Paul Smith ist seit 1983 für den British Council tätig. Im März zog er von Jakarta nach Berlin. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinPaul Smith ist neu in Berlin. Seine Wohnung in der Nähe der Friedrichstraße ist recht leer, die persönlichen Dinge sind noch nicht eingetroffen. Entspannt sitzt er beim Gespräch über Video in einem Schaukelstuhl und verleiht dem ansonsten flachen Bildeindruck durch die Bewegung ein wenig mehr Tiefe.

Herr Smith, Sie sind während des Lockdowns in Deutschland angekommen, direkt aus Jakarta, Indonesien, ihrer letzter Station. Wie haben Sie Ihre Ankunft erlebt?

Was für eine verrückte Zeit, um anzukommen! Dies ist mein zwölftes Land nach 37 Jahren Zusammenarbeit mit dem British Council, und ich hatte erwartet, dass der Umzug nach Deutschland so viel einfacher sein würde als sagen wir nach Burma, Nigeria oder Afghanistan. Aber um ein Haar wäre es schief gegangen, noch während des Fluges änderten sich die deutschen Einreisebestimmungen, und wir wurden eine Zeitlang auf dem Flughafen von Doha festgehalten. Und dann bei der Ankunft lief bereits der Lockdown, und ich konnte unser Büro am Alexanderplatz gerade einmal 45 Minuten besichtigen. Und nun nach sechs Wochen leben wir immer noch aus ein paar Koffern.

Ist die Post-Brexit Zeit nicht auch vergleichbar mit einer Art Zeit nach dem Lockdown und nun gilt es neu anzufangen? Wie würden Sie Cultural Relations im Augenblick des Lockdowns beschreiben, und was haben Sie sich nun vorgenommen?

Brexit - erinnern Sie sich überhaupt noch an diese merkwürdige, historische Welt vor Corona? Großbritannien ist aus einer Wirtschaftsunion ausgetreten, hat aber seinen Kontinent nicht verlassen. Wir haben die EU verlassen, nicht Europa. Bei der Arbeit als Direktor des British Council geht es immer darum, kulturelle, bildungspolitische und soziale Beziehungen zu kultivieren und daran sollte sich nichts ändern. Von Mensch zu Mensch. Ich denke, Social Distancing ist das genaue Gegenteil von Cultural Relations.

Vor Indonesien waren Sie unter anderem in den USA, Neuseeland, Ägypten und Afganistan tätig. Wie wird Social Distancing aus Ihrer Sicht in den verschiedenen Kulturen praktiziert?

Es ist eine allzu einfache, westliche Annahme, dass die meisten Menschen ein Zuhause haben, in das sie sich leicht zurückziehen und in dem sie sich von der sie umgebenden Bevölkerung distanzieren können. Versuchen Sie das einmal in Mumbai, wo ich fünf Jahre lang gelebt habe und wo meine Frau herkommt, wo der größte Slum der Welt Seite an Seite mit den Anwesen von Zehntausenden von Millionären liegt. Wie distanzieren Sie sich sozial, wenn Sie eine Einzimmerhütte bewohnen und eine Latrine oder Wasserpumpe mit Hunderten von anderen Menschen teilen? Und haben wir das Recht, den Religionen der Welt gemeinsame Rituale zu verweigern? Welche inakzeptablen Ängste werden geschürt, wenn wir von einem „chinesischen Virus“ sprechen

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Paul Smith wurde 1956 geboren, ist Literaturwissenschaftler und seit 1983 für den British Council tätig. Er wurde dabei u.a. nach Nigeria, Burma, Chile, Bangladesch, Neuseeland, Westindien, Ägypten, Afghanistan, Kabul, in die USA und nach Indonesien entsandt. Im Vereinigten Königreich arbeitete er im Bereich Drama und Tanz  und war 1999 bis 2000 Direktor der Künste. In den späten 80er-Jahren organisierte Smith die erste Tournee des National Theatre in die DDR (Leipzig, Dresden) mit „König Lear“ und „Richard III“. Seit Ende März ist er Direktor des British Council in Deutschland.

Derzeit herrscht an manchen Orten ein Vermummungsgebot, während Vermummung auf Demonstrationen für gewöhnlich verboten ist. Ist die Welt im Moment auf den Kopf gestellt und sind die Menschen bereit, besser aufeinander zu achten? Oder erleben wir die Amplitude der fortwährenden Widersprüche nur noch heftiger als bisher?

Ist es nicht ziemlich nervtötend, mit einer Maske einkaufen zu gehen? Ich setze immer ein leeres Grinsen auf, damit meine Augen anzeigen, dass ich nicht so feindselig blicke, wie die Maske suggeriert. Meine Organisation, der British Council, wurde 1934 gegründet, entschlossen, dem Faschismus und anderen verhängnisvollen Ideologien jener Zeit entgegenzutreten. Die Idee war immer schon, menschliche Zusammenarbeit auf direktem Wege zu fördern, um Apparate, Ideologien und Propaganda so wirkungslos wie möglich zu machen. Wir alle müssen hoffen, dass sich aus dieser Krise mehr menschliche Rücksichtnahme entwickelt. Wir müssen uns Brücken und nicht Mauern vorstellen. Wir müssen an ein inkludierendes „Wir“ und nicht an ein fremdenfeindliches „Sie“ denken. Und wir müssen das „Arbeiten von zu Hause aus“ in dem Sinne angehen, dass unser Zuhause dieser Planet ist. Hoffen wir auch auf ein Innehalten in Bezug auf die Umwelt.

Bei allen momentanen Regeln und Einschränkungen der Grundrechte gilt die Unversehrtheit des Lebens. Solidarität tut nicht nur innerhalb von systemrelevanten Niedriglohngruppen hierzulande not, sondern auch gegenüber den unter widrigsten Bedingungen für unseren nicht nachhaltigen Konsum Arbeitenden sowie Geflüchteten weltweit. Erleben Sie Social Distancing als Akt der Solidarität?

Es ist eine einzigartige Ironie, dass die Art und Weise, wie man sich im Moment wirklich füreinander sorgt, darin besteht, sich voneinander fernzuhalten. Rückblickend gesehen wird in diesem Paradoxon eine Kraft liegen. Nämlich, dass man nicht im selben Raum wie jemand anderes sein muss, um wirklich Empathie zu entwickeln. Wenn sich also Social Distanzierung schließlich in Solidarität überführen ließe, also nur noch eine Menschheit zu kennen, zu wissen, dass meine Schwestern und Brüder überall sind, dann wäre das die größte Hoffnung für unsere Zukunft.

Wenn wir einmal über das Theater sprechen, mit dem Sie in Ihrer Laufbahn ja viel zu tun hatten:  Wie würde Shakespeares Theater auf die Coronakrise reagieren und auf welche Herausforderungen muss sich das Theater nun einstellen?

Ich schreibe gerade ein Buch über Shakespeare und das Publikum. Und die Krise hat meine Gedanken mit Sicherheit geschärft. Shakespeare selbst stand vor einer solchen Krise, als die Londoner Theater wegen der Pest zwischen 1592 und 1594 schließen mussten. Er war gezwungen, sein Geld zu verdienen, indem er aufhörte, Theaterstücke zu schreiben. Alle Künste sind derzeit gezwungen, ihren Auftrag gegenüber dem Publikum neu einzuschätzen. Und die dem Schauspiel innewohnende Kraft, die das Theater ausmacht, ist der Akt des ästhetischen Vertrauens, das ein Publikum den Schauspielern in diesem „leeren Raum“ schenkt - und das in Echtzeit. Es sind zwei Stunden einer privilegierten menschlichen Begegnung, die sich nie wiederholen wird. Man kann nichts davon auf einer Leinwand machen. Ich glaube, Shakespeare hätte begonnen, Drehbücher für das Fernsehen zu schreiben. Das wäre sein Maß für Maß und wahrscheinlich nicht so, wie es uns gefällt.