Dass im Lexikon die aus dem Griechischen stammenden Wörter „Idiot“, „Idiotie“ und „Idiotikon“ so dicht aufeinander folgen, scheint sich dem Zufall des Alphabets zu verdanken − denn während die beiden ersteren die schwerste Form der Geistesschwäche bezeichnen, ist letzteres ein spezielles wissenschaftliches Wörterbuch.

Die tiefe Verachtung, mit der heute jemand als Idiot beschimpft wird, setzt die Abwertung fort, mit der in der ursprünglichen Bedeutung „Privatmenschen“ bezeichnet wurden. So setzten Politiker die Bürger herab oder Gelehrte die Laien. Das griechische „idiotes“ ist von „idios“ abgeleitet, was „eigen“ bedeutet. Daher stammt auch „Idiom“ − die Eigentümlichkeit einer Sprache − oder eben „Idiotikon“ für ein Dialektwörterbuch.

Idiotes waren im antiken Griechenland also noch nicht unbedingt schwach an Geisteskraft, sondern lediglich politisch und gesellschaftlich minderbemittelt: Privatmänner, Unpolitische oder in Staatsangelegenheiten Unkundige − man könnte auch sagen: Individualisten. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war der Idiot allgemein ein Nichtwissenschaftler, im Gegensatz zum gelehrten Fachmann.

"Ungelerter unbeleßner Mensch"

Im allerersten deutschen Fremdwörterbuch von Simon Roth „Ein Teutscher Dictionarius“ von 1571 steht zum Idioten schon mit deutlich negativer Bedeutung: „Ein Griechischwort Latine inutilis. Unnütz der niemandt dann jhm selbs nutz ist. Aigennutzig. Item ein grober unverstendiger ungelerter unbeleßner Mensch ein kunst unnd Gelerter leut feindt.“

Im Sinn von Nichtwissenschaftler bezeichnete noch Herder den Philosophen Sokrates als Idioten. Ein wahrer Sprachforscher, so Herder, müsse jemand sein, „der Philosophie und Geschichte und Philologie verbinde, der als Fremdling Völker und Nationen durchwandert und fremde Zungen und Sprachen gelernt hätte, um über die seinige klug zu reden — der aber zugleich, als ein wahrer Idiot, alles auf seine Sprache zurückführte, um ein Mann seines Volks zu sein.“

Der Dichter Johann Gottfried Seume schrieb 1801 von unterwegs: „Du weißt, daß ich hier ziemlich Idiot bin und mich nicht in das Heiligtum der Göttin wage; ob ich gleich über manche Kunstwerke meine ganz eigenen Gedanken habe, die mir wohl schwerlich ein Antiquar mit seiner Ästhetik aus treiben wird.“

Ende des 18. Jahrhunderts und zunehmend im 19. Jahrhundert wurde Idiot im Deutschen für Dummköpfe und Schwachsinnige gebraucht, so schrieb Friedrich Engels vom Lande Kaiser Franz’ und seines „wasserköpfigen Sprößlings“: „Vor Revolutionen war das Reich des gekrönten Idioten einstweilen noch sicher.“ Die Bezeichnung wurde von Anarchisten wie Peter Kropotkin übernommen und sogar von Gustav Meyrinck in „Das grüne Gesicht“: „Bis zum äußersten Heulen und Zähneklappern ist dann nur noch ein Schritt und man hängt eines Tages in Orden und Frack neben Isidor dem Schönen oder sonst einem gekrönten Idioten mit Birnenschädel und Botokudenschnauze im Speisezimmer“

In ärgerlicher Weise töricht

Die dialektische Bildung „Fachidiot“ stammt von Karl Marx, auch wenn das Phänomen schon von Jean Paul beschrieben worden war: „Jeder Fachmann ist in seinem Fach ein Esel!“ Marx schrieb 1847 von „idiotism du métier“ in seinem Werk, das erst 1885 unter dem Titel „Das Elend der Philosophie“ ins Deutsche übersetzt wurde: „Was die Arbeitsteilung in der modernen Gesellschaft charakterisiert, ist die Tatsache, dass sie die Spezialitäten, die Fachleute und mit ihnen den Fachidiotismus erzeugt.“

Idiot ist in der Gegenwart, wie Herbert Pfeiffer schreibt, „ein sehr häufiges starkes Schimpfwort für einen in ärgerlicher Weise törichten Menschen“. Erinnert sei auch an Jens Ingvald Bjørneboe, der 1969 schrieb: „Einmal von jedem kleinen Zeitungsidioten mit all der Scheiße bekleckst zu werden, die es auf Gottes schöner Erde gibt, durch Jahre hindurch, − das ist gesund und gut.“

Wie man auf www.recht24.de erfahren kann, ist die Aussage „Du blöder Idiot!“ eine Meinungsäußerung oder ein Werturteil, kann also nicht als üble Nachrede, wohl aber als Beleidigung geahndet werden und bis zu 1500 Euro kosten.

Demnächst in unserer kleinen Schimpfwortkunde: Motherfucker