Narziss (Sabin Tambrea und Goldmund (Jannis Niewöhner) 
Sony Pictures/Jürgen Olczyk

BerlinStille Einkehr oder raus ins Leben? Streben nach Erkenntnis oder praller Exzess? Das sind Fragen, die nicht nur Künstler und manchmal sogar Filmemacher bewegen, sondern auch die  Jugend etwas angehen. Gehe ich zu Fridays for Future, oder rette ich die Welt vom Computer aus? In „Narziss und Goldmund“, seinem 1930 erschienenen Roman, fasste Hermann Hesse dieses Thema in kostbare Worte.

Der Österreicher Stefan Ruzowitzky hat diesen andererseits auch sehr unzeitgemäßen und durchaus merkwürdigen Bildungsroman nun verfilmt. Wobei von vornherein klar ist, auf welche Seite er sich schlägt. „Narziss und Goldmund“ beginnt als wuchtiger Mittelalter-Bilderbogen und steigert sich von dort aus geradewegs ins Delirium. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt. Narziss, der junge Novize und Musterschüler seines Klosters, behauptet den Primat der Gedanken vor den Gefühlen und widmet sich in edler Askese seinen Exerzitien. Goldmund, sein wohlgeformter Freund, kam eher aus Not ins Kloster. Wie sich herausstellt, findet er an den Brüsten der Mutter Maria mehr Gefallen als am Latein.

Landstreicher, Schürzenjäger, Künstler

Er verlässt den heiligen Ort und schlägt sich als Landstreicher, Schürzenjäger und Künstler durch. Am Ende der Erzählung steht die Frage, wer von beiden das bessere, oder vielleicht sogar gottgefälligere Leben hatte. Indem Ruzowitzky die burleske Seite des Abenteuers betont, tut er dem Buch keine Gewalt an. Im Gegenteil hat er eine gelungene Rückblendenstruktur gefunden, die den zurückbleibenden Narziss – in seinem Leben passiert sehr wenig – überhaupt in das Geschehen einbindet. Er darf sich anhören und mit weisen Worten beurteilen, wie es Goldmund auf seiner langjährigen Wanderung durch Stadt und Land, vor allem aber durch allerlei fremder Frauen Betten ergangen ist.

Und wir, da beginnt der zwiespältige Teil des Vergnügens, dürfen es sehen. Was sich beim schwäbischen Dichter so feinsinnig liest, entpuppt sich als recht grobschlächtige Angelegenheit. Man könnte sich Hesses verspäteten Jugendstilroman als präraffaelitisches Gemälde vorstellen, elegant verschnörkelt und doch handfest, wie die Briten oder Franzosen das können, und mit seiner märchenhaften Mittelalterwelt ist Ruzowitzky auf einem guten Weg dorthin.

Viel nackte Haut

Die Ausstattung ist prachtvoll. Doch Goldmunds gesammelte Hanswurstiaden, inszeniert mit wenig Gespür für Stimmung und Rhythmus, erfreuen nicht lange. Immer wieder darf Jungstar Jannis Niewöhner mit seinem entblößten Oberkörper junge Frauen entzücken, bekommt er die irrsten Frisuren verpasst, kann er in der Begegnung mit prominenten Gastauftritten (als grantiger Holzschnittmeister: Uwe Ochsenknecht) etwas lernen. Die Änderungen zur Buchvorlage sind geringfügig, auffällig ist jedoch, dass sie allesamt den visuellen Anschluss an Bernd Eichingers „Der Name der Rose“ suchen.

Trailer zu „Narziss und Goldmund“

Quelle Youtube

Natürlich ist das „Kloster“ eine Trutzburg auf dem Berg. Selbstverständlich muss das Ding am Ende brennen, um auch das Thema des religiösen Fanatismus unterzubringen, das beim ehemaligen Klosterschüler Hesse trotz traumatischer Erinnerungen keine Rolle spielt. Auf der Zielgerade schafft es Ruzowitzky, Oscarpreisträger für „Die Fälscher“, doch noch, einige zentrale Punkte unterzubringen. Das ist keine geringe Leistung. Hesses Roman war gewollt unzeitgemäß, er ist es immer noch. Aber sein zutiefst humanistischer Kern, der aufscheint in den Gesprächen Goldmunds mit Narziss, ist dem Regisseur spürbar wichtig.

Sony Pictures/Jürgen Olczyk
Narziss und Goldmund

Deutschland 2020, Buch und Regie: Stefan Ruzowitky, Darsteller: Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Henriette Confurius, Emilia Schüle, Uwe Ochsenknecht u.a.; 118 Min., Farbe. FSK ab 12 Jahre

Goldmunds schwülstige Suche nach der „Ur-Mutter“, angelehnt an C. G. Jungs Archetypenlehre, wird keineswegs verschwiegen. Den homosexuellen Subtext hätte man zwar deutlicher machen können, aber es geht beileibe nicht nur um Brüste. Und natürlich gilt es insgesamt, die beiden Pole zu versöhnen: Körper und Geist, Fühlen und Denken, dionysisches und apollinisches Prinzip. Unbedingt hervorzuheben in dieser etwas halsbrecherisch modernisierten Adaption ist auch, wie immer, Sabin Tambrea als vergeistigter Mönch. Als einziger der jungen Darsteller hat er sich tatsächlich eine Tonsur schneiden lassen. Er nimmt die Sache wirklich ernst.