Eine Hauskatze.
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BerlinDer Kater jagt. Kerzengerade sitzt er auf dem Stuhl und beobachtet die dicke Fliege, die auf dem Rand der Kaffeetasse entlangwandert. Eklig, ja. Aber nur aus Menschensicht.

Der Kater ekelt sich nicht. Er wartet regungslos. Nicht einmal die Schnurrhaare bewegen sich. Die Fliege verharrt und beginnt sich zu putzen. Bestimmt nimmt sie ihr Gegenüber, dessen Pelzgesicht keinen halben Meter von ihr entfernt prangt, in ihren Facettenaugen wahr. In tausend Stücken oder auch tausendfach im Ganzen, wer weiß? Aber: einen halben Meter entfernt! Bis ein schwerfälliges Säugetier den überwunden haben könnte, denkt sie vielleicht, wäre sie doch längst weg.

Die Fliege wandert weiter und beim Kater zuckt ein Rückenmuskel. 200 Bilder pro Sekunde sieht die Fliege, zwölfmal so viele wie wir, in ihren Augen hat er vermutlich genüsslich einen Buckel gemacht. Was sie offensichtlich nicht stört. Sie erhebt sich ohne Hast in die Luft, um in Richtung Butterdose weiterzusurren. Der Jäger bildet sich ein, es handle sich um Flucht und tatzt los. Viel zu langsam natürlich, die Fliege dreht lediglich eine Extrarunde und landet wie geplant auf dem Glasdeckel. Gefahr? Welche Gefahr?

Auch andere Beutetiere bewerten ihre Situation alle paar Sekunden neu und bleiben, wenn kein akuter Handlungsbedarf besteht, entspannt. Und Jäger haben ohnehin keinen Stress. Im Gegenteil – ich bin der Fliege oder Nachtfaltern oder Käfern ja dankbar – scheint der Kater beim angespannten Beobachten seine Batterien gleichzeitig aufzuladen und zu entladen. Es stresst ihn nicht, auf kleinste Bewegungen vor ihm zu lauern und dabei gleichzeitig die Geräuschkulisse hinter sich zu kontrollieren, sondern es entspannt ihn.

Nur der Mensch, auch wenn er der mächtigste Beutegreifer von allen ist, macht sich Sorgen, obwohl kein Anlass sichtbar ist. Aus diesem Schatten da hinten könnte doch eine Gefahr hervortreten, man könnte den Job verlieren, Corona bekommen oder mit seinem Papiermüll vor einer überfüllten Tonne stehen. Sich Sorgen zu machen, bedeutet, dass man zweimal leidet, sagt Joanne K. Rowlings Newt Scamander in dem Film „Phantastische Tierwesen“. Und dieser Magier und Zoologe muss es wissen. Denn nicht nur bei Nifflern und Donnervögeln weiß man nie, was als nächstes kommt, auch Gewohnheiten und Erfahrungswerte können das Unvorhersehbare nicht abwenden.

Der Kater ändert seine Strategie, er schiebt sich langsamst millimeterweise näher. Die Fliege spreizt im Sitzen ihre Flügel, untersucht deren Unterseiten und scheint unbesorgt. Was nimmt sie wahr? Eine vorübergehende Verdunkelung des Lichts? Eine harmlose Verpelzung des Horizonts? Ihre Ruhe imponiert mir. Da sitzt kein schwarzglänzendes Ungeziefer mehr auf meinem Frühstückstisch, sondern eine anbetungswürdige Zen-Meisterin.

Jetzt aber sollte sie vielleicht doch abschwirren, denn der Kater stößt ein leises Jagdgezwitscher aus und ist fast über ihr. Da stehe ich auf, nehme ihn weg und zerstöre die Szenerie – grobmotorisch eine Überlegenheit verteidigend, an die ich letzten Endes offenbar doch nicht geglaubt habe. Die Fliege ist weg, der Kater gurrt mürrisch und tatzt an meine Beine. Er will jagen und wenn es die Feder an der Katzenangel ist. Das habe ich jetzt von meinen schwachen Nerven.