Ja, sie sieht einfach toll aus. Märchenhaft geradezu in ihrem langen mittelaltertümelnden Gewand, mit diesem hohen spitzen Kopfputz. Die Kinder in der Vorschule sind begeistert, als Marianne (Agnès Jaoui) ihnen als eine Art Fee erscheint und Anweisungen gibt für eine Theateraufführung der kleinen Menschen. Denn Marianne tut das mit Autorität, aber auch einer gewissen einnehmenden Quirligkeit. Dieses vitale (Gefühls-)Chaos und die Kunst an sich werden im neuen Film von Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri noch eine ebenso große Rolle spielen wie die Märchenkunst. Und alles zusammen wird etliche der Protagonisten beschäftigen.

Da ist zum Beispiel die 24-jährige Laura (Agathe Bonitzer), die den Kopf voller romantischer Flausen hat und auf einen Märchenprinzen hofft. Als ihr der Musikstudent Sandro (Arthur Dupont), ein ewig klammer Komponist orgiastisch-chaotischer Stücke, auf einer Party genau wie der Prinz in ihren Träumen erscheint, glaubt sie, den richtigen Mann gefunden zu haben. Es ist eine sehr komische Szene, die von Laura indes bald vergessen ist, denn einige Wochen später trifft sie bei Marianne den älteren, herberen Kritiker Maxime (Benjamin Biolay) und verfällt seinem Rollkragen-Charme. Doch Vorsicht, dieser Maxime heißt mit Nachnamen ausgerechnet Wolf! Und dann ist da noch Sandros Vater Pierre (Jean-Pierre Bacri), der so abergläubisch ist hinsichtlich eines gewissen Datums, dass es ihn fast am Leben hindert.

Längst sind hier nicht alle Figuren erwähnt, die sich in dem Film „Unter dem Regenbogen – Ein Frühjahr in Paris“ mehr oder weniger die Hand geben, um ein buntes Panorama menschlicher Befindlichkeiten und Obsessionen zu bilden. Regie führte Agnès Jaoui, deren gemeinsame Arbeiten mit Jean-Pierre Bacri („Lust auf anderes“, „Schau mich an“) stets Ensemblestücke waren und dabei so tiefgründige wie unterhaltsame Beobachtungen des bürgerlichen Lebens in Frankreich.

Doch dieses Mal ist der Ansatz fantastischer. Die Filmemacher nahmen sich das klassische Märchenende „Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende, und hatten viele Kinder“ vor. Glücklich leben und viele Kinder zu haben, erschien Bacri und Jaoui etwas verkürzt – schließlich sollten ja ganze Leben gelebt werden. Zudem warf das Märchenmotiv ganz unpoetische Fragen auf: Wie ist es in der Realität? Was passiert, wenn Menschen wie die verträumte Laura ihren Märchenprinzen gefunden haben? Und was geschieht, wenn das Märchen endet?

Dann kommt der Schmerz, aber wie in diesem Film voller Wortwitz und Ironie damit umgegangen wird, das ist wunderbar, ehrlich, tröstlich. Eigener Auskunft zufolge wollten Jaoui und Bacri eine Variation über die Liebe im Allgemeinen inszenieren, was viel Raum lässt für Beziehungsprobleme – und Abrechnungen, aber auch für Lernprozesse und sogar für einen Hellseher. Man muss als Zuschauer keine Angst haben, die Übersicht über all die Beteiligten und Verwicklungen zu verlieren, denn Marianne – Jaoui hat ihre Rolle wohl nicht zufällig nach der Nationalfigur der französischen Republik benannt – führt unbeirrt durch all die Irrungen und Wirrungen, die den Filmfiguren widerfahren. Oder die sie selbst anrichten.

„Unter dem Regenbogen“ ist vergnüglicher Kino-Boulevard, nicht mehr und nicht weniger. Am Ende heißt es dann: „Sie lebten glücklich und zufrieden und irrten sich ständig …“ Das Leben ist nun mal kein Märchen.

Unter dem Regenbogen – Ein Frühjahr in Paris (Au bout du conte) Frankreich 2013. Regie: Agnès Jaoui, Drehbuch: Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri, Kamera: Lubomir Bakchev, Darsteller: Agathe Bonitzer, Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri, Arthur Dupont, Benjamin Biolay u. a.; 112 Minuten, Farbe. FSK o. A.