Die australische Rapperin Iggy Azalea (in Gelb) trat bei der IMA-Gala gemeinsam mit der britischen Sängerin Alice Chater auf.
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Berlin Viele geladene Gäste, aber auch viele Besucher mit eigens gekauften Eintrittskarten hatten sich am Freitagabend in der „schönen neuen Verti Music Hall“ (so der anwesende Rockstar Sting) versammelt, als hier erstmals der International Music Award (IMA) gefeiert wurde.   

Nach dem Antisemitismus-Skandal um Farid Bang und Kollegah wurde bekanntlich der an Verkaufszahlen orientierte Echo eingestellt. Vom Axel-Springer-Verlag als dessen Nachfolgepreis ins Leben gerufen und von der bei Springer angesiedelten deutschen Ausgabe des Rolling Stone veranstaltet, bildet der International Music Award also nicht (wie bisher) die Beliebtheitsrealität aktueller Popmusik beim deutschen Publikum ab – die in den letzten Jahren unter anderem von mehr oder weniger nationalistischem Schlager-Rock und Gewaltrap geprägt war – sondern versteht sich nun eher als impulsgebendes Statement:

Impulsgebendes Statement 

So wurden die Preisträgerinnen und Preisträger in  Sparten wie etwa „Commitment“ für Engagement oder „Future“ für Newcomer von einer  Jury aus Musikjournalisten sowie Musikerinnen und Musikern wie Charli XCX, Liam Gallagher oder auch Sterne-Sänger Frank Spilker gewählt.

Udo Lindenberg (l.) hielt die Laudatio für Sting, der als „Hero“ ausgezeichnet wurde.
Foto: Fabrizio Bensch / dpa

Dadurch gestaltete sich der IMA, anders als sein Vorgänger und auch als angloamerikanische Vorbilder wie der Grammy oder der BRIT Award, deutlich weniger expansiv: Nur neun Kategorien gab es, was den angenehmen Nebeneffekt einer überschaubaren Zeremoniedauer mit sich brachte. Ob sich die durch Sponsoren und Ticketverkäufe finanzierte Ehrung neben dem seit 2016 existierenden Preis für Pop-Kultur als weitere Echo-Alternative langfristig wird etablieren können, muss sich noch zeigen. Denn bei aller Kritik besaß der Echo ein klares Auswahlkriterium: Kommerzialität.

IMA: Fokus auf Mitteldinger

Beim IMA aber wird es schwammiger, die Preisträger, so spürte man, sollten schon irgendwie massentauglich sein und dem ausrichtenden Verlag sowie der Stadt Berlin ein Glamour-Zertifikat verleihen, aber irgendwie auch quer liegen. So wurden viele Mitteldinger und wenige Überraschungen ins Lobeslicht gerückt.

Die Gitarristin und Sängerin Anna Calvi etwa, die den Preis der Kategorie „Sound“ verliehen bekam, bezeichnete sich als „left-field“, was soviel wie „seltsam“ oder eben „unkommerziell“ bedeutet; in der Realität verkauft Calvi, deren Post-PJ-Harvey-Act gar so seltsam nicht ist, regelmäßig mittelgroße Hallen aus. Sie ist also zwar weder ein Popstar noch gänzlich unbekannt.

Der britische Musiker Sting während seiner Performance.
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Und selbst eine nur mäßig mainstreamtaugliche Künstlerin wie Holly Herndon, die den „Innovation“-Preis für ihre stimmverfremdenden Techno-Exkursionen erhielt, ist eher eine Art Vorzeige-Avantgardistin, die zwar durchaus anregende, aber keineswegs innovative Musik macht. Seit zwei Jahrzehnten kann man sich Konzerte ansehen, in denen Audio-Signale, wie hier Herndons Stimme, durch Software ins Ätherische, Arpeggierende verfremdet werden.

Interessantes Moderationsduo

Doch trotz einiger inhaltlicher und technischer Probleme blieb der Wille spürbar, Pop zurück in die Rolle der Utopieprojektionsfläche zu führen: Kaum eine Plattform lässt sich effektiver für die Bewerbung sozialen Engagements nutzen. Und so mochte die selbstverständlich auf Englisch stattfindende Doppelmoderation durch den Musical-Sänger und Netflix-Star Billy Porter und das Model Toni Garrn zwar nicht die Schmissigste gewesen sein – schön auch der für den Großteil des Publikums sichtbare Teleprompter – , doch als Porter, vom Skript abweichend, in einfachen Worten seine Existenznöte als junger schwarzer Schwuler im New York der Achtziger beschrieb, war alles gesagt und auf den Punkt gebracht.

Udo Lindenberg, ausgezeichnet für ,,Courage'', tritt auf.
Foto: Fabrizio Bensch/ dpa

Ein Highlight der Zeremonie bestand darin, dass die Electro-Punk-Sex-Göttin Peaches anlässlich der Verleihung des „Performance“-Ordens an die Gruppe Rammstein – welche kurz vor der Zeremonie abgesagt und zwei Fanclubleiter geschickt hatte, den Award entgegenzunehmen – das Rammstein-Stück „Du hast“ in ein glorreich trashiges Queer-Metal-Disco-Manifest verwandelte.

Die für ihre Body-Positivity bekannte Rapperin Lizzo bekam den Style-Award, dessen Entgegennahme anlässlich ihres unlängst absolvierten Berlin-Konzertes im Backstagebereich der Columbiahalle stattfand und am Freitagabend auf Video gezeigt wurde.

Diverse Altersklassen ausgezeichnet

Aber auch mittelalte bis alte weiße Männer kamen nicht zu kurz, Max Herre moderierte „Mädchen aus Ost-Berlin“ singend Udo Lindenberg an, welcher später aus seiner aus dem Englischen abgelesenen Laudatio für die Verleihung des „Hero“-Lebenswerk-Preises an Sting eine memorable Comedy-Performance machte.

Der Preisträger selbst spielte zum Abschluss dann zwei seiner schönsten Stücke, nämlich „If you love somebody set them free“ in passend Berlin-hafter Electro-Disco-Version und „So lonely“ von The Police. Das schönste Teenagerkreischen riefen indes die Auftritte der K-Pop-Gruppe The Rose sowie der Rapperin Iggy Azalea hervor, auch toll war der dicht choreografierte Achtziger-Funk von Christine and the Queens.

Ein in seiner Gesamtheit durchaus unterhaltsames Musikpreislein, das, wenn man denn an die Notwendigkeit solcher Zeremonien glaubt, vielleicht im nächsten Jahr noch ein wenig an Stringenz und Mut gewinnen könnte. Dass nun ausgerechnet ein Megastar wie Billie Eilish den Newcomer-Award gewinnen musste, schien dann doch etwas uninspiriert.

Die Gewinner

Der International-Music-Award (IMA) wurde in neun Kategorien vergeben:                                                                                                              Sound: Anna Calvi                                                                                    Future: Holly Herndon                                                                            Visuals: Tierra Whack                                                                                        Style: Lizzo                                                                                                Commitment: Slowthai                                                                      Beginner: Billie Eilish                                                                              Performance: Rammstein                                                                      Courage: Udo Lindenberg                                                                            Hero: Sting