Ungeklärte Herkunft der Tweets: Was hat das Berliner Ensemble bei Twitter verloren?

Bevor wir die Angaben prüfen und sie sich möglicherweise als anfechtbar erweisen, wollen wir sie − allein auf Grundlage der eigenen Erfahrungen − bestätigen und unbedingt vermelden: Zweiundsechzigeinhalb Prozent der Frauen finden bei Männern das Hobby „Theater“ attraktiv. Es folgen: „Fitness“ (54,7%), „Heimwerken“ (50,5%) und „Musik“ (46,8%). Noch weiter hinten: „Surfen“ (19,5%), „Fahrzeugtuning“ (5,7%) und als Schlusslicht „PC-Spiele“ (mit immerhin noch 3,4%).

Nur mit „Kochen“ (79,4%) kann man noch mehr punkten. Spüre ich da Zweifel beim Leser? Will er diese schöne Wahrheit nicht mal einfach so hinnehmen? Sondern es genauer wissen? Frauen welchen Alters? In welchem Sinne „attraktiv“ − eher sexuell oder eher brutpflegerisch und versorgungstechnisch? Wieso kommen attraktive Hobbys wie „Tanzen“ oder „Zeitunglesen“ in der Statistik nicht vor? Woher will der Autor das überhaupt wissen? Schließlich geht er ja nicht hobbyhalber, sondern dienstlich ins Theater.

Tja, dann werden wir allein mit der Nennung der Quelle alle Zweifler in betretenstes Schweigen versetzen. Das in statistischen Belangen hochsolide Berliner Ensemble hat diesmal kein triumphales Fax mit Auslastungszahlen und Einnahmen rausgeschickt, sondern das obige vielsagende Zahlenwerk über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. Als Donnerstagmorgengruß. Immer noch Fragen?

Ja, das Berliner Ensemble twittert! Seit über einer Woche schon. Termine werden durchgegeben, Bilder verschickt, es gibt ein lustiges Phrasen-Bingo aus der Kostümabteilung. Wir hätten es fast nicht mitbekommen, aber die dynamischen Kollegen von Nachtkritik.de haben die Tatsache, dass das BE via Twitter kommuniziert, ihrerseits einer Kurznachricht für wert befunden: „Das BE twittert. Und es macht seine Sache nicht einmal schlecht.“ Oha, dieser gönnerhafte Ton! Warum sollte denn das Theater nicht twittern? Weil es zu altmodisch ist? Weil sein Direktor nur das analoge In-den-Blätterwald-Rufen als Kommunikationsstrategie beherrscht? Weil es bei Frauen als eher unattraktiv gilt, vor dem PC zu sitzen, siehe BE-Statistik?

Na gut, ein bisschen Recherche kann nicht schaden. Zumal der Twitter-Eintrag keine Angaben zu den an der Studie beteiligten Wissenschaftlern und Instituten macht, geschweige denn, in wessen Auftrag sie zustande kam. Also hurtig die Kurbel gedreht und in die Muschel gesprochen. „Das kann ich Ihnen nicht sagen“, lautet die Antwort auf unsere fernmündliche Anfrage in der Presseabteilung des Theaters. „Aber Sie haben es doch getwittert.“ − „Das sind wir nicht.“ − „Oh.“ − „Da benutzt irgendjemand unser Logo. Wir twittern jedenfalls nicht.“ − „Das heißt, Sie twittern nicht?“ − „Wir twittern nicht, heißt, dass wir nicht twittern. Oder glauben Sie, wir wären auf einmal modern geworden?“ − „Moment mal, dann können Sie mir das auch nicht bestätigen, mit den 62,5% der Frauen?“ − „Nein, weil wir das ja gar nicht getwittert haben.“ − „Aber wer hat es denn dann getwittert?“ − „Das wissen wir nicht. Wir versuchen es herauszukriegen“ − „Wie viel Prozent der Frauen finden Theatergänger denn nun attraktiv? Und wie alt sind die?“ − „Dazu kann ich keine Auskunft...“

Wir blenden hier einmal aus, gleichwohl das Gespräch reich an schnittig investigativen Nachfragen und eloquent parierenden Dementis war. Dementis, die allein die Twittertätigkeit des Berliner Ensembles betreffen. Halten wir fest, dass auch das echte Berliner Ensemble nicht garantieren kann, dass die Umfrage gefälscht ist.