Berlin - Am vergangenen Montag stimmten Israel und seine Schutzmacht USA sowie, neben elf anderen Staaten, auch Deutschland gegen die Aufnahme Palästinas in die Weltkulturorganisation Unesco. Die Hauptargumente: Palästina sei kein richtiger Staat und eine Aufnahme zum jetzigen Zeitpunkt störe die Friedensverhandlungen mit Israel. Auch sei der Antrag Palästinas zur Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen noch nicht bewilligt, erst danach könne über die in ihren Organisationen entschieden werden.

107 Staaten, darunter Frankreich und Norwegen – seit den Oslo-Verhandlungen ein wichtiger Vermittler im Nahen Osten –, stimmten dem Antrag Palästinas zu. Fünfzig Staaten, darunter Großbritannien, enthielten sich. Nun wird debattiert darüber, dass Europa sich uneins sei wie selten. Kaum gesehen wird aber die historische Amnesie hinter den jeweiligen Entscheidungen.

Zwar feiert man in diesen Tagen den 65. Jahrestag der Arbeitsaufnahme der Unesco. Und es wird daran erinnert, dass die Bundesrepublik und Japan, neben den USA die größten Beitragszahler, seit 60 Jahren Mitglieder sind. Vergessen aber scheint: Die Aufnahme dieser beiden Staaten im Sommer 1951, nur sechs Jahre nach dem Ende des Kriegs, in die Unesco war eine Sensation, durchaus vergleichbar derjenigen von Palästina heute.

Auch die Selbstständigkeit der 1949 begründeten Bundesrepublik wie die Japans, das erst 1952 von der Militärherrschaft der USA und Großbritanniens befreit wurde, war stark eingeschränkt: In beiden Ländern standen wie in Palästina heute ausländische Truppen. Beide hatten kein eigenes Militär und beider Grenzen waren nicht abschließend festgelegt. Beide befanden sich zwar auf dem Weg zur Demokratie mit neuen Verfassungen und Wahlen.

Frauenrechte aber waren weiterhin nur versprochen, Bildungschancen ungleich verteilt. Minderheiten, seien sie sozialer, kultureller, ethnischer oder gar sexueller Art, wurden kaum oder gar nicht geschützt. Vor allem aber waren Deutsche und Japaner durch ihren Krieg gegen die Welt immer noch diskreditiert, so wie viele Palästinenser bis heute als Terroristen gelten.

Chance zur Integration

Dennoch stimmten 1951 sogar Polen, die UdSSR und die Tschechoslowakei, die sich lange mit dem Verweis auf die vielen Opfer im Weltkrieg und die ungeklärten Grenzen vehement gewehrt hatten, für eine Aufnahme der Bundesrepublik. Nur Argentinien, Birma und die Philippinen enthielten sich. Alleine Israel stimmte dagegen: Die Wunde des Holocaust stand noch weit offen, erst 1952 begannen Zahlungen aus den Wiedergutmachungsfonds, und erst 1965 konnten wenigstens die diplomatischen Beziehungen normalisiert werden.

Der Rest der Welt aber gab Deutschen und Japanern trotz vieler ungeklärter Kriegsverbrechen die Chance, sich wieder in die Weltgemeinschaft zu integrieren. Das nämlich war die Aufnahme in die Unesco immer auch: Die Bewährungsprobe, ob Gesellschaften und Staaten in der Lage sind, die zivilen Rechte ihrer Bürger, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit und den freien Zugang zu Bildung und Kultur zu garantieren.

Sicherlich geschah das 1951 auch aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül. Vor allem aber war eine historische Erfahrung prägend: Das Desaster des Versailler Vertrags von 1919. Dieser hatte mit Gebietsabtretungen, Reparationen, Besatzungsregimes, dem Kriegsschuldparagraphen und der jahrelangen kulturellen Isolation die militärische Niederlage Deutschlands erst zu einer nationalen Demütigung gemacht. Versailles war zweifellos eine der Ursachen für Hitlers Aufstieg und damit den Zweiten Weltkrieg. Die Lehre der Alliierten daraus nach 1945 war: Schnelle Integration der Verlierer.

Die Unesco war in ihrer Arbeit nie frei von politischen Interessen. In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Entkolonialisierung der 1960er-Jahre entwickelte sie sich zu einer Anklagebank, auf der die neuen Staaten Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens gegen „den Westen“ polemisieren konnten. 1974 wurde Israel auf Druck der arabischen Staaten sogar ausgeschlossen: offiziell wegen der völkerrechtlich illegalen Ausgrabungen am Tempelberg in Jerusalem, tatsächlich, um den Staat als solchen zu delegitimieren.

Zwar wurde Israel 1977 wieder aufgenommen, doch 1984 traten unter Ronald Reagan die USA wegen der grassierenden Korruption in der Unesco und der ständigen Angriffe auf ihre Politik aus. Erst 2001 erneuerten sie ihre Mitgliedschaft. Die Unesco war effizienter, nach dem Ende des Kalten Kriegs auch weniger polemisch geworden. Vor allem aber sahen die USA sie nun wieder als ein Instrument, um für das eigene kulturelle und gesellschaftliche Modell zu werben.

Mit eigener Stimme

Übertragen auf Palästina hätten diese Erfahrungen also gerade Deutschland dazu bringen müssen, sich wenigstens der Stimme zu enthalten. Dass Israels rechtsnationale Regierung – nicht etwa die israelische Gesellschaft, wie die scharfe Debatte über das Vorgehen in der Unesco auch dort zeigt! – den Antrag Palästinas als Delegitimationsversuch bewerten würde, war zu erwarten.

Schließlich können nun die Palästinensern erstmals mit eigener Stimme auf die Verletzungen des Kultur-Völkerrechts durch Israel hinweisen. Schon seit 1982 stehen die osmanischen Stadtmauern Jerusalems auf der Liste des gefährdeten Welterbes. Kürzlich versuchte die Regierung Israels, die in den Palästinensergebiten liegenden, von Juden wie Muslimen verehrten Patriarchengräber in Hebron und das Grab Rachels zu israelischen Nationalgütern zu erklären.

Das nächste Konfliktfeld ist schon absehbar: Die palästinensische Autonomiebehörde wollte bereits vor einiger Zeit die Geburtskirche Jesu in Bethlehem und den alten Pilgerweg von Jerusalem auf die Liste des Welterbes eintragen lassen. Nun kann sie dies tun. Und dabei nachweisen, ob sie in der Lage ist, etwa die Rechte der christlichen und der jüdischen Minderheiten in ihrem Einflussbereich zu wahren.

Die Bundesrepublik Deutschland, die 1972 in die Unesco aufgenommene DDR und Japan wurden übrigens erst 1974 auch Vollmitglied der Vereinten Nationen – nach mehr als 20-jähriger Bewährungzeit.