Der Schriftsteller Robert Menasse 2019 im Staatstheater Mainz
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Sehr geehrte Damen und Herren, Kolleginnen und Kollegen!

Wie geht es Ihnen? Mir geht es seit einiger Zeit ungefähr so:

Da liegt ein Spatz auf dem Boden – und Sie wissen: Spatzen gelten als sehr freche, vorlaute Vögel – und dieser freche Spatz liegt also auf dem Rücken und streckt seine kleinen Beinchen in die Höhe. Kommt ein Kater vorbei, ein schwarzer, gefürchteter Jäger, und er ist verblüfft, dass da so leichte Beute vor ihm liegt, geradezu wie für ihn angerichtet. Aber statt den Vogel sofort zu fressen, fragt er in maliziösem Erstaunen: Sag einmal, Du kleiner Spatz, Du bist doch ein Tier der Lüfte, was liegst Du da auf dem Boden und streckst Deine Beinchen in die Höhe?

Und der Spatz antwortet: Du mit deinem nach unten und auf das Naheliegende gerichteten Jagdinstinkt merkst es vielleicht nicht, aber ich spüre genau: der Himmel droht auf die Welt herunterzufallen.

Da muss der Kater so sehr lachen – das Bild davon hätte Millionen Likes auf Facebook bekommen – und als er sich beruhigt hat, fragt er: Und du glaubst im Ernst, dass Du, wenn Du Deine Beinchen in die Höhe streckst, damit das Dach des Himmels stützen kannst?

Da sagt der Spatz: Nein, das glaube ich nicht. Aber ich tu, was ich kann.

Was zeigt uns dieses Bild? Die Lächerlichkeit eines zu großen Anspruchs? Die Lächerlichkeit einer aussichtslos erscheinenden Anstrengung? Die Lächerlichkeit eines Engagements, das sozusagen nicht in der Natur der eigenen Möglichkeiten liegt? Nein. Es zeigt die Traurigkeit der Einsamkeit, wenn es um die Reaktion auf eine große Gefahr geht, um eine Bedrohung, die alle trifft. Auch den Kater, der aber vorher noch seinen Profit macht, indem er den Spatz frisst.

Ja, meine Damen und Herren, der Boden, auf dem wir leben, wankt, und das Dach droht einzustürzen. Und ich wundere mich, wie wenig in die Höhe gestreckte Beine ich sehe, und wie wenige es gibt, die im Gebälk nachschauen, was da morsch ist oder auch nur bereit sind, das Morsche morsch zu nennen. Jeder von uns kann hoch fliegen, aber was tun wir auf dem gemeinsamen Boden der Tatsachen? Wir können gelehrt in unseren Akademien diskutieren, sogar darüber, dass da oder dort Menschen diese Möglichkeit geraubt wird, aber was tun wir dagegen? Aufrufe unterschreiben? Aber erfüllt sich unsere Verantwortung wirklich schon darin, dass wir Unterschriftsteller werden? Wir sind kreativ und innovativ, bis hin zur Ausgestaltung von Eitelkeiten und Schwermut. Aber was ist mit unserem Sensorium für allgemeine Bedrohungen und Gefahr?

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Der Autor

Robert Menasse wurde 1954 in Wien geboren. Für seinen Roman "Die Hauptstadt", der als erster Roman über die Europäische Union gilt, wurde er 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. 

Wir leben schon die längste Zeit in einem multiplen Krisenmodus, und wir können doch sehen, welch beängstigende Konsequenzen dies hat. Können wir uns wirklich nicht vorstellen, was das Wiedererstarken von Nationalismus und fremdenfeindlichen Ideologien bedeutet, nur 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs? Die Renationalisierung Europas ist nicht Ausweg aus den Krisen, sondern Ursache und Brandbeschleuniger.

Denken Sie an die Finanzkrise. Wir haben in Europa eine gemeinsame Währung. Aber die EU-Mitgliedstaaten verhinderten, dass die gemeinsame Währung von einer gemeinsamen Finanz- und Budgetpolitik begleitet wird. Das ist natürlich widersinnig. Aber der Grund war: die Mitgliedstaaten wollten ihre Finanzpolitik, so hilflos sie sich auf einem gemeinsamen Markt und mit gemeinsamer Währung auch erweisen muss, in nationaler Souveränität behalten. Es gab nicht einmal eine Europäische Bankenaufsichtsbehörde.

Das war eine gemeingefährliche Situation. Die Finanzkrise begann 2007, Lehmann Brothers krachte 2008, im Jahr 2009 wurde die internationale Finanzkrise endgültig zur Euro-Krise. Und erst seit 2011 haben wir eine Europäische Bankenaufsichtsbehörde. Durch den Brexit, von Londoner Nationalisten mutwillig und verantwortungslos herbeigeführt, musste sich die endlich gegründete Bankenaufsicht dann hauptsächlich mit ihrer Übersiedlung von London nach Paris beschäftigen. Aber immer noch glaubte eine große Anzahl von Menschen, dass in Krisensituationen vor allem der Nationalstaat verteidigt werden muss, und, was besonders schäbig ist, überall sprangen Politiker auf die Bühne, die die Stimmen vor allem dieser Menschen einsammeln wollten, und sie in ihrem nationalen Furor bestärkten.

Jeder kocht sein eigenes Süppchen

Dann die so genannte Flüchtlingskrise. Wie groß war das Erstaunen, dass aus Ländern, an die Waffen verkauft werden, Menschen kommen, die vor diesen Waffen flüchten! Und was hatte Europa? Werte. In jeder Sonntagsrede. Aber von Montag bis Freitag? Keine gemeinsame Migrations- und Flüchtlingspolitik. Das hatten die Nationalstaaten verhindert. Denn gewählt wird national, und da macht man Stimmen, wenn man verspricht, dass nicht zu viele Ausländer ins Land kommen werden. Vor allem in Ländern, die keine EU-Außengrenze haben. Aber da waren sie plötzlich, die Flüchtlinge, die nach Europa wollten. Wenn es allerdings keine gemeinsame Politik, in dieser Frage keinen gemeinsamen Rechtszustand gibt, dann macht jedes Land, was es will. Das war Anarchie. Und das war die ganze Krise. Und noch mehr Menschen glaubten, dass nur der Nationalstaat sie vor Krisen und Anarchie schützen kann.

Die Klima-Krise! Ich werde nie verstehen, dass Menschen allen Ernstes glauben, man könne der Erderwärmung an nationalen Grenzen die Einreise verbieten. Zumindest ist es das, was so mancher nationale Regierungschef verspricht. Das Problem ist wieder das gleiche: es gibt keine gemeinsame europäische Klima- und Energiepolitik. Das haben die nationalen Staats- und Regierungschefs getreulich verhindert. So kann aus einer Vielzahl von nationalen Eigensinn-Politiken keine nachhaltige Klimapolitik werden. Die einen steigen aus der Atomkraft aus, andere bauen neue AKWs, der CO₂-Ausstoß durch fossile Brennstoffe soll verringert werden, aber die polnischen Kohlebergwerke werden weiter gefördert, jedes noch so kleine Land will seinen eigenen „Energiemix“ haben, aber einer buchstäblich not-wendigen großen Lösung stimmt kein EU-Mitglied zu.

Kein Nationalstaat kann die Probleme alleine lösen

Und jetzt die Covid-19-Pandemie. Die Europäische Kommission hat keine gesundheitspolitischen Kompetenzen. Das haben die Mitgliedstaaten bisher verhindert. Auch Gesundheitspolitik sollte in nationaler Souveränität bleiben. Nur kümmert sich ein Virus leider nicht um nationale Grenzen und um die Möglichkeiten nationaler Souveränität. Natürlich muss in einer Gemeinschaft wieder Chaos ausbrechen, wenn jedes Mitglied etwas anderes macht, anders auf diese bedrohliche Pandemie reagiert, zum Teil noch gegen einander, wie wir es zum Beispiel beim Einkauf und der Verteilung von Masken gesehen haben. Die Bedrohung wächst – und es wächst die Konkurrenz der Nationalstaaten um die schönere Statistik und die größere nationale Solidarität. Und mit besonderer Perfidie dröhnen nationale Politiker, dass „die EU“ in der Corona-Krise „völlig versagt“ habe.

Kurz: wann immer ein Problem auftritt, wird es unermesslich größer und zur Bedrohung durch eben diesen Widerspruch: kein Nationalstaat kann mehr die großen Probleme und Konflikte unserer Zeit alleine lösen, zugleich aber verhindern die Nationalstaaten die Gemeinschaftspolitik, die den transnationalen und globalen Problemen angemessen wäre.

Und nicht genug damit, bekommen die Nationalisten eben dadurch immer mehr Zulauf.

Ist wirklich schon vergessen worden, zu welchen Verbrechen, Katastrophen, zu welcher Misere und welchem Leid der Nationalismus in Europa und der Welt geführt hat? Und selbst wenn es tatsächlich vergessen und verdrängt wurde, ist nicht deutlich sichtbar, wohin er heute führt?

Ist es wirklich so schwierig, darauf hinzuweisen, dass der Nationalismus keine ontologische Sehnsucht des Menschen ist und daher auch nie ein menschliches Grundbedürfnis befriedigen kann. Denn wäre er eine ontologische Sehnsucht, gäbe es Nationen seit dem Neolithikum, was nachweislich nicht der Fall ist.

Das Europäische Einigungsprojekt, das zu heutigen EU geführt hat, war die logische und aufgeklärte Konsequenz, die aus den Erfahrungen mit nationalistischen Ideologien, mit der Konkurrenz zwischen den Nationalstaaten und den daraus entstehenden Kriegen gezogen wurde. Die Idee eines nachnationalen Europas ist die Vision unserer Zukunft – oder wir haben keine.

Und bei allen Verwerfungen: der Zwischenstand der europäischen Entwicklung ist – noch – durchaus beeindruckend: Europa ist freier als China und sozialer als die USA und ist so heute global der attraktivste Ort.

Aber woher kommt dann die Wut von so vielen, der Hass auf andere, woher die Aggressionen und Ängste? Und warum fühlen sich so viele Menschen betrogen? Dazu kann ich hier und jetzt nur sagen: Sie sind es ja wirklich.

Aber was hören sie denn? Was hören sie von Ihnen?

Die Stimme der Vernunft ist leise, hat schon Sigmund Freud festgestellt. Aber muss sie gar so leise sein?

Bei aller Einsamkeit, ja Isolation, die unsere Arbeit jedem einzelnen abverlangt, bei aller notwendigen Fixierung auf das eigene Werk, wir produzieren unsere Werke nicht so, wie der Seidenwurm seine Seide spinnt, weil er nur das kann und sonst nichts, und eben dadurch bloß seine Natur bestätigt. Wir sind soziale und politische Wesen und haben eine entsprechende Aufgabe und Verantwortung. Diese können wir nur wahrnehmen, wenn wir zusammenarbeiten, uns vernetzen, uns austauschen, die Stimme jedes einzelnen verstärken durch die Vielzahl unserer Stimmen.

Haben es die Künste und die Wissenschaften nicht immer schon gezeigt? Können wir nicht zum Beispiel aus der erzählenden Literatur oder der Geschichtswissenschaft lernen, dass alles, was einen Anfang hatte, auch ein Ende hat, wenn es sich historisch erschöpft hat oder gescheitert ist? Warum soll das für den Nationalismus erstmals in der Geschichte der Menschheit nicht gelten? Und wissen wir nicht aus der Kunst- und Literaturgeschichte, dass sich in der Zeit des radikalen Nationalismus, als die Feindschaften zwischen den Nationalstaaten immer stärker geschürt wurden, die Künstler aus verschiedenen Ländern sich immer noch und erst recht in den europäischen Metropolen getroffen und ausgetauscht haben, in Paris, Berlin, Wien. Schriftsteller, die wie Robert Musil sich als „völlig unpolitisch“ bezeichneten, haben angesichts des anschwellenden Nationalismus festgestellt, dass sie keine Seidenwürmer sind und haben Reden gehalten beim Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris, im Jahr 1935.

Und ist nicht mittlerweile völlig klar geworden, dass wissenschaftlicher Fortschritt überhaupt nicht mehr denkbar ist, ohne internationale Vernetzung und Austausch?

Man kann nicht Künstler oder Wissenschaftler sein, und gleichzeitig Nationalist. Ich kenne zum Beispiel keinen Autor, der ernsthaft den Anspruch hat, Nationalliteratur zu schreiben. Kennen Sie einen? Wer immer diesen Spagat im 20. Jahrhundert versucht hat, ist heute vergessen, und wer es heute versucht, ist morgen vergessen.

Der neue Nationalismus bringt die Autonomie von Akademien, Museen und Kulturinstitutionen in Gefahr und vergiftet einen aufgeklärten gesellschaftlichen Diskurs. Die Freiheit der Künste und die Unabhängigkeit kultureller Institutionen müssen als nicht verhandelbarer Wert auch dort solidarisch verteidigt werden, wo dies die so genannte Souveränität eines europäischen Mitgliedstaats berührt. Die Verteidigung der Menschenrechte, die Visionen eines nachnationalen Europa, Kunst, Kultur und Forschung können nicht bloße nationale Anliegen bleiben und dürfen nicht für nationale Identitätspolitik missbraucht werden. Was wir Europa zu geben haben, muss lauter werden. Lauter in jedem Wortsinn.

Ich bin glücklich, bei der Konstituierung einer Allianz der Akademien dabei sein zu können, bei der Gründung eines Netzwerks europäischer Kulturinstitutionen.

Der kleine Spatz, von dem ich eingangs erzählt habe, flattert hoch, bevor ihn der Kater fressen kann. Und bald pfeift und singt es von allen Dächern.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat diese Rede am 8. Oktober bei der Auftaktveranstaltung der Konferenz „Europäische Allianz der Akademien“ in der Akademie der Künste gehalten.