines mehr ist. Ein Mann nutzt die kurze Arbeitspause seiner Freundin, um ihr zu sagen, dass es aus ist. Undine (Paula Beer) weint, der Mann, Johannes (Jacob Matschenz) sagt, sie habe es doch wissen müssen, als er am Telefon sagte: „Wir müssen uns treffen.“ Doch Undine hat den Gegenbeweis, die Mailbox, „Ich muss dich sehen“, hätte er gesagt. Solch ein Satz verspricht etwas ganz anderes, da hat sie recht, aber was nützt das Rechthaben, wenn man nicht geliebt wird? Und dann sagt Undine diesen aus einem romantischen Märchen entlehnten Satz: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten, das weißt du doch.“

Mit der Antwort des Mannes „Lass den Scheiß“ ist man wieder ganz in der Gegenwart, das bleibt auch so, als die junge Frau gleich darauf wieder ihre Berufsrolle ausübt, sich effektvoll von der Treppe herab als promovierte Kunsthistorikerin vorstellt und das Stadtmodell erläutert. Mit deutlich wertenden Worten. Ganz offensichtlich unterläuft sie die kühle Rationalität der Modelle. Den Anschein von planvoller Dynamik, von Zukunftsgewissheit. Eine Romantikerin?

Eloquenz und Schweigen

Was ist das für eine, diese Undine mit dem hugenottischen Nachnamen, der noch einmal auf ihren Ursprung aus der Literatur verweist? Die „Undine“ aus dem romantischen Märchen von Friedrich de la Motte-Fouqué, eine Nymphe, zur Familie der Elementargeister gehörend, wird Mensch durch die Liebe eines Ritters, doch als er sie betrügt, nimmt sie Rache. Diese dem Mythos abgerungene männliche Fantasie konterkarierte Petzold Jahrzehnte später mit Ingeborg Bachmanns Text „Undine geht“. Fern von allen Selbstermächtigungstexten hält hier ein weibliches Ich eine Rede an die Männer. „Ihr Ungeheuer mit euren Frauen!“ heißt es da einmal. Undine liebt anders, weil sie nicht kannte, was die anderen Frauen kennen, „keine Forderung, keine Vorsicht, Absicht, keine Zukunft“. Es wäre zu einfach gewesen und auch zu platt, Paula Beer diese großen Sätze sprechen zu lassen. Sie sind der Futterstoff, der verborgen bleibt, aber doch spürbar ist. In der Wortgenauigkeit ihrer Undine, ihrer Eloquenz und in ihrem Schweigen.

In Petzolds Werk nimmt das Thema des Verrats einen zentralen Platz ein, es gibt die verratene Frau in „Phönix“, den Verrat der Frau in „Jerichow“, und den Verrat eines Staates in „Barbara“. Immer sind es die Frauenfiguren, die einer Inbesitznahme durch einen Mann, durch ein System, entkommen wollen.

Paula Beers Undine hat einmal Glück. In eben jenem Museumscafé, in dem ihr früherer Freund sie verlassen hat, lernt sie Christoph (Franz Rogowski) kennen, einen Industrietaucher. Er hatte ihrem Vortrag im Museum zugehört, sehr bald lassen sie einander in ihr Leben. In Bildern von großer suggestiver Kraft zeigt Petzold die Unterwasserwelt eines Stausees, der etwa zur selben Zeit gebaut wurde wie das Märkische Museum. Die Aufnahmen entstanden in einem großen Becken in Babelsberg, der riesige Wels ist eine Animation, und doch schafft Petzold hier eine berückende Parallelwelt in milchigem, bläulichem Licht.

Verrat am Unergründlichen

Mit diesem Paar entwirft Petzold ein Liebesideal, das sich in „Transit“ nicht verwirklichen konnte. Paula Beer und Franz Rogowski   einander ähnlich in Empfindlichkeit und Direktheit, unfähig das Falsche zu ertragen. In seiner schweren Taucherausrüstung sieht Christoph wie ein Ritter aus, Petzold spielt fast kindlich mit Märchenmotiven, und doch ist „Undine“ alles andere als weltabgewandt.   In einer langen Plansequenz, in der das Paar in eine Bettdecke gehüllt durch Undines kühles Interims-Appartement wandert, übt Undine ihren Vortrag für das Humboldt-Forum.

Wie Petzold hier den seiner Meinung nach äußerst fragwürdigen Umgang mit Geschichte einschleust und ihn von der Liebe gleichsam überwältigen lässt, wird sich ins Filmgedächtnis einschreiben. Undine hat keinen Platz in einer die Geschichte ausradierenden Welt. Das ist der andere Verrat, der alles überwölbt und nach sich zieht.   Der Verrat am Unergründlichen, am nicht Funktionalen. Insofern ist „Undine“ auch der Rettungsversuch eines luziden Romantikers.