Berlin - Weil Advent ist und auch wir Tierfreunde uns nach etwas Licht im Dunkel sehnen, habe ich nach guten Nachrichten gesucht. Und jede Menge gefunden. „Tierschutz ist unteilbar!“, las ich. „Wir stehen alle in der direkten Verantwortung, das Wohl der Tiere zu verbessern. Dies tun wir aus tiefster innerer Überzeugung. Der Schutz des Tieres ist seit Anbeginn ein Kernpunkt unserer Firmenphilosophie.“

Das versichern nicht irgendwelche unbedeutenden Leutchen! Nein, die Zitate stammen von einem der größten Fleischereiunternehmen Deutschlands, „Tönnies Fleischwerk“. Es „befasst sich im Kerngeschäft mit der Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung von Schweinen, Sauen und Rindern“. Logisch, dass Schlachtung, Zerlegung und Verarbeitung „im Kern“ dem Schutz des Tiers und der zwischenkreatürlichen Verantwortung dienen. Warum sonst würde man Schweine, Sauen und Rinder schlachten und zerlegen? Ja wohl nur, um an diesen Kern heranzukommen: So werden bei Tönnies jährlich 16 Millionen Saumägen von Niedriglohnarbeitern freigelegt.

Fröhliches Schlachtvieh

Über dem Tönnies-Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück prangt das Firmenlogo mit fröhlichem Schlachtvieh. „Ihr Schweinelein kommet, oh kommet doch all!“ Doch nicht nur dort, sondern im gesamten deutschen Schweinezerlegungsgewerbe herrscht rund ums Jahr himmlisches Jauchzen und Frohlocken. Zum Beispiel bei der Firma Vogler; sie schlachtet 2,5 Millionen Schweine jährlich. „Tierwohl ist bei Vogler gelebter Alltag und der Grundstein zu guten Schweinefleischprodukten.“ − „Gelebter“ Alltag ist eine bemerkenswerte Paraphrase für ein Schlachtunternehmen, das, wie man annehmen könnte, definitionsgemäß eher den Tod anvisiert. Und sobald das Tier „Fleisch“ ist, ist doch sein „Tierwohl“ zu Ende. Oder?

Einmal bin ich einem Schweinetransporter bis zu dem Vogler-Schlachthof bei Salzwedel hinterhergefahren. Zu meiner großen Enttäuschung waren gerade an diesem Tag die hawaiianischen Empfangskomitees ausgesetzt. Leider keine Blumenkränze: „Hallo Schwein, hier erwartet dich dein fröhlicher Alltag!“ Nein, da stand neben dem Tor ein Schild: „Nur für Fleischtransporte.“ Verwirrend. Da denkt man, angeliefert würden Schweine, aber nein, Schweine dürfen bei Vogler gar nicht rein. Nur Fleisch. Der wohlige Schweinealltag wird anscheinend anderswo gelebt.

Zum Beispiel in kleinen Schweineställen. Man redet ja heute immer von Massentierhaltung, aber ganz ehrlich: Wo sollen die denn alle stehen? Wer soll das ganze Zeugs denn kaufen? Sämtliche Leute, die ich kenne, kaufen „nie Fleisch von Aldi“, stattdessen „nur Fleisch von glücklichen Schweinen“. Die gehen auf den Wochenmarkt, „wo ich den Bauern kenne“. Die „geben dafür lieber ein bisschen mehr aus“. Ja, es muss viel mehr deutsche Kleinbauern geben, als wir medienbeeinflusste Konsumparanoiker gemeinhin denken.

Zukünftige Dosenwurst

Kürzlich habe ich so glückliche Schweine besucht. „Die brauchen keine Antibiotika“, sagte der Bauer. „Die haben ein richtig gutes Leben.“ Okay, als erstes machte der Bauer im Stall mal das Licht an. Anscheinend stehen die Schweine den ganzen Tag im Dunkeln. Und in der Scheiße. Rumlaufen konnten sie schon (bis auf die, die hinkten), aber halt handbreit in der eigenen Scheiße. Der Stall wird erst, wenn alle geschlachtet sind, sauber gemacht. 30 Tiere teilen sich einen Nippel fürs Wasser. Eine Futterraufe von zwei Metern, die wird zwei Mal am Tag befüllt.

Die Tiere waren unglaublich zutraulich und schnupperten an unseren Händen, während der Bauer über sie sprach, als seien sie bereits Dosenwurst. Ein Schwein von 180 Kilo gibt so und so viel Dosenwurst, die genaue Zahl hab ich vergessen. Aber „da muss gar nicht viel gewürzt werden, so gut schmecken die!“

„Und die haben auch keinen Stress beim Schlachten, die gehen freiwillig auf den Transporter.“ Wie das, fragte ich. „In dem Transporter ist nämlich Stroh, das macht die so neugierig.“ Weil sie während ihres kurzen Lebens nämlich kein Stroh hatten, keine Wiese, nichts zum Wühlen. Weil sie im Dunkeln durch die Scheiße liefen. Zwei Stunden vorm Schlachten können sie ihren Rüssel dann noch einmal zu dem einsetzen, wozu Natur ihn gedacht hat. Da höre ich die Engel weinen.