Unterm Strich: Basteln mit Anian Zollner

Anian Zollner ist Schauspieler, aber auch Drehbuchautor. Außerdem ist er mein Kieznachbar. Daher nimmt er den kurzen Weg zu mir nach Hause, anstatt durch die halbe Stadt ins Atelier zu kommen. Obwohl wir uns schon eine Weile kennen, war er noch nie in meinen privaten Räumen.

Das ist vielleicht nicht erwähnenswert, aber ich mache ja Fotos (siehe Internethinweis am Ende des Textes), und plötzlich überlege ich, was ich noch aus dem Weg räumen sollte, damit es hinterher nicht zuviel über mich erzählt. Schließlich muss man bei all den Verrückten, die unsere Stadt immer neurotischer machen, vorsichtig sein. Gleichzeitig möchte ich für gute Stimmung sorgen. Das nimmt die Ehrfurcht vor der Kunst und schafft Raum für die eigene Kreativität.

Damit auch alles klappt, habe ich vorsorglich einen Piccolo Sekt eingekauft. Er habe etwas Angst, sagt mir Zollner schon in der Tür, weil er doch gar nicht wisse, was er denn gestalten soll. Da helfe jetzt auch kein Sekt. Was bauen? Was denn bloß? Seine Schwester habe ihm dazu geraten, etwas aus Ton zu kneten. Sie absolvierte unlängst eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und hat damit gute Erfahrungen gemacht. Von ihr weiß er auch, dass man in Amerika Zeugen etwas aus Ton kneten lässt, um es bei Gericht als Beweismittel einzusetzen. Das sei oft eindeutiger als das, was man in Worte zu fassen versucht. Das passt gut.

Anian Zollner muss oft den Bösewicht spielen, zuletzt im „Tatort: Ihr Kinderlein kommet“. Auch mir hat er immer wieder Schauer über den Rücken gejagt, obwohl wir uns, wie gesagt, schon eine Weile kennen und ich ja weiß, dass er natürlich ganz anders ist, aber andererseits − kann man sich sicher sein? Wer weiß, was da im Innersten verborgen schlummert? Den Sekt lasse ich im Kühlschrank.

Es ist auch ein Irrglaube zu denken, die beste Kunst entstehe im Rausch. Also hole ich einen Batzen Ton aus dem Reservatenschrank, fünf Kilo feinste Erde. Dann hieve ich den Klotz auf unseren Wohnzimmertisch. Zur Sicherheit noch einen Müllsack als Unterlage. Dazu ein paar Modelliermesser und eine Drahtschlinge, mit der man den Ton zerteilen kann.

Überzeugender Würger

In Zollners Spielerhänden erhält die Szenerie zwischen Drahtseil und Plastiksack mit einem Mal einen ganz anderen Kontext. Prompt geht er auf meine Assoziation ein und macht fürs Foto den Würger. Überzeugend. Im nächsten Moment aber lockert er die Situation schon wieder auf, indem er trocken kommentiert, dass ein Kilo Ton auch gereicht hätte. Zumal er noch immer keine Idee hat, was er bauen soll.

Langsam ziehen sich seine Augenbrauen zusammen. Er legt die feingliedrigen Hände ab. Erst mal muss ich ihre besonders schöne Gestalt bewundern. Zollner lacht auf. Auch seine Großmutter habe ihm wegen deren Schönheit schon früh geraten, Arzt zu werden. Am besten Frauenarzt. Ich gucke, was Zollners Augenbrauen machen, und bin erleichtert, als er endlich anfängt, den Ton behutsam zu kneten. Noch immer bleibt Zollner skeptisch und nimmt sich Zeit, von seinen Filmprojekten zu erzählen, zuletzt von „Wir wollten aufs Meer“. Es sind feine Anekdoten, wie sein Marktwert auch mit der Prominenz der Kollegen (Diehl, Fehling) steigt, obwohl die eigene Rolle klein war.

Doch unser Gespräch rückt immer mehr in den Hintergrund, als Zollner ächzt, dass er nicht mehr reden könne. Der Kopf in seinen Händen nimmt Form an. Er bekommt ein Gesicht. Eine viel zu große Nase, wie Zollner leicht bitter bemerkt. Auch der Hinterkopf sei noch zu dürftig. Er brauche mehr Hirn! Ob er sich etwas mehr Ton nehmen dürfe? Wie gehen Ohren? Immer wieder muss ich mich ins Profil setzen, damit er die Ohrläppchen nachzeichnen kann. Immer wieder verrutscht der Spachtel, will das fremde Gesicht einen anderen Muskel, eine andere Mimik bekommen. Zollner hat offenbar Feuer gefangen. Mittlerweile ist er kaum noch zu bremsen, und er betont, wie viel Spaß ihm das mache und wie neu das für ihn sei. Der Kreativrausch findet auch nach zwei Stunden kein Ende.

Für mehr Hinterkopf sorgt dann eine Mütze, unter der man die Ohren gut verstecken kann.

Bildstrecken zur Bastelserie unter www.berliner-zeitung.de/basteln