Milan ist gestorben. Die Leser der Berliner Zeitung kennen den Wirt der „Schankwirtschaft zu den fünf Ziegen“ von seinen Texten, die er hier unterm Strich veröffentlicht hat. Eine quälende Krankheit zwang ihn innerhalb von ein paar Monaten mit roher, völlig unangebrachter Unerbittlichkeit viel zu früh aus dem Leben. Milan, der eigentlich Andreas hieß und den seinen Freunde Assi nannten, starb kurz nach seinem 52. Geburtstag. Er hinterlässt Mutter, Schwester, Bruder und seine Frau, die ihn tapfer durch die Krankenhaus-, Untersuchungs- und Therapie-Tortur begleitet hat. Zurück bleibt auch ein unüberblickbarer, sehr bunter Haufen von Freunden, zu denen viele seiner Stammkunden geworden sind. Einer von ihnen schreibt hier.

Liebeskummer trieb mich in die „5 Ziegen“. Eine ernste Sache, aber lange her. Als mich die Frau meines damaligen Lebens verlassen hatte, wusste ich verletzter und erschütterter Jungspund nicht, wohin mit mir. Die Kneipe in der Lychener Straße hatte ich gelegentlich aufgesucht vor allem wegen der kuschelgeeigneten Sofas, nun kam ich regelmäßig, meist zu früh am Abend eines dieser endlosen Tage, setzte mich mit meinem Schmerz an den Tresen und versoff mein gesunderweise sehr spärliches Budget. Zeit sollte vergehen und mit ihr, wie ich damals allerdings kaum hoffte, der Schmerz. Assi schien mich über Wochen nicht zu bemerken, er grüßte flüchtig, schwieg, las: Thomas Bernhard zum Beispiel. Ich hörte seine Musik – Grateful Dead, Neil Young, Leonard Cohen – und begann, den einen oder anderen Stammgast wiederzuerkennen. Ich versuchte vorsichtig, wieder mit Menschen zu sprechen. Es tat gut. So gut, dass ich eines fast schon lustigen Abends nicht nach Hause wollte, obwohl mein Geld alle war. Assi stellte mir ein Bier hin: „Du zahlst, wenn du kannst.“ Er hat mir damit mehr als nur diesen einen Abend gerettet. Es ging nicht ums Geld, sondern um das heimatliche Gefühl, einen Deckel zu haben. Ich fand Freunde in den „5 Ziegen“. Wir fuhren weg, kochten und aßen gemeinsam (zu Hause, in den „5 Ziegen“ gab es meistens nicht einmal Erdnüsse).

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