Unterm Strich: Basteln mit Wanda Perdelwitz

Das ist so eine Sache mit der Schönheit und ewigen Jugend. Kaum werden die Tage schöner und die Nächte jünger, möchte man dem natürlich in nichts nachstehen. Ich will nicht behaupten, dass das ein unlösbarer Druck wäre. Inzwischen gibt es genügend Mittelchen, die den allmählichen Verfall hinauszögern. Doch mischt sich beim Anblick der Blütenpracht vor meinem Atelierfenster eine gewisse Wehmut hinein, zumal sich die Natur jedes Jahr erneuert, ich nicht. Zum Glück haben wir die schönen Schauspieler. Dank Film und Datenerhalt bleiben sie in ihrer von der Zuschauersehnsucht gewünschten Verfassung, gut ausgeleuchtet und gern nachträglich manipuliert.

Heute hat sich die überaus natürliche und vielseitige Film- und Theaterschauspielerin Wanda Perdelwitz zum Basteln eingeladen. Ja, sie wollte unbedingt kommen, weil sie die Idee prima findet, und überhaupt wird sie während der drei Bastelrausch-Stunden das meiste inspirierend und prima finden.

Wanda finde ich auch prima. Mit ihrem Auftritt in meinem etwas schäbigen Raum bestätigt sie mir genau den Eindruck, den ich von ihr via Bildschirm hatte: Sie strahlt und ist zum Staunen bereit. Das muss sie auch. Schließlich habe ich keine Kosten und Mühen gescheut, um meinem Lieblingsthema den exakten Schliff zu verpassen, will sagen: Ich habe im Baumarkt zwei Primeln besorgt und buntes Papier nebst Brausepulver und sauren Pommes vorbereitet, damit wir im Innenhof ein jugendliches Bastelvergnügen abhalten.

Wanda hat auch was vorbereitet. Das fängt schon damit an, dass sie sich kaum setzen möchte. Sie schwirrt durch den Raum, dass ich sofort die Theaterprägung spüre. Als ehemaliges Ensemblemitglied unter Armin Petras, eine, die sich den Raum nimmt, statt sich einfach mal ins rechte Bild setzen zu lassen. Gespannt hört sie sich meine Idee an. Jetzt sie!

Nicht umsonst habe sie einen zweiten Namen von ihrer Mutter und ihrem Vater − Schauspieler und Regisseur − erhalten. Colombina, die als einzige der Commedia dell’ Arte Figuren ungerechterweise keine eigene Maske hat. Dass eine Schauspielerin eine solche bauen möchte, ist vielleicht nicht ungewöhnlich in härter gewordenen Zeiten des Jugendwahns. Auch erinnert es mich an die gute alte Zeit des Verkleidens und der Mitbringsel von Verwandtschaften, wenn die in Venedig waren und ein solches Porzellandings im Gepäck hatten.

Soweit zu meinen Vorbehalten. Vielleicht bin ich auch nur gekränkt, weil ich nicht draußen sitzen und rauchen darf. Daher erzähle ich von meinen ausgiebigen Recherchen zur Konservierung, von Glycerin, das die Blumen haltbar mache, ähnlich wie beim Mumifizieren, was wohl aber mehr Zeit in Anspruch nehme. Aber Wanda steht schon in Position und möchte lieber eine Maske basteln.

So sei es! Das ist jugendlicher Furor, der heutzutage ja zu Kompromissen bereit ist. Eine echte Blüte kann man schließlich auch auf die Larve kleben. Schnell findet Wanda ein geeignetes Grundelement, eine Salatplastikschüssel vom Pizzaboten, worin ich normalerweise Farben mische. Mit der Schere bearbeitet sie sorgsam die Form, als hätte sie die ganze Woche über nichts anderes getan. Dabei hat sie viel anderes zu tun!

Die nächste Staffel von „Großstadtrevier“ ist in Arbeit, wo sie eine quirlige Polizistin spielt. Schwer vorstellbar, dass dieselbe gerade zur hoch konzentrierten Bastelkönigin mutiert, die gern auch mal in eine andere Rolle springt, um mir den alten Mann zu simulieren, den sie im Maskenworkshop ihrer Schauspielschule gegeben hat.

Inzwischen ist die ehemalige Kleckerschale blendend weiß und per 3D-Stift mit ein wenig Mimik ausgestattet. Immer wieder überprüft Wanda deren Richtigkeit, weil es beim Spiel immer auf Reduktion ankäme, genau wie in allem, was überzeugt. So hält sie sich noch eine schöne Weile an der Frage auf, ob das Ganze eine Nase braucht oder nicht und dass Wimpern kitschig wären, aber hochgezogene Augenbrauen nicht. Stimmt! Der Blick aus diesen melancholischen Augen trifft bestens unsere Bastelerfahrung: staunend, die Schönheit befragend und mit einer unsichtbaren Glycerinträne im sich verflüssigenden Blau.