Kiki wird 29, er trägt spitze Lederstiefel und enge Jeans, das Hemd in die Hose gesteckt, die oberen Knöpfe offen, dunkles Brusthaar quellt hervor. Am Gürtel sitzen zwei Smartphones quer in ihren Halterungen. Vor dem Haus ist sein Chevrolet Camaro geparkt, die Chromfelgen glitzern silbrig in der untergehenden mexikanischen Sonne. Kiki, eigentlich Enrique, lebt in Guadalajara und feiert Geburtstag. Da er aber nicht irgendwer ist, feiert er auch nicht irgendwie.

Das Erdgeschoss seines zweistöckigen Reihenhauses ist komplett leergeräumt, im gefliesten Eingangsbereich zeugen noch zwei aus der Wand ragende Marmorträger von einem Glastisch. An die hundert Gäste schieben sich durchs Haus, während die Elterngeneration auf Gartenstühlen der Musik lauscht: Vom kleinen Patio aus, dem Innenhof, schallt Banda-Musik live durch Haus und Nachbarschaft.

"Narcocorridos" sind "Drogenballaden"

Mexikanische Banda-Musik: der ungehobelte Bruder der Böhmischen Blasmusik, doppelt so schnell, schrill, stampfend und hochenergetisch. Drogenkartelle lassen ihre „Heldentaten“ bevorzugt in Banda-Liedern nacherzählen, dann werden daraus „Narcocorridos“ – ganz romantisch mit „Drogenballaden“ übersetzt.

Kiki nimmt sich eines der wenigen Mädchen zu einem Tänzchen. Ab und zu stürzt er einen Tequila hinunter, wie es sich als Geburtstagskind gehört. Für die Tequila-Versorgung ist ein Mitarbeiter von „El Jimador“ angereist, der vor seinem Promo-Aufsteller die Flaschen öffnet und Margarita aus Dosen ausschenkt. Ein hilfsbereiter Freund rennt mit einer Flasche durchs Haus und schüttet den Agavenschnaps direkt in die offenen Münder der Feiernden.

Wer auf die Toilette will, muss nur den Schildern folgen. Während das obere Bad den „Mujeres“ (Frauen) vorbehalten ist, pinkeln unten aber nicht die „Hombres“. Die Klobeschriftung lautet hier „Kikines“, die Mehrzahl von Kiki also. Die Männlichkeit hat einen Namen.

Inzwischen wurde der Schlauch ausgepackt. Die Konstruktion besteht aus einem großen Einfülltrichter, der unten in einen verriegelbaren Schlauch mit vier Mundstücken mündet. Oben wird „Agua loca“ eingefüllt, „verrücktes Wasser“, bestehend aus Bier, Tequila und Dosen-Margarita. Der Schlauchwart wählt vier Gäste aus, die ihre Münder ansetzen müssen. Öffnet man das Ventil, so schießt das Agua Loca die Kehlen hinab, Schlucken ist dank des Drucks kaum nötig.

Leichtes Geld verdienen

Während Kiki, bleich, aber immer noch aufrecht, selbst an seinem zweiten Schlauch hängt, stellt sich sein älterer Bruder vor. Drei Smartphones am Gürtel, einen Ferrari-Schlüsselanhänger aus der Hosentasche hängend. Ob man sich amüsiere, fragt er nüchtern und mit einem freundlichen Lächeln. Liebevoll auf seinen Bruder deutend zwinkert er zu, man sage, Kiki sei der Hübsche von beiden Brüdern. Dann geht er wieder, zwei Freunde folgen ihm mit einem halben Schritt Abstand.

In Mexiko kennt jeder jemanden, der „dinero fácil“ machen möchte, leichtes Geld, und sich zum Beispiel für die Marihuana-Ernte in die Dienste eines Kartells stellt. In Guadalajara wohnen deshalb viele Kartellfamilien, da die Stadt als ruhig gilt. (Wenn nicht ausnahmsweise, wie vor zwei Jahren, eine Handgranate in eine Disko im Stadtzentrum geworfen wird, in der gerade Kartellangehörige feiern.)

Die Party hat toll zu sein

Als sich auch die zwölfköpfige „Banda“ einen Feierabend-Schlauch gönnt, liegt die Geburtstags-Piñata schon zertrümmert auf dem Boden und verliert ihre Eingeweide aus Süßigkeiten. Kiki hatte den traditionellen papierumwickelten Tonkrug wie beim Topfschlagen mit verbundenen Augen gesucht und versehentlich gegen einen fotografierenden Gast geschleudert, dessen Kamera eine blutige Spur auf seiner Stirn hinterließ. Aber die Party ist toll, weil sie toll zu sein hat, und keiner würde wagen, das in Frage zu stellen. Wer gelangweilt schaut, hat sofort einen Saufschlauch im Mund – und sagt danke. Inzwischen rutscht ein Tanzpaar beim Salsa in der Küche aus und fällt in die braunen Getränkepfützen. Umstehende helfen ihnen auf. Zwei Minuten später rutschen sie wieder aus.

Spät am Morgen verlassen die Gäste allmählich die Party. Manche ziehen weiter in einen Club. Die meisten wanken zu ihren Autos und fahren nach Hause. Kiki ist jetzt 29.