Mitarbeiter der Stadtreinigung von Frankfurt am Main beseitigen vor der Alten Oper Scherben der zertrümmerten Scheiben einer Bushaltestelle. In der Nacht zum 19.07.2020 war es auf dem Opernplatz zu gewalttätigen Krawallen gekommen.
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Jetzt also Frankfurt am Main. Man könnte geneigt sein, schnell dazu überzugehen, die Krawallnacht vor der ehrwürdigen Alten Oper als schnöde Fortsetzung dessen zu betrachten, was sich vor einigen Wochen in einer ähnlichen Situation im Zentrums Stuttgarts abgespielt hat.

Aus der Stimmung einer lauen Sommernacht heraus flogen irgendwann nicht nur Bierflaschen, sondern auch Steine, und sie wurden gezielt auf Polizisten geworfen, die anrücken mussten oder im Sicherheitsabstand postiert waren, um Schlimmeres zu verhindern.

Schlimm sind nicht die Blessuren und Wunden, die derlei nächtlich-juveniler Übermut verursacht. Irritierend ist indes die Beliebigkeit, in der sich eine arglose nächtliche Szene zum Schauplatz eines unerbittlich aufwallenden Zorns verwandelt. In der Soziologie spricht man diesbezüglich schon seit längerem von motivationsloser Gewalt. Damit aber war die Schwierigkeit ins Visier genommen, eine auffällig locker sitzende Gewaltbereitschaft einzelner zu beschreiben und zu deuten. Die vielen fühlen sich wohler, wenn sie wissen, woher die Abweichung der wenigen rührt, und noch besser ist es, wenn man weiß, wie man das Ungemach wieder zu befrieden vermag.

Die kleine, nach besten Kräften restaurierte Innenstadt von Frankfurt am Main hat schon einige gewaltsame Auseinandersetzungen erlebt. Und doch scheinen die Prügeleien und Glassplitter aus der Nacht zum Sonntag eine kulturelle Zäsur in der hessischen Metropole zu markieren, die für kurze Zeit einmal die begründete Hoffnung auf ein attraktives Modell des Zusammenlebens geweckt hatte. Was zunächst als Multikulti gefeiert wurde, wird unter diesem Begriff seit geraumer Zeit geächtet, ohne die positiven Befunde einer sozialen Mischung zu würdigen, die Frankfurt von anderen Großstädten unterschied. Jedenfalls gab es eine Zeit, in der die Passanten multi-ethnischer Herkunft stolz darauf waren, mit all ihren Möglichkeiten zum Gelingen der Stadt mit einem Opernplatz in der Mitte und einem gigantischen Flughafen in der Nähe beizutragen. Der deutsche HipHop sprach Frankfurterisch wie Goethe und Sabrina Setlur etablierte als Sister S nicht zuletzt ein weibliches Selbstbewusstsein, das auch tiefe Spuren in der neuen Bürgerlichkeit der nahen Taunusgemeinden in Kronstadt und Bad Soden hinterließ. Bis in die Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends hinein schien Frankfurt die Hauptstadt beruhigter sozialer Konfliktlagen zu sein, in der der Aus- und Aufstieg aus den Fesseln der sozialen Bindung möglich zu sein schien.

All das ist nicht erst in der Krawallnacht vor der Alten Oper und in der Fressgass in die Brüche gegangen. In Frankfurt aber hat sich auf exemplarische Weise die Ungeduld einer Generation gezeigt, für die die deutsche Mehrheitsgesellschaft nur noch geringe Partizipationsmöglichkeiten zu bieten hat. Vordergründig entzündet sich die Szenerie der Desintegration an der wachsenden Unlust, die gebotenen Abstandsregeln in Zeiten der Pandemie einzuhalten. Immer häufiger ist ein halbstarkes Ignorieren der Maskenpflicht im urbanen Leben auch dort zu beobachten, wo es nicht gleich zu demonstrativen Auswüchsen der Renitenz kommt. In der zivilgesellschaftlichen Enge, in der plötzlich sogar der Konsum reglementiert wird, kommt es nicht wenigen jungen Menschen nun offenbar darauf an, besonders drastisch zu zeigen, dass ihnen keiner kann.

Die Angriffe auf die Repräsentanten des staatlichen Gewaltmonopols sind ein symbolischer Ausdruck des Moments, in dem Langweile umschlägt in das Bedürfnis, die eigene Stärke zu demonstrieren. Die plötzlich aufkeimende Gewaltbereitschaft richtet sich nicht auf ein politisches Ziel, vielmehr wird darin gegen die mangelnde Inanspruchnahme frei flottierender Kräfte rebelliert, die sich zu unfrohen Feiern in einer Sommernacht auch schon einmal entladen können.

Die Zivilgesellschaft scheint derzeit keine andere Antwort parat zu haben als den Streit darüber, ob man die Herkunft der mutmaßlichen Täter mit den Möglichkeiten polizeitechnischer Ermittlungsmethoden erfassen darf oder nicht. Dabei besteht die bittere Pointe des Augenblicks gerade darin, dass die Schwäche der staatlichen Institutionen sowohl von jenen herausgefordert werden, die auf nächtliche Mutproben aus sind, als auch von denen, die einen ganz anderen Staat wollen, der auf Ordnung pocht und das Recht nur schätzt, wenn es ihm nutzt.