Die Schriftstellerin Dorothy L. Sayers (1893-1957) im Jahr 1942. 
Foto: Everett Collection

BerlinLord Peter Wimsey, zweiter Sohn des Herzogs von Denver, ist wohlerzogen, neugierig und ein bisschen exzentrisch. Wenn er nicht gerade Erstausgaben ersteigert, in der königlichen Loge in Ascot oder in seinem Club herumlungert, klärt er Verbrechen auf. Ersonnen wurde der scharfsinnige Adels-Spross von der Pastorentochter Dorothy L. Sayers. 

Sie war eine der ersten Studentinnen in Oxford und neben Agatha Christie und P.D. James eine der drei legendären "Ladies of Crime". Außer ihren enorm erfolgreichen Krimis verfasste sie Theaterstücke, theologische Schriften und übersetzte Dantes "Göttliche Komödie". Ihre "Lord Peter Wimsey"-Romane sind so gut, dass der Guardian zwei von ihnen zu den Büchern zählt, die jeder gelesen haben sollte. "Eine der vergnüglichsten Lektüreerfahrungen überhaupt", meint der Literaturkritiker Denis Scheck. Vielleicht motivierte dieses Lob den Rowohlt-Verlag, die deutschen Übersetzungen neu herauszugeben: Gerade erschien "Ein Toter zu wenig".  

Die britische Upper Class und andere soziale Biotope

Lord Peter hat es hier mit einem nackten Toten in einer Badewanne zu tun, in die er wirklich nicht hineingehört. Zuerst 1923 erschienen, ist es ein klassischer "Whodunit", aber doch ein bisschen mehr. Denn Sayers lieferte neben mild ironischen Studien der traditionsfesten britischen Upper Class stets auch Einblicke in ganz andere soziale Biotope. In den insgesamt elf Romanen treibt sich ihr Detektiv nicht nur in Villen oder Landhäusern herum, sondern in Werbeagenturen, avantgardistischen Schriftstellerzirkeln und Ateliers, in einem Frauencollege, ja einem "Sowjet-Club" – denn seine Schwester liebäugelt in "Diskrete Zeugen" (Band 2) mit dem Sozialismus. Merry Old England trifft auf die Moderne der 20er- und 30er-Jahre.

Und natürlich gibt es diverse emanzipierte, berufstätige Frauen, wie die Autorin selbst eine war. Zum Beispiel die wegen Mordes angeklagte Krimi-Autorin Harriet Vane, in die Wimsey sich in "Starkes Gift" (Band 6) verliebt. Schöner als ein schöner Schmöker, sind nur mehrere davon, vorzugsweise in Form einer Reihe wie dieser. Wer sie schon kennt, oder gar ihre BBC-Verfilmungen gesehen hat, lese sie einfach noch einmal, diese Bücher vertragen das. So oder so lenken Lord Peters Abenteuer aufs Angenehmste von Home School, Schutzmasken und Verdienstausfall ab.

Der nächste Band erscheint allerdings erst im November

Gestartet wird natürlich am Anfang, mit dem frisch erschienenen ersten Roman. Alle weiteren gibt es als E-Book oder auf Englisch, im Original, oder antiquarisch – wobei von den westdeutschen Übersetzungen nur die von Otto Bayer zu empfehlen sind, die älteren sind gekürzt. Oder wir kultivieren die Vorfreude auf den nächsten Band der hübschen Neuausgabe. Sie kommt aber leider erst im November.

Dorothy L. Sayers: Ein Toter zu wenig. Ein Fall für Lord Peter Wimsey, Kriminalroman, aus dem Englischen von Otto Bayer, Rowohlt-Verlag 2020, 271 S., 15 Euro