Wenn sich „Zigtausende Deutsche“ um die 20 Jahre von Schule und Studium trennen, um sich einer „nationalen Aufgabe“ zu widmen, dann könnte man meinen, es handle sich dabei um die wiedereingeführte Wehrpflicht. Tut es aber nicht. Es geht um etwas viel Beständigeres: Die Teilnahme am Eurovision Song Contest! Den passenden Beitrag für 2012 zu finden, ist nicht minder relevant als 2011, aber doppelt so spannend. Letztes Jahr ging es ja nur um Lena, die praktisch qua Amt das Recht hatte, für Deutschland in die Düsseldorf-Arena zu ziehen. Dieses Jahr richtet sich das Angebot an alle, die sich zum nationalen Sing-Star berufen fühlen.

Wer in den letzten Monaten zum Casting marschiert war und dort weiterkam, musste strenge Geheimhaltung wahren. Gestern endlich wurden zehn der besten 20 Kandidaten in der ersten Vorentscheidung im Fernsehen präsentiert. Sieben weitere Runden sollen noch folgen, bevor am 16. Februar endgültig feststehen wird, wer im Mai nach Baku (das ist die Hauptstadt von Aserbaidschan) fahren darf. Nach gestern Abend wissen wir: Deutschland wird sich nicht blamieren. Aber, und das ist das Traurige: Gewinnen werden wir auch nicht! Dafür ist der Lena-Sieg noch bei allen zu tief im Gedächtnis. Im Ausland – und auch ein hier.

Dabei waren die Kandidaten durchaus bunt gemischt: Céline aus Lörrach zum Beispiel, wollte anders sein. Sie hat Gesangsunterricht genommen, und unterschied sich schon darin von Lena. „Beautiful Disaster“ von Kelly Clarkson wirkte bei ihr dann auch fast wie eine Arie, die Töne waren sauber getroffen, die Stimme war unglaublich klangvoll. Aber passt das zu einem Wettbewerb, der schon seit jeher nur die Lieder beachtet, die leicht ins Ohr gehen? Salih war da schon näher dran mit seiner auf Showeffekte ausgelegten Interpretation von Justin Timberlakes „Señorita“. Aber mit seinem Zumba-Po-Wackler und der zugeworfenen Kusshand wirkte er eher wie Guildo Horn aus einer längst vergessenen Zeit. Resultat: So etwas ging gar nicht.

Aber was ging und was nicht, sollte ja der Zuschauer entscheiden. Die Moderatoren wurden nicht müde, zu betonen, dass Sie, also Sie alle da draußen, bestimmen, welche von den Kandidaten weiterkommen. Dahinter steckte natürlich Kalkül. Zum einem ist da die legitime Idee, dass der deutsche Zuschauer ziemlich gut abschätzen kann, was auch dem europäischen Zuschauer gefällt. Zum anderen wurde schnell klar, dass das neue Abstimmungssystem einen weiteren tollen Nebeneffekt hat: Nämlich Geld in die Kasse von Pro Sieben spülen! Nicht erst am Ende, wie sonst üblich, durfte abgestimmt werden, sondern die ganze Sendung über und zwar für alle Kandidaten. Eine Skala, die permanent eingeblendet wurde, zeigte den sich rasant ändernden Stand der Favoriten und spornte alle Abstimmungsteilnehmer an, doch immer wieder anzurufen.

Das flimmernde Ding schaffte es tatsächlich, etwas Spannung in die Bude zu bringen, denn am Ende lagen die ersten sechs Kandidaten fast gleichauf, während die Kandidaten sieben bis zehn deutlich abfielen. Bei einer Show, die nur fünf Kandidaten weiterließ, war das natürlich gemein. Spannend war es aber auch, zu beobachten, wie sehr die Jury aus Thomas D, Stefan Raab und Alina Süggeler schwitzte, als klar wurde, dass die Zuschauer leider nicht so wählten, wie sie es sich selbst vorgestellt hatte. „Vergesst mir die Leonie nicht!“, trommelte Stefan Raab schließlich doch so lange, bis die Zuschauer reagierten und der Raab-Liebling in der „Blitztabelle“ nach oben kletterte.

Leonie hatte sich übrigens darin versucht, möglichst keck zu wirken und ihrem Englisch eine sehr individuelle Note zu verpassen. Dass sie dabei ein bisschen wie Lena sang, nur affektierter, kann Zufall sein oder das Ergebnis eiserne Raab-Planung: Was einmal geht, geht immer!