Es war Abend, als ich ankam. Das Wohnhaus und mehrere Stallgebäude lagen im Dunkeln, nur bei den offenen Ställen der Kühe war noch Licht. Imposant ragten die schwarz-weißen Leiber aus der Nacht. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Eindringling, als würde ich in eine Party hineinplatzen … Gewiss, die Gäste waren nicht gerade aufgekratzt und redselig, sondern eher ruhigeren Gemüts. Man stand halt und fraß, oder man lag herum und malmte.
Im Slalom führte mich Karin Mück zwischen den Persönlichkeiten hindurch.

Hier traf ich Kalb Mattis, das zwar noch mehrmals täglich bei seiner (biologischen) Mutter trinkt, sich für die Geselligkeit aber eine zweite (Adoptiv)Mutter gesucht und gefunden hat, in der alten Kuh Gisela. Wo sie früher lebte, hat Gisela 14 Kälber geboren; alle wurden ihr genommen... Ochse Samuel stand sein erstes Lebensjahr ohne Artgenossen in einer Garage und bewegt sich heute noch „wie ein Roboter“. An Kuh Manuela hat eine Universität vier Jahre lang Futtersorten getestet und ihr dafür eine Öffnung in den Pansen operiert; ein Rest der Öffnung ist geblieben, und wenn Manuela verdaut, pfeift es aus einem Loch an ihrer Seite.

Doch ich will gar nicht so sehr das traurige Vorleben der Tiere breittreten, sondern lieber erzählen, wie friedlich und genüsslich es sich heute auf Hof Butenland lebt. In einem Nebenraum des Kuhstalls sind zwei Bürsten angebracht, die an eine Autowaschanlage erinnern. Die Kühe können sich daran lehnen, dann setzen sich die Bürsten in Bewegung und schubbern den Tieren den Pelz. „Aber wie klären die, wer als nächstes dran ist?“, frage ich. − „Die stehen Schlange.“ − „Werden da nicht welche ungeduldig?“ − „Nö“, antwortet Karin. „Die Dolores zum Beispiel braucht immer eine halbe Stunde, die andern warten.“

Auf dem Hof leben nicht nur Kühe, sondern auch Katzen und Hunde, Schweine, Kaninchen, Hühner und Enten. Am Ende unseres Rundgangs durch den Kuhstall geht Karin zu einem Heuhaufen und beginnt, sich energisch durchzuwühlen wie durch eine Schneewehe. Weit unten taucht ein rosafarbenes Etwas mit Borsten auf. Es ist der Rücken von Prinz Lui, einem Schwein, das aus Gründen, die nur er kennt, beschlossen hat, nicht mehr im Schweinestall zu wohnen, sondern eben hier in dem Heuhaufen, in den er sich jeden Abend komplett eingräbt. Dass zwischendurch ein Mensch vorbeikommt, ihn freischaufelt und ihm den Rücken tätschelt, bringt ihn nicht aus der verdienten Nachtruhe.

Ich war zu Hof Butenland gefahren, weil meine Hühner ein neues Zuhause brauchten, nachdem der Habicht mehrmals in meinem Garten auf Jagd gewesen war. Karin und Jan hatten mir angeboten, meine Hühner in ihre Schar einzugliedern; im Dunkeln setzten wir sie nun auf die Stangen im Geflügelstall. Aus dem Schlaf gerissen, schnatterten ein paar Enten und Gänse. Nicht ganz leicht fiel mir der Abschied von meinem Lieblingshuhn Fave, die immer einige höchst ungewöhnliche Eigenarten an den Tag gelegt hatte.

Zum Beispiel konnte man sie auf dem angewinkelten Arm tragen wie eine Handtasche, und manchmal schlief sie dabei sogar ein. Anderen Hühnern gegenüber verhielt sie sich anfangs so scheu und ungeschickt, dass ich sie über Monate hinweg an deren Gesellschaft hatte gewöhnen müssen. Wie würde sich Fave hier schlagen, in dieser neuen und so artenreichen Umgebung?

Eine Woche später fasste ich mir ein Herz und fragte Karin Mück per E-Mail nach, wie es meinen Hühnern ergehe. Karin schrieb zurück, sie hätten sich bestens eingelebt, einige von ihnen spazierten regelmäßig zu den Kühen und über sie hinweg und pickten ihnen im Fell herum. Und Fave … „Fave ist ein supersüßes, dennoch knallverrücktes Huhn. Sie liebt das Schwein Prinz Lui, der ja in den Heuhaufen im Kuhstall gezogen ist. Da liegt er nun den ganzen Tag in seinem Heubett, das Favechen daneben. Gestern legte sie ihm ein Ei vor den Rüssel.“ Und ich verstand, in dieser anderen Welt ist alles möglich.