Fünf Jahre, von 1991 bis ’96, litt der Dramaturg Michael Eberth am Deutschen Theater. Er litt am Verfall der Theaterkunst und an ihrer beleidigend gut geölten Funktionstüchtigkeit in Ost und West. Er litt an seinen Misserfolgen, an den Erfolgen von DT-Intendant Thomas Langhoff, der Eberth vom Burgtheater Wien ans Deutsche Theater mitgebracht hatte; er litt an dem Verlust seines Hauses in Oberhofen am Irrsee; er litt daran, dass er seiner Vaterrolle nicht gerecht wurde, dass keiner außer ihm die Augen aufkriegte und dass ihn keiner verstand, nicht mal er selbst.

All dieses Leid − und die vielleicht einzig gebliebene Freude, nämlich die am Formulieren, Sinnieren und Zuspitzen − dokumentieren seine Tagebücher: „Was ich hier erlebe, kann ich keinem der Leute, mit denen ich täglich verkehre, ins Gesicht sagen. Es würde sie bis in die Abgründe kränken.“

Am Montag, 20 Jahre nach seinem Weggang, kehrte Eberth ans Deutsche Theater zurück, um im Saal, wo die Ehrenmitglieder des DT-Ensembles hinter Ulrich Khuons lieber Wandverkleidung versteckt sind, eben jene Tagebücher vorzustellen, die er unter dem Titel „Einheit“ im Alexander-Verlag veröffentlicht hat (s. BLZ vom 25. 9.). An diesem Montag kann er in lauter Gesichter von Leuten sehen, mit denen er damals verkehrte, und beobachten, wie die Abgrundkränkungen sitzen, die der Schauspieler Jörg Pose mit maliziöser Freude vorträgt. Gute Idee?

Nach der Lesung gibt es ein Gespräch mit dem einstigen, sichtbar bestürzten DT-Dramaturgie-Kollegen Alexander Weigel („Wir haben sogar zusammen Silvester gefeiert!“) und mit dem Schaubühnenleiter Thomas Ostermeier, der einst von dem scheidenden Eberth die DT-Baracke entgegennahm und dort seinen Aufstieg begann. Ostermeier bestätigt einige Eindrücke von Eberth, stellt aber auch klar, dass man nicht für einen dünkelhaften, ideologieverkrusteten oder pseudosubversiv-ironischen Staatsschauspieler gehalten werden musste, um von Eberth beschimpft zu werden; auch ihn selbst verbinde so mancher „tiefe Streit“ mit ihm. „Ich war“, sagt Ostermeier später, als schon so manches unkontrollierte Wort gefallen ist, „das Kuckucks-Ei, das Sie dem DT ins Nest gelegt haben, um es über Ihren Fortgang hinaus zu demütigen.“

Das sollte ein Scherz sein, und Eberth lächelt mit traurigen Augen. Was ging in ihm vor, als die Schauspielerin Blanche Kommerell, Weigels Gattin, dem Moderator Thomas Irmer mit den Worten „Die Kollegen im Westen waren nicht besser!“ das Gespräch entreißt und endlich für das Publikum öffnet? Was, als der damalige Ausstattungsleiter Eberhard Keienburg aufsteht und nach der Kontrollfunktion des Verlags ruft, weil er − nicht ohne Grund − seine Lebensleistung in dem Tagebuch herabgewürdigt sieht? Was, als ein weiterer Dramaturgie-Ex-Kollege, Maik Hamburger, die Sache mit „DT-Superstar“ Eberhard Esche ausführt? Bei einer Ensemble-Versammlung habe Esche, wie Eberth richtig schreibt, zu ihm gesagt: „Sie sind ein Feind des Deutschen Theaters!“ Das Zitat, so Hamburger nicht ohne Genuss, gehe aber noch weiter: „Sie sind nicht mein Feind, dazu sind Sie zu klein.“ Was geht in Eberth vor, als er gefragt wird, warum er mit der Veröffentlichung gewartet habe, bis Thomas Langhoff tot ist und sich nicht wehren kann?

„Es ist“, sagt Ebert wieder traurig lächelnd, „ein Selbstporträt.“ Er erzählt, welche seelischen Qualen es ihm bereitet habe, die Tagebücher abzuschreiben und zu sehen, „was für ein Idiot“ er damals war. Er verstehe nicht, woher er damals diese Selbstgewissheit genommen habe. Der Schaubühnen-Dramaturg Dieter Sturm, der einst ebenfalls am DT war, habe zu Eberth zum Abschied gesagt, dass er sich gebärde, als besäße er einen Kompass. Über diesen Kompass wundere er sich heute, so Eberth. Die Abschrift und Veröffentlichung des Tagebuchs seien ein „Massaker“ an ihm selbst. Er habe damals „unbegreifliche Dinge gemacht“ und längst den Glauben an seinen Hochmut verloren.

Mag Eberths Selbstgewissheit Schaden genommen haben, der Narzissmus ist noch immer stark genug, um seine pointierten Irrtümer und interessant verzerrten Beobachtungen in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Auch zur Selbstdarstellung gehört Mut, und es ist nicht auszuschließen, dass der Streit darüber der Wahrheitsfindung dient. Wunden sind jedenfalls garantiert.