Wandmosaik von Walter Womacka am Haus des Lehrers in Berlin (Ausschnitt).

Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

BerlinNoch keine Erwähnung fanden in dieser Serie über die Schulzeit in Ost-Berlin die leider seltenen, dafür umso glamouröseren Auftritte von Frau Hahn, die bei uns nur ab und zu den Unterricht übernahm, wenn die zuständige Lehrkraft krank war. Frau Hahn gab Russisch. Glaube ich. Oder Geografie. Oder war es Mathe? Egal, das spielte keine Rolle.

Also folgende Situation: Die Klasse befindet sich im Raum, es klingelt zur Stunde, und der Lehrer oder die Lehrerin ist noch nicht da. In solchen Momenten scheidet sich die Klasse in zwei Lager. Die einen meinen, in einem solchen Fall solle man sich umgehend auf den Hof begeben, um Fußball zu spielen. Die anderen rieten zum stillen Verharren am Platz, damit das Fehlen der Lehrkraft nicht bemerkt werde. Die Diskussion wurde erbittert und lautstark geführt, auf dass der Lehrer vom Nachbarraum den Kopf reinsteckte, existenzschädigende Strafen androhte und sich um eine Vertretung kümmerte.

Keine zehn Minuten später – der Geräuschpegel war längst wieder angeschwollen – flog die Tür auf und herein rauschte in einer vermutlich soeben nachgeladenen Duftwolke Frau Hahn. Ihre Schritte setzte sie mit forscher Eleganz, natürlich auf hohen Absätzen. Ein leichtes Kleid umspielte ihren Quellekatalog-Körper, die mittels Kaltwelle aufgebauschten Kastanienhaare umjubelten das gekonnt geschminkte Gesicht. Mit den beiden langen und rotlackierten Ringfingernägeln streifte sie die Locken hinter die Ohren und schwenkte erst dann ihren Blick in unsere Richtung. Ihr angriffsfreudiges Lächeln tastete die Reihen ab und schmolz die eben noch aufrührerischen Jungen zu formbaren Teigklumpen ein, einerseits willenlos, andererseits bereit für erbittertste Konkurrenzkämpfe. Die Mädchen, wenn mich nicht alles täuscht, lösten sich schmollend in Luft auf.

Frau Hahn erinnerte an Jennifer Hart, die titelgebende bessere Hälfte der Fernsehserie „Hart aber herzlich“, gespielt von Stefanie Powers. Und sie verfügte über einen mindestens ebenso munteren Sexappeal. Es wehte also, wenn Frau Hahn eintrat, nicht nur das erotischste Versprechen herein, das die Achtziger gerade erwachenden Jungen geben konnten, sondern auch eins der unerreichbar weiten, reichen und bösen Welt des amerikanischen Kapitalismus. Die Eheleute Hart lebten – begleitet von ihrem Butler Max und dem Hund Friedwart, einem putzigen Löwchen – als gut gelaunte Millionäre in Los Angeles und klärten mit nobler Ironie und dem Einsatz verschiedenster fahrbarer Untersätze und Waffen Verbrechen auf.

Frau Hahn führte als vielseitig einsetzbares pädagogisches Notbesteck lediglich einen Ball mit sich. Sie fragte Vokabeln ab oder stellte Kopfrechenaufgaben und warf den Ball einem Schüler ihrer Wahl zu, der dann die richtige Antwort zu geben hatte. Zwangsläufig klatschte einem früher oder später der Ball mitten ins Gesicht und riss einen aus den süßen Wolken des Westfernsehens und der noch völlig unausbuchstabierten Verführung. „Uli, könntest du so lieb sein und mir den Ball holen, wenn du schon mal wach bist?“ Und während ich wie der kleine Friedwart apportierte, ertönte ihr silberhelles Jennifer-Hart-Lachen. Gleich würde ich auf die Rückbank ihres Aston Martin V8-Cabrio springen und meine Ohren im lauen Fahrtwind flattern lassen. Wau.